Sport-Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Sport ohne Zuschauer – ein No-Go

Geisterspiele machen’s möglich: Auf der Tribüne der Münchner Allianz Arena wächst das Unkraut.
Geisterspiele machen’s möglich: Auf der Tribüne der Münchner Allianz Arena wächst das Unkraut.

Wir feiern gerne posthum 100. Geburtstage und ehren schon mal einen Großen an seinem 200. Todestag. Warum jetzt nicht mal an ein Ereignis erinnern, das gar nicht stattfindet?

Am Freitagabend hätte die Fußball-Europameisterschaft 2020 begonnen. Im Olimpico in Rom. Vermutlich mit einem 0:0 des Gastgebers, der „Squadra Azzurra“, gegen die türkische „Ay-Yildizlilar“. Ausverkauftes Stadion. Hier und da Public Viewing unter den Tifosi. Oder, im deutschen Garten, nach der Grillparty noch ein schönes Eröffnungsspielchen auf der flachen Glotzkommode. 65 Zoll oder so. Big is beautiful.

Ist aber alles nicht. Nur das Coronavirus ist unter uns. Zum Trost, die „Euro 2020“ gibt’s 2021. Vielleicht!

Nicht mal Gespenster beim Geisterspiel

Stattdessen in dieser verrückten, Fußball-Welt: Nagelsmann kehrt mit Leipzig heim nach Sinsheim, und mit ihm im Stadion sind wirklich nicht mehr als 288 Menschen. Einige maskiert, alle hygienisch einwandfrei. Nur: keine Stimmung, keine Bengalos. Keine Polizei, keine Hools. Nichts. Kein echter schöner Torjubel, keine Schwalben. Nicht mal Gespenster beim Geisterspiel.

Der Ball rollt und rollt und rollt. Nun schon seit Mitte Mai. Schreckensszenarien, etwa neue Hotspots in Bundesliga-Arenen, sind ausgeblieben. Von bevorzugten Tests unter den Profifußballern und benachteiligten Menschen, die auf Tests warten, ist keine Rede mehr. Unsere Jugendmannschaften dürfen immer noch nicht kicken, aber egal, die Kids sollen jetzt eh erst mal in die Schule gehen.

Ja, so ist das halt: Auf den ganz großen Aufschrei folgt die ganz große Stille. Nur aus dem Ausland fliegt großes Lob in die Bundesliga. Sie scheint nachahmenswert.

Also: alles gut. Läuft. Droht da was zur Normalität zu werden?

Verdammt noch mal, nein, da stimmt was nicht. Fußball ohne Fans, Sport ohne Zuschauer – das ist ein No-Go! Nein, sportliche Wettkämpfe finden nicht aus rein kommerziellen Interessen statt. Nie und nimmer. Sport ist Unterhaltung, Spannung und Ästhetik. Sport gemeinsam zu erleben, das bindet Familie und Freunde. Sport ist auch Flucht aus dem Alltag, und Sport gibt manchen ein Selbstwertgefühl. Sport hat Identifikationspotenzial und Vorbildcharakter. Deshalb gehen Menschen zu Sportveranstaltungen, pilgern Fans ins Stadion.

Das große Schweigen

Und jetzt können sie nicht. Merkwürdig ist, dass genau diese Abhängigkeit und Einflussnahme zwischen Sportlern und Zuschauern öffentlich nicht thematisiert und die wichtige Rolle des Zuschauers im Sport in allen Diskussionen unterschätzt wird. Fast immer stehen Sportler und Organisatoren, fast nie steht der Wert, den Zuschauer ausmachen, im Fokus. Wenn ich nur daran denke, welche Aufschreie es gab, als in den ersten Tagen der Leichtathletik-WM in Doha die Zuschauerränge nicht voll besetzt waren und wie nach dem WM-Abschluss deutsche Zeitungen immer noch Bilder von einem leeren Stadion abdruckten, obwohl es längst proppenvoll war. Und jetzt wird Fußball ohne Massen einfach hingenommen?

Die Rolle des Zuschauers ist so alt wie der Sport selbst. In der griechischen und römischen Antike nahmen Wettkämpfe einen sehr hohen Stellenwert ein. Römische Gladiatorenkämpfe im ersten Jahrhundert – mit 80.000 Zuschauern im Kolosseum – oder die Wagenrennen – mit über 300.000 Menschen im Circus Maximus – sind genau so wenig ohne Zuschauer ausgekommen wie später die mittelalterlichen Ritterspiele oder dann die Boxkämpfe in England im frühen 19. Jahrhundert.

Ganz klar: Sport mit seiner Schönheit übt nicht nur Faszination auf die Athleten aus, sondern auch auf die Zuschauer. Ob im Fußball-Hexenkessel oder im Dressur-Viereck. Es muss ja einen Grund haben, warum in nahezu allen deutschen Fußballtempeln die Rundbahnen für Leichtathleten verschwunden sind. Weil der Fan so nahe dran sein soll wie auf den 21 Serpentinen von Alpe d’Huez.

Diese Pandemie mag ja unser Zusammenleben für immer stark verändern, aber an einen Sport ohne Zuschauer wollen wir uns bitte nicht gewöhnen. Einverstanden?

Klaus D. Kullmann
Klaus D. Kullmann
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