Sport Strischament im Kaukasus
Puschkin, Gogol, Dostojewski, Turgenjew und vor allem Tolstoi – ich liebe die russische Literatur. In ihr habe ich gefunden, was man die russische Seele nennen könnte: Schwermut, Gleichmut und Heldenmut. Hochgefühl und Trübsal, die wie Geschwister sind. Gehorsam und Widerstand. Tiefsinn und Leichtsinn ... Das Schicksal meinte es gut mit mir: Als junger Journalist, Hauptstadt-Korrespondent der RHEINPFALZ, konnte ich mehrmals in die Sowjetunion reisen. Und es war mir so, als würde ich dort Menschen treffen, wie sie bei Tolstoi, Dostojewski und den anderen beschrieben sind. Mitte Juli 1990 war ich in jenem Bonner Journalisten-Tross, der den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl auf seiner bald legendär gewordenen Reise nach Moskau und nach Stawropol begleitete. Stawropol im Vorkaukasus ist die Heimat des damaligen sowjetischen Generalsekretärs Michail Gorbatschow. Hier, in „Stawropolskij Kraj“, einem Bezirk doppelt so groß wie die Schweiz und mit etwa drei Millionen Einwohnern, war Gorbatschow „Erster Parteisekretär“. Mit seiner Reform der Landwirtschaft machte er bis Moskau von sich reden. Er verhinderte, dass die Landwirtschaftsbürokratie den Berg „Strischament“ mit Getreidefeldern überzog. Denn auf diesem Berg wachsen aromatische Kräuter, die hier seit Generationen zu Kräuterlikör, dem „Strischament“, verarbeitet werden. Ob die Leute in Stawropol das überhaupt wissen? Als sie bemerken, dass ich Deutscher bin, kommen wir schnell ins Gespräch. Stawropol war vom 3. August 1942 bis zum 21. Januar 1943 von deutschen Truppen besetzt. Bis zum Elbrus, dem 5633 Meter hohen Kaukasus-Gipfel, hatte Hitler die deutschen Truppen getrieben. Zehntausende Tote hatte es gegeben, Russen und Deutsche. Ich kannte die Geschichte. Wir waren uns einig, dass sie sich niemals wiederholen dürfe. Meine Gastgeber schenkten mir „Strischament“ ein. Wir umarmten uns. Ich war angerührt, ja beschämt von ihrer Bereitschaft zur Versöhnung und ihrer Gastfreundschaft. 140 deutsche Journalisten beobachteten die Gespräche Gorbatschows mit Kohl in Moskau. Die Staatsführung hatte organisiert, dass sie alle Gorbatschow und Kohl in den Kaukasus begleiten sollten. Doch nur 40 von ihnen machten mit. Die anderen fürchteten, aus dem Kaukasus keine Nachrichten nach Deutschland telefonieren oder senden zu können. Den Plan des Kreml konnte das nicht ändern. Wir 40 Journalisten wurden auf zehn Busse verteilt. Auf dem Weg zu den sauren Quellen des Kurortes Pjatigorsk halten wir an einem Intourist-Hotel. 17 Bedienungen für 40 Gäste, 140 Gedecke. Eine Kellnerin tänzelt unablässig nur um meinen Tisch. Eine Tanzkappelle spielt Lambada. In den Datschen neben dem Hotel schwimmen unterdessen unter monsunartigen Regenfällen die unbefestigten Innenhöfe davon. Eine durchgerostete Dachrinne kracht zu Boden. Die Bewohner stehen mit nacktem Oberkörper im Regen und lachen. Als es nur noch tröpfelt, gehe ich rüber zu den Menschen, die ich durchs Hotelfenster beobachtet habe. Gleichmütig nehmen sie das Chaos um sich herum zur Kenntnis. Ein Junge kann ein bisschen Englisch. „Was sollen wir schon machen?“, sagt er. „Es sind derzeit überhaupt keine Dachrinnen zu kriegen. Aber es gibt ja viel Schlimmeres.“ Am nächsten Tag kommen wir in Mineralnyje Wody an. Im Sanatorium dort verkünden der sowjetische Staatschef und der deutsche Bundeskanzler, dass sie die schwierigsten Hindernisse auf dem Weg zur deutschen Einheit aus dem Weg geräumt haben. Freudentränen! Mein Bus steuert den falschen Flughafen an. Als Kohl längst in der Luft ist, verhandeln wir, wie wir zurück nach Deutschland kommen. Mit stoischer Ruhe begegnen uns die Russen – und finden eine Lösung.