Sport RHEINPFALZ Plus Artikel Triathlet Sebastian Kienle: Im „offenen Vollzug“

Auf der Rolle im Hotelzimmer: Sebastian Kienle beim Fahrradtraining.
Auf der Rolle im Hotelzimmer: Sebastian Kienle beim Fahrradtraining.

Sebastian Kienle, der Ironman-Weltmeister von 2014, sitzt auf Fuerteventura fest. Eine Geschichte über Bewegungstherapie auf dem Balkon des Hotelzimmers, Lektüre in dramatischen Zeiten und Sorgen über Veränderungen nach der Corona-Krise.

Das vorerst letzte Foto, das er bei Instagram postete, zeigt Sebastian Kienle im Hotelresort Playitas auf Fuerteventura. Im Hintergrund das Blau des Meeres, eine Palme, Kaffeetassen auf dem Tisch. Kienle sitzt da, Basecap, schicke große Sonnenbrille, in der rechten Hand das Mobiltelefon. Ein Hauch von Auszeit im Trainingsalltag eines Weltklasse-Triathleten. Es duftet nach Entspannung. Doch der Schein trügt. „Dieselbe Prozedur seit 14 Tagen“, schreibt Kienle unter das Foto, „Nachrichten checken. Immer wenn du glaubst, es könnte nicht schlimmer werden ...“ Er schließt seinen Post mit den Worten: „Schenkt jedem ein Lächeln. Was wir am meisten zu fürchten haben, ist die Furcht an sich und was sie mit Menschen machen kann.“

Sebastian Kienle geht es gut, seiner Frau Christine ebenso. Beide sind gesund. Sie bewohnen ein großes Apartment, die Versorgung ist gewährleistet. „Die Klopapier-Situation ist gut“, sagt Kienle und lacht. Dabei ist ihm in diesen Tagen nicht nach scherzen zumute. Er ist Profi, Weltmeister, mit 35 wohl nicht mehr im Sommer seiner Laufbahn. Jedes Jahr zählt. Er muss trainieren, diszipliniert bleiben, auch wenn er nicht weiß, wann er wieder starten kann, ob das Coronavirus vielleicht sogar den Saisonhöhepunkt befällt, den Ironman auf Hawaii. Die Situation sei beschissen, sagt Kienle, aber bei Weitem nicht so beschissen wie etwa für die Athleten des Deutschen Schwimmverbandes, die unlängst ebenfalls im Playitas Resort trainiert hätten. Stell dir vor, du hast nur einmal in deinem Leben die Chance auf Olympia ...

Freie Zeit nutzt Kienle zum Lesen

Kienle darf wie alle anderen das Hotelgelände nicht verlassen. Er weiß nicht, wann er wieder draußen wird laufen oder radeln können, wann in einen Pool springen. Doch Kienle ist ein zu reflektierter Mensch, als dass er seine eigene Befindlichkeit über alles erheben würde. „Was für mich ein großes Problem ist, ist in Relation zu den Sorgen anderer nichts“, sagt er.

Völlig ohne Bewegung muss er zum Glück nicht bleiben. Das, meint er ironisch, würde seine Ehe auch auf eine harte Probe stellen. „Für mich ist es schon immer so gewesen, dass Sport auch ein Stück weit Therapie ist, ich kann auf der Rolle trainieren, wir haben einen großen Balkon, das ist so wie offener Vollzug.“ Die freie Zeit nutzt Kienle zum Lesen.

„Habe eher Angst, überfahren zu werden“

Aktuelle Lektüre: „Factfulness – Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ von Kultautor Hans Rosling, einem Statistiker und Wissenschaftler. Quintessenz: Das Gehirn verführe den Menschen zu einer dramatisierenden Weltsicht, die mitnichten der Realität entspräche. Passend gerade, oder? „Ich will nicht so eingebildet sein und sagen, dass ich meistens vor den richtigen Sachen Angst habe“, sagt Kienle, „letztendlich muss man sich immer fragen, was zu tun ist. Normalerweise bin ich Realist, ich habe eher Angst, auf der Straße überfahren zu werden.“

Globale Krisen – globale Lösungen

Die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus hält er für richtig. Doch langfristige, die Krise überdauernde Beschränkungen der Reisefreiheit, von Persönlichkeitsrechten, der vielleicht keimende Gedanke, eine Abkehr von der Globalisierung zurück zu nationalstaatlichem Denken könne Probleme wie das aktuelle vermeiden – das ist es, was Kienle Sorge bereitet. „Es war schon immer klar, dass es Gefahren wie die durch das Coronavirus gibt. Wir können das Ganze schaffen. Aber globale Krisen verlangen nach globalen Lösungen!“ Kienle wünscht sich eine weltumspannende Task Force, einen Expertentruppe, gefördert von vielen Staaten, auch um Probleme zu erkennen, ehe sie entstehen.

Unterstützung hilft jenseits der Weltspitze

Wann es nach Hause geht, welchen Flug er und seine Frau bekommen, wusste Kienle am Mittwoch noch nicht. Heute wollten sie die Insel ursprünglich verlassen. Mit auf die Heimreise nähme Sebastian Kienle eine gute Nachricht: Die Profivereinigung der Triathleten (PTO) schüttet als Soforthilfe rund 2,34 Millionen Euro aus. Der PTO gehören rund 100 Profis an. Darunter die besten 35 bei den Männern und den Frauen. Die Heidelbergerin Laura Philipp, 14-malige Gewinnerin von Mitteldistanzrennen und im Vorjahr bei ihrem Hawaii-Debüt Viertplatzierte, postete als Reaktion auf die frohe Kunde in einem sozialen Netzwerk ein Herz.

Auch Kienle freut sich. Unterstützung täte gerade für die Athleten jenseits der Weltspitze not, und viele der Sponsoren könne man nicht noch mehr in die Pflicht nehmen. „Ich möchte mir nicht anmaßen, Solidarität von ihnen zu fordern“, sagt Kienle, „viele werden selbst massive Probleme haben, Geld zu verdienen.“

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