Sport
Sport-Kolumne: Der Handball ist bunt
Immer im Januar, immer wieder das gleiche Thema. Wenn die deutschen Handballer bei einer Großveranstaltung nach einer Medaille streben und die Sportart folglich bundesweit große Aufmerksamkeit genießt, kommt früher oder später die Frage auf, warum in der Nationalmannschaft der Männer so wenige Spieler dabei sind, die einen Migrationshintergrund haben. Im Januar 2020 startete die Debatte früher als sonst, denn der Westdeutsche Rundfunk (WDR) strahlte mit Beginn der Europameisterschaft, die am vergangenen Wochenende mit dem Titelgewinn der Spanier endete, in seinem Format „Sport Inside“ einen Beitrag mit dem Titel „Handball in Deutschland: Weiß und deutsch wird zum Problem“ aus. Darin werden die Probleme innerhalb des Deutschen Handballbundes (DHB) beleuchtet, der einen massiven Mitgliederrückgang verzeichnet. Der DHB steht mit knapp 750.000 Mitgliedern zwar weltweit weiterhin auf Platz eins, verlor in den zurückliegenden 13 Jahren aber knapp 100.000 Mitglieder. Dramatisch ist dabei die Tatsache, dass besonders im Kinder- und Jugendbereich ein starker Rückgang zu verzeichnen ist. Der Beitrag im WDR brachte das in einen direkten Zusammenhang damit, dass sich der Verband zu wenig um Kinder aus Migrantenfamilien bemühe.
Handball ist gegenüber Migranten offen
In dem WDR-Beitrag kommt ein türkischstämmiger Jugendtrainer zu Wort, der die Zustände in den Vereinen beklagt, sich darüber ärgert, dass wenige Migrantenkinder in den Klubs spielen, gleichzeitig aber ablehnt, sich Spiele der deutschen Nationalmannschaft anzusehen, weil dort „nur blonde Köpfe auf dem Feld“ herumlaufen. Eigentlich müsste man schallend lachen, wenn die Vorwürfe nicht so ernst wären. Da wird latenter Rassismus unterstellt, und das soll mit einem Beispiel untermauert werden, dass den eigenen blanken Rassismus offenbart.
Handball verschließt sich nicht gegenüber Migranten. Im Gegenteil, der Verband hat die Probleme erkannt und ist seit Jahren engagiert, Nachwuchs zu gewinnen, unabhängig von Hautfarbe und Herkunft. Es gibt aber Gründe, warum das länger dauert als beispielsweise beim Fußball.
Der Handball stammt traditionell aus dem ländlichen Raum. Kleinere Städte wie Gummersbach, Minden, Flensburg oder Göppingen waren im Männerhandball lange führend, der Weg in die großen Städte erfolgte erst vor 15 Jahren. Im ländlichen Raum ist der Anteil der Migranten deutlich geringer als im urbanen Umfeld.
Der überwiegende Teil der Migranten in Deutschland stammt aus der Türkei, Italien, Spanien, Griechenland oder dem arabischen Raum – und in diesen Ländern ist der Handball unpopulär, in manchen Ländern findet er gar nicht statt. Er spielt deshalb in den Familien eine untergeordnete Rolle, der automatische Zugang der Kinder über den Vater, die Mutter oder ältere Geschwister ist deshalb seltener – selbst über mehrere Generationen hinweg.
Die Integration kommt zeitversetzt
Außerdem ist der Handball eine Sportart mit einem höheren Durchschnittsalter. Die Mitglieder im Verband sind überdurchschnittlich alt, die Zuschauer bei den Bundesligaspielen ebenfalls. Das bedeutet, dass die Integration zeitversetzt einsetzt und sichtbar wird. In der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gab es vor 20 Jahren noch nicht so viele Nationalspieler mit einem Migrationshintergrund wie aktuell.
Ich bin viel unterwegs beim Handball, ich war in vielen Sporthallen und habe mit Menschen geredet. Nirgends las ich vor einer Halle ein Schild, auf dem steht, dass Migranten nicht willkommen seien. Nirgends sprach ich mit Funktionären, die durchblicken ließen, keine Kinder aufnehmen zu wollen, die einen Migrationshintergrund haben.
Der Handball ist nicht fremdenfeindlich, Sport ist das ohnehin nicht. Er verbindet und baut Brücken – ganz unabhängig davon, welche Haarfarbe die Nationalspieler haben.