Wochenendkolumne
Warum die Relegation auf die Müllhalde gehört
Niko Kovac lächelte, doch er war ein nervliches Wrack. Man schrieb den 23. Mai 2016, Mitternacht dräute, als der heute 50-Jährige im Presseraum des Nürnberger Frankenstadions Platz nahm. Die von ihm damals trainierte Eintracht aus Frankfurt hatte das Relegationsrückspiel beim Club durch einen Treffer von Haris Seferovic 1:0 gewonnen und nach dem 1:1 im ersten Duell den Abstieg aus der Bundesliga vermieden. Damals kam die sogenannte Auswärtstorregel noch zur Anwendung, ein 0:0 hätte den Franken zum Aufstieg genügt. Auf beiden Seiten flossen Tränen.
Hier aus tiefer Frustration, dort aus Erleichterung und Glück. „Was die Spieler nervlich erleiden und ertragen, das geht schon ins Unermessliche. Und ich würde mir wünschen, dass das nicht mehr so ist“, sagte Kovac und fügte hinzu: „Ich bin glücklich, dass wir es geschafft haben. Aber glauben Sie nicht, dass ich morgen nicht zum Kardiologen laufe.“ Drama. Jahrein, jahraus.
Ehrlicher Titel, ehrlicher Abstieg?
Für mich gibt es nur eine Lösung: Die Relegation muss weg. Die Granden des FC Bayern betonen seit einem an nationalen Meisterschaften reichen Jahrzehnt, der Bundesliga-Titel sei der ehrlichste. Wer nach 34 Spieltagen an der Spitze stehe, der habe dies verdient. Kein Widerspruch. Doch bedeutet das, der Ehrlichkeit halber, nicht auch, dass diejenigen drei Klubs, die das Tabellenende bilden, absteigen müssten? Natürlich! Wer es in besagtem Zeitraum nicht schafft, der hat mit den Konsequenzen zu leben. Dynamo Dresden etwa hat im Jahr 2022 kein einziges Zweitliga-Spiel gewonnen und dennoch die Chance erhalten, seine Aufenthaltsgenehmigung im Unterhaus des deutschen Fußballs zu verlängern. Ist das fair? Mitnichten. Umgekehrt: Wer sich in einer Runde auf Platz drei gespielt hat wie der Hamburger SV in der Zweiten oder der 1. FC Kaiserslautern in der Dritten Liga, der muss belohnt werden.
Bruchhagens Offenheit
Die Frage, warum die Relegation im Jahr 2009 überhaupt wiedereingeführt wurde, kann man sich leicht beantworten: Es geht ums liebe Geld. Heribert Bruchhagen, damals Vorstandsmitglied der Deutschen Fußball-Liga, sagte jüngst: „Der Hauptgrund war, zusätzlichen Content für die verschiedenen Fernsehanbieter zu schaffen. Das Free-TV musste bedient werden.“ Die Einschaltenquoten sind in der Tat enorm. Für neutrale Fans ist die Relegation ein frei empfangbarer Nervenkitzel – für Protagonisten und Fans beteiligter Vereine der blanke Horror, auch wenn die Spiele für ihre Klubs positiv enden. Drei weitere Aspekte kommen hinzu: Die Verantwortlichen haben eine weitere Woche später erst Planungssicherheit; die Spieler haben eine Woche weniger Zeit zur Erholung; oft lassen die Fans unterlegener Teams ihrem Frust freien Lauf.
Der Steuerzahler blecht
Beispiel 2012, als der Karlsruher SC gegen Jahn Regensburg scheiterte, Teile der Anhängerschaft randalierten und die Geschäftsstelle zu stürmen versuchten. Beispiel 2016/17, als das Rückspiel zwischen den letztlich unterlegenen Münchner „Löwen“ und auch da triumphierenden Regensburgern vor dem Abbruch stand. Beispiel 2021/22, als Dynamo-Randalettis den Rasen mit Feuerwerkskörpern übersäten, Hooligans die Kabine entern wollten und Ordner verletzt wurden. Relegation bedeutet auch unter dem Aspekt der Sicherheit oft höchstes Risiko, enormes Polizeiaufgebot und demzufolge unnötige Kosten für den Steuerzahler.
Die Lösung wäre einfach: einheitliche Gestaltung der drei obersten Spielklassen mit je 20 Klubs, drei Auf-und drei Absteigern. Heribert Bruchhagen sagt deutlich, wer das bis dato zu verhindern wusste: die international spielenden Vereine wie Bayern München oder Borussia Dortmund, die ihre Belastung schon jetzt als zu groß ansähen. Vereine also, die es sich nach dem Rundenende stets auch erlauben, durch Asien oder die USA zu tingeln, um Sponsoren zu beglücken oder neue Märkte zu erschließen. Die Zeit ist reif – die Relegation muss weg.