Fussball
Stürmische Zeiten für Frauen-Fußball-Nationalteam
Wer sich noch nach behaglichen Spätsommertagen sehnt, reist jetzt nicht unbedingt in die dänische Region Midtjylland. Aber vielleicht kann die steife Brise ja nicht schaden, die den deutschen Fußballerinnen bei der Landung in Karup ins Gesicht wehte. Die Zeiten sind eben rauer geworden, wenn es für das Frauenfußball-Nationalteam mit den Nations-League-Aufgaben in Viborg gegen Dänemark (Freitag 18 Uhr/ARD) und dann in Bochum gegen Island (Dienstag 18.15 Uhr/ZDF) darum geht, den Abwärtstrend endlich zu stoppen.
Deutschland ist durch das WM-Desaster nur noch Sechster der Fifa-Weltrangliste. Dazu fehlt die erkrankten Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Insofern lastet einiger Ballast auf dem Ensemble, das Britta Carlson vorübergehend anleitet. Die in die Verantwortung gerückte Assistentin forderte Aggressivität und Leidenschaft ein, „die wir bei der WM nicht immer gezeigt haben“. Ein weiteres Eingeständnis des Versagens ins Australien.
Aussage Popps macht hellhörig
Als Kapitänin Alexandra Popp sich vor einer „schönen Herausforderung gegen einen internationalen Topgegner“ (Carlson) auf der Pressekonferenz äußerte, hörte sich das verhalten optimistisch an. Dem Team sei klar, was gegen die Däninnen mit Starstürmerin Pernille Harder auf dem Spiel stehe. Zur WM sei nur ein „Mini-Rückblick“ angestellt worden: „Wir haben Gespräche geführt, um offen miteinander umzugehen.“ Die seit Jugendzeiten mit Voss-Tecklenburg verbandelte Torjägerin wollte aber kein klares Bekenntnis zu ihrer langjährigen Förderin abgeben. Die Frage, ob sie sich die Rückkehr der Bundestrainerin wünsche, ließ die 32-Jährige unbeantwortet: „Wir hoffen, dass Martina wieder gesund wird und voll genesen irgendwann wieder da ist. Alles andere entscheidet der Verband und nicht wir.“ Derlei Distanz von einer der wichtigsten Fürsprecherinnen der Vergangenheit muss hellhörig machen.
Zugleich nahm die Anführerin aber auch ihre Mitspielerinnen in die Verantwortung, eine Trotzreaktion nach dem historischen Vorrundenaus zu zeigen. Popp, Deutschlands Fußballerin des Jahres, will eine „positive Spannung“ spüren, wo man auch mal „gegenseitig aneckt“. Doch die Bedingungen für einen Neustart sind herausfordernd. Es könnte ein stürmischer Herbst werden. Die Nations League, die die Uefa auch den Frauen übergestülpt hat, entscheidet über zwei freie Startplätze zum Olympischen Fußballturnier 2024, wo auch die bereits 2016 mit Gold noch unter Silvia Neid dekorierte Popp unbedingt noch mal mitspielen möchte.
Die vielleicht vor einem Jahr zu überschwänglich abgefeierten Vize-Europameisterinnen müssen dafür schnell eine andere Haltung entwickeln. Der auf unkritische Behaglichkeit ausgelegte DFB-Rahmen, der aktuell wieder bespielt wird, passt da nicht wirklich. Die Nationalelf der Frauen scheint für den Dachverband insgesamt eine kompliziertere Baustelle als jene der Männer. Die Verästelungen sind weitreichender; Verstimmungen, vielleicht auch nur Missverständnisse schwerer zu greifen – auch weil die Fassade so geschminkt rüberkommt.
Dissonanzen in der Mannschaft
Welches Lächeln und welche Umarmung gerade authentisch sind, wissen vielleicht einige Protagonisten selbst nicht so genau. Dieses Team ist keine Schlangengrube, es gibt keinen Zickenkrieg, aber es sind in der Summe zu viele Dissonanzen entstanden – sei es nur das Wetteifern um Aufmerksamkeit (und Zusatzverdienste) in den Sozialen Medien.
Mehrere Spielerinnen waren in der vom DFB angesetzten Befragung, federführend übrigens der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou, so ehrlich, solche Missstände anzusprechen. Nur allzu gerne hätte DFB-Präsident Bernd Neuendorf seine Erkenntnisse mit der Analyse der Bundestrainerin abgeglichen. Doch dieser entscheidende Part der Aufarbeitung ist blockiert. Nun schleppt man den Rucksack mit sich herum.