Leichathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Tobias Potye: In einer Reihe mit klangvollen Namen

Tobias Potye bei der Qualifikation in Budapest.
Tobias Potye bei der Qualifikation in Budapest.

Das EM-Silber von München und der 2,34-Meter-Sprung von Chorzow seien „geile Erfolge“, sagt Hochspringer Tobias Potye. Aber er glaubt längst noch nicht an das Ende der Fahnenstange. Im WM-Finale am Dienstag trifft er auf zwei Konkurrenten, die in Tokio bewegende Olympiageschichte schrieben.

Tobias Potye ist in den Top Ten der deutschen Hochspringer angekommen – und zugleich in der Weltspitze. Nach einigen entbehrungsreichen Jahren im Leistungssport steht er in der Reihe klangvoller Namen wie Mögenburg, Nagel, Sonn, Kreißig oder Martin Buss, der vor 22 Jahren Weltmeister geworden war. Und nicht zu vergessen: Mateusz Przybylko, den Europameister von 2018, der in Berlin 2,35 Meter sprang.

Vor fünf Wochen überflog Potye in Chorzow 2,34 Meter. Carlo Thränhardts deutscher Rekord (2,37 Meter) rückt also in Sichtweite. Plötzlich gilt der 28-Jährige im überschaubaren Kreis deutscher WM-Hoffnungsträger als heißer Kandidat. Wenn er sagt, der dritte Platz werde in Budapest hart umkämpft sein, dann hört man heraus, womit Potye, der selbst ernannte Underdog, liebäugelt.

Gerade so ins Finale

Als er am Sonntag um die Mittagszeit aus dem heißen Kessel in den kühlen Bauch des Stadions kam, vergaß er die Sonnenbrille abzunehmen, wirkte erleichtert, aber auch ausgelaugt und fand nur wenige Worte. Mit dem dritten Sprung über 2,28 Meter schaffte er gerade so den Einzug ins Finale. „Fast eine halbe Stunde zwischen jedem Sprung, damit hatte ich zu kämpfen gehabt“, gestand er. Einziger Vorteil: Er hat den sehr schnellen Boden kennengelernt. Aber eine ungeschriebene Leichtathletikregel besagt ja, dass Qualifikationswettbewerbe unangenehmer sind als die Finals, weil oftmals reine Kopfsache. Bei Potye hatte zudem der Oberschenkel zugemacht. Er wolle den Physiotherapeuten aufsuchen und später Familie und Freunde treffen. Gut 60 Stunden bis zum Finale müssen abwechslungsreich gefüllt sein.

Vor einem Jahr war der Münchner in seiner Heimatstadt ins Rampenlicht gerückt – mit EM-Silber über 2,27 Meter und dem denkwürdigen Satz: „Mein Körper mag quasi keinen Leistungssport.“ Über all die Jahre nach dem U20-EM-Titel 2013 plagten in Sehnenschmerzen, schon 2018 war er bei 2,27 angekommen, doch 2019 machte er gar keinen Wettkampf. Er litt derart, dass er seine Karriere infrage stellte. Sein Plan: wenig bis gar kein Techniktraining. Ein Hochspringer, der nicht Hochsprung trainiert? Kaum einer glaubt ihm das, aber offenbar geht das. Er holt sich seine Sicherheit aus den Wettkämpfen und lebt von seinem Talent. Mit neuem Mut und einem Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr hat er sein Informatikstudium unterbrochen, um sich bis zu Olympia in Paris als Profi durchzuschlagen.

Am Dienstag gilt’s

Bei den Weltmeisterschaften 2021 in Eugene, die der EM vorgeschaltet waren, hatte sich Potye nur als Teilnehmer gefühlt. Am Dienstag will er richtig mitmischen. Die internationale Spitze ist keinesfalls nach oben ausgebrochen. Mutaz Essa Barshim, der in über zehn Wettkämpfen über 2,40 Meter flog, führt mit 2,36 Meter die Jahresbestenliste an, sucht indes nach seiner Form. Das Finale, in dem der Olympiasieger aus Katar seinen vierten WM-Titel hintereinander gewinnen will, wird erst sein sechster Wettkampf sein. Mit 2,35 Metern folgen JuVaughn Harrison (USA) und der nicht startberechtigte Russe Daniel Lysenko. Potye und Gianmarco Tamberi, der Potye EM-Gold wegschnappte, lauern dahinter. Alles nur Statistik. Papier ist bekanntlich geduldig, die Wahrheit liegt vor und über der Latte.

Barshim und Tamberi – das sind die beiden, die vor zwei Jahren in Tokio für einen historischen, ja einen bewegenden Moment gesorgt hatten. Nachdem beide 2,37 gesprungen und an 2,39 Metern gescheitert waren, bei der gleichen Anzahl von Fehlversuchen, hätte es ins Stechen gehen sollen. „Können wir auch zweimal Gold haben“, fragte Barshim frech den Kampfrichter, Tamberi schaute ungläubig. Nach dem „Ja“ lagen sich die Freunde jubelnd in den Armen. Auf diese beiden – beim Diamond-League-Meeting in Chorzow vor Potye platziert – trifft der 1,98-m-Schlaks erneut. „Sie sind alle in Schlagreichweite“, sagt er. Zwar ließen die Qualität seiner Sprünge zuletzt auf wenig Konstanz schließen, aber mit den herausragenden 2,34 Metern weiß Potye, was er kann, und er ahnt: „Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht.“

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