Olympia RHEINPFALZ Plus Artikel Speerwurf: Machtlos im Aquaplaning

Johannes Vetter kam mit dem Untergrund ob seiner Technik überhaupt nicht zurecht und wurde enttäuschender Neunter.
Johannes Vetter kam mit dem Untergrund ob seiner Technik überhaupt nicht zurecht und wurde enttäuschender Neunter.

Johannes Vetter galt als der große Favorit im Speerwurf. Die Wortwahl nach dem Wettkampf macht deutlich, dass es mit dem Sieg nichts wurde. Enttäuschend, schade, bitter, unglücklich. Ein Tag zum Vergessen.

Die olympische Goldmedaille für den weltbesten Speerwerfer lag quasi zum Mitnehmen auf dem Silbertablett bereit. Warum? Weil die weltweit sieben besten Würfe in diesem Jahr aus seinem rechten Arm stammen, keiner der Konkurrenten über 90 Meter warf. Der Olympiasieg hätte sein 20. Sieg in Folge sein können. Aber Johannes Vetter ist wie beim Aquaplaning ins Schleudern gekommen. Beim Stemmen ausgerutscht. Mit diesem Bild verglich er den Belag im Olympiastadion von Tokio. Als Neunter schied der große Favorit am Samstag, wie tags zuvor Christin Hussong, im Vorkampf aus. Mit 82,52 Metern. Seinen weitesten Wurf hatte er Ende Mai in Chorzow bei 96,29 Metern landen sehen. Eine Differenz, die sich der Außenstehende nicht wirklich erklären kann.

„Guckt euch den zweiten Versuch an, nehmt euch eine Brechtüte mit, dann wisst ihr, was hier abgeht bei Leuten, die so hart abstemmen wie ich“, sagte er. Enttäuschend, schade, bitter, unglücklich – das waren die Worte, die Johannes Vetter wählte. Die Medaillen machten der Inder Neerai Chopra (23) mit 87,58 Metern und die Tschechen Jakub Vadlejch (86,67) und Vitezslaw Vesely (85,44) unter sich aus.

Ein Mainzer ist megahappy

Dem Mainzer Julian Weber (26) fehlten 14 Zentimeter zu seinem Medaillenglück. Auf 85,30 Meter warf er den Speer im ersten Versuch, danach kam nichts mehr nach. „Ich bin megahappy, unfassbar, aber irgendwie auch frustriert. Ich kann mich nicht so freuen, wie ich es sollte, denn ich habe ja Saisonbestleistung geworfen“, sagte Weber, der natürlich einen Blick für Vetter übrig hatte.

„Er hatte sehr zu kämpfen gehabt, der Belag hält seiner Power nicht stand. Ich merke davon nichts, ich bin aber auch kein Block-Stemm-Monster“, sagte der Mainzer, die Schweißperlen auf der Stirn und doch stolz, bester Deutscher geworden zu sein. Das hätte er sich nicht träumen lassen.

Keine Ausreden gesucht

Das Unheil, das da auf Johannes Vetter zukam, zeichnete sich bereits in der Qualifikation untrügerisch ab. „Wir haben ständig versucht, die Technik an den Belag anzupassen. Es ist zum Kotzen, wenn man machtlos ist“, klagte Vetter. Gekämpft hätten sie, mental gearbeitet, er könne sich nichts vorwerfen. Und er suchte auch nicht nach Ausreden, sondern schilderte die Situation so, wie sie war. „Ich muss abbremsen, also stemmen, damit ich die volle Energie in Brust und Schulter reinbekomme, damit ich die Anlaufgeschwindigkeit in den Abwurf kompensieren und umwandeln kann. Wenn ich aber 30 Zentimeter weit wegrutsche, fehlt die Spannung“, versuchte Vetter sehr schlüssig zu erläutern, wo das Problem auf diesem Mondobelag auf ihn wartet. Zwei Jahre sei dieser Belag alt, Vetter kenne keinen vergleichbaren. Jedenfalls sorge er dafür, „dass mein technisches System komplett einbricht“, sagte Vetter.

Übers Ziel hinausgeschossen

Unbewusst übers Ziel hinausgeschossen ist er in der Beurteilung der anderen, weil er außer Acht ließ, wie sehr es bei jedem Wettbewerb auf Ort und Zeit ankommt, auf Tagesform und Pech oder Glück und dass eben das Silbertablett nicht an jedem Tag herumgereicht wird. „Sie sind halt limitiert in ihren Weiten“, urteilte Vetter, „sie haben Vollgas gegeben, und doch nur 85, 86, 87 Meter geworfen, das sind halt für mich keine Weiten.“ Julian Weber kannte diese Aussage nicht, als er dem Inder Chopra, dem Juniorenweltmeister von 2016, eine unheimliche Schleuder zusprach. „Wenn der da voll reinläuft und das Ding trifft, dann fliegt es auch“, sagte Weber, „er hat völlig zu Recht heute gewonnen.“

Sechs Wettkämpfe will Vetter jetzt noch durchziehen. „Ich möchte mit einem ordentlichen Wurf in die Off-Season gehen und dann muss ich Gott sei Dank nur noch drei Jahre auf die nächsten Olympischen Spiele warten.“ Solange bleiben Klaus Wolfermann (1972) und Thomas Röhler (2016) die einzigen deutschen Olympiasieger im Speerwurf.

Starker Norweger

Eine starke Leistung zeigte der Norweger Jakob Ingebrigtsen (20), der in 3:28,32 Minuten die gesamte 1500-Meter-Elite wegputzte. Den Hochsprung gewann die große Favoritin Maria Lasitskene aus Russland mit 2,04 Metern, über 10.000 Meter feierte Sifan Hassan nach den 5000 Metern ihre zweite Goldmedaille. Souverän spurtete sie in 29:55,32 Minuten zum Sieg. Die WM-Dritte Konstanze Klosterhalfen kam als Achte in 31:01,97 Minuten ins Ziel. Ausgelaugt und frierend sagte sie: „Es war sehr heiß und drückend. Ich bin froh, ins Ziel gekommen zu sein.“ Koko musste sich setzen. So kennt man sie nicht. Die 4x400-Meter-Staffeln gingen an die USA.

 Julian Weber erwischte einen freundlicheren Tag. Er belegte immerhin Rang vier.
Julian Weber erwischte einen freundlicheren Tag. Er belegte immerhin Rang vier.
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