Leichtathletik
Stabhochsprung und Speerwurf: Zwischen Hoffen und Bangen
Um 19.26 Uhr ging ein Jubel durch das Zweibrücker Westpfalzstadion, der bei den rund 500 Zuschauern nahtlos in ein bedauerndes „Ooooh“ überging. Der Deutsche Meister im Stabhochsprung, Oleg Zernikel (ASV Landau), hatte im dritten Versuch gerade die 5,86 Meter übersprungen. Zernikel jubelte auf der Matte, die Zuschauer am Mattenrand, als die Latte doch noch fiel. Nichts war es mit dem neuen Meeting-Rekord. Zernikel, der seinen Vorjahressieg wiederholte, war dennoch zufrieden. „Ich weiß auch nicht, mit was ich die Latte noch berührt habe“, sagte er und mutmaßte schmunzelnd: „Wahrscheinlich mit dem Brustnippel“. Mit übersprungenen 5,70 Meter gewann Zernikel. Viel Luft war da zwischen Athlet und Latte im erfolgreichen dritten Versuch. Er sei mit einem härteren Stab gesprungen. „Dass ich damit die 5,70 Meter souverän drin habe, ist positiv. Mental bin ich wieder voll da“, freute sich der 27-Jährige.
„Ärgerlich“ – Raphael Holzdeppe (LAZ Zweibrücken) hätte Zernikel den Meeting-Rekord gegönnt, sah den Versuch aber als gutes Omen. „Vor einem Jahr hatte er in Rehlingen auch so einen Sprung, und danach lief es bei den deutschen Meisterschaften richtig gut für ihn“, erinnerte sich der Weltmeister von 2013. „Das stimmt, das nehme ich mal so mit“, freute sich Zernikel.
Zweiter Platz geht an Finnen
„Schade für Oleg, aber der dritte Versuch über 5,70 Meter war schon ein Versprechen für die Deutschen“, sagte auch Stabhochsprung-Bundestrainer Andrei Tivontchik. Die Form stimme. Die 5,86 hatte Zernikel in Absprache mit Tivontchik auflegen lassen, nachdem der Zweitplatzierte, der Finne Mikko Paavola (5,50 Meter), im dritten Versuch die 5,70 Meter gerissen hatte und sein Sieg feststand.
Platz drei holte sich Lokalmatador Holzdeppe mit übersprungenen 5,30 Meter. Zwei Versuche über 5,50 Meter sahen sehr vielversprechend aus. „Was ihm jetzt noch fehlt, ist Wettkampfroutine“, sieht auch Tivontchik Holzdeppe auf einem guten Weg zurück. Dass ihm Wettkampfroutine fehlt, bestätigte dieser. Da mache sich das Jahr Wettkampfpause bemerkbar. „Hatte ich so nicht erwartet“, räumte Holzdeppe ein, war aber mit der Leistung im heimischen Westpfalzstadion zufrieden. „Ich freue mich einfach über jeden guten Wettkampf.“
„Ich bin halt erschrocken“
Eine echte Schrecksekunde hatte Christin Hussong (LAZ Zweibrücken) in ihrem vierten Versuch im Speerwurf zu überstehen. Plötzlich lag sie nach dem Wurf am Boden: „Ich habe gestemmt, konnte es aber irgendwie nicht mehr richtig stehen.“ Auch Papa und Trainer Udo Hussong hatte nicht genau gesehen, was da passiert war. Erst sei ihr durch den Schock richtig übel gewesen, so Hussong, und die Beine hätten gezittert. „Ich bin halt erschrocken, da ich kopflastig veranlagt bin“, sagte sie. Kurzes Bangen, aber der Physiotherapeut war gleich zur Stelle, kurz darauf gab Hussong Entwarnung und konnte wieder lächeln. Zur Sicherheit lässt sie sich am Montag aber noch beim Physiotherapeuten checken, Training am Sonntag gehe aber wohl auch.
Gewonnen hatte sie den Wettbewerb da schon, gleich mit dem ersten Versuch auf 61,94 Metern. Zweite wurde die dreimalige Olympia-Finalistin, Kathryn Mitchell aus Australierin (57,36), vor der Italienerin Sara Jemai (53,81) im Feld der sechs Teilnehmerinnen. Für die 39-jährige Mitchell war es in Zweibrücken der erste Wettkampf nach dem Finale von Tokio, zwischenzeitlich war ihre Mutter gestorben. Trainiert wird sie von DDR-Legende Uwe Hohn, dem 104,80-Meter-Werfer aus den 1980ern. Generell fühle sie sich in guter Verfassung auf ihrer Europa-Tournee, wo sie Finnland als Basiscamp hat. „Speerwurf: Manche Tage sind gut, manche schlecht“, meinte sie lachend. „Ich habe es aber geliebt, hierher nach Zweibrücken zu kommen, und würde gerne auch mal wieder zum Trainieren herkommen.“
„Bin dann übel gestürzt“
Der Stabhochsprung-Wettbewerb der Frauen ging bei der relativ niedrigen Höhe von 4,35 Meter Höhe zu Ende. Jacqueline Otchere (MTG Mannheim) drehte das Ergebnis des Vorjahres um: Sie landete vor Titelverteidigerin Michaela Meijer aus Schweden, die im Jahr 2021 mit 4,60 Metern gewonnen hatte. Die 26-jährige Otchere war ganz zufrieden mit ihrer Saisonbestleistung: „Ich hatte mich im Januar mit Corona infiziert und konnte erst im April mit dem Techniktraining beginnen. Und es war erst mein zweiter Wettkampf aus zwölf Metern Anlauf.“ Mit dem Anlauf hatte sie zu Beginn noch Probleme, hinten raus sei es aber immer besser geworden.
„Es ist immer schön, hier in Zweibrücken zu springen“, sagte sie weiter. Dass sie die letzten Versuche allerdings ausgelassen hat, sei eine Kopfsache gewesen: „Ich war 2019 bei der DM mal als Letzte noch im Wettkampf und bin dann übel gestürzt.“ Nun geht’s weiter nach Bern und in zwei Wochen zu den deutschen Meisterschaften nach Berlin.
Die Schwedin war als Zweite mit ihrem einzigen Sprung über 4,25 Meter ein wenig ratlos. „Mein erster Sprung war ja gut“, sagte die Frau mit einer Bestleistung samt schwedischem Rekord von 4,83 Metern. „Eigentlich hatte ich großes Zutrauen heute. Der erste Sprung war gut, es war schön warmes Wetter, und es ist so ein schöner Ort zum Springen. Ich weiß nicht, was dann passiert ist“, meinte die 28-Jährige ein wenig enttäuscht.