Sport-Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Skandale und Debatten: Sport ist mehr als das 1:0

Sein Impfstatus war zuletzt häufiger Thema als seine sportliche Leistung: Brauchen wir solche medialen Diskussionen neben dem Pl
Sein Impfstatus war zuletzt häufiger Thema als seine sportliche Leistung: Brauchen wir solche medialen Diskussionen neben dem Platz?

Immer mehr Schlagzeilen werden abseits gemacht: der Wechselfehler von Bayern München, ein dümmlicher Bierbecherwurf, der Impfstatus von Joshua Kimmich. Ist das gut so? Ja! Weil wir dann genauer auf Missstände schauen.

Die Welt spielt doch verrückt: In den vergangenen Tagen herrschte ziemliches Tamtam wegen eines streitbaren Spielerwechsels bei der Partie Bayern München gegen SC Freiburg. Es ging um wenige Sekunden, in denen zwar auf dem Rasen nichts passierte, aber eben ein Bayer zu viel darauf herumstand. Ganze Seiten überregionaler Tageszeitungen füllte das Thema, Fernsehsendungen analysierten den Fauxpas aus jedwedem Blickwinkel. Tore, Taktik und Ergebnis rückten ins mediale Abseits, stattdessen wurden Juristen und Paragrafen zitiert, historische Vergleiche gezogen und Szenarien skizziert, was künftig passieren kann, wenn man solchen Patzern keinen rechtlichen Riegel vorschiebt. In sozialen Netzwerken las ich dazu Fragen wie: Ist das noch normal? Haben wir keine größeren Probleme als einen lapidaren Wechselfehler? Natürlich haben wir die: Krieg, Klima, Corona, explodierende Energie- und Lebensmittelpreise. Der lumpige Lapsus bediente aber hervorragend die Erregungsgemeinschaft und die Sehnsucht nach Ablenkung vom Alltag.

Vor wenigen Wochen diskutierten die Sportwelt und ihre Stammtische ausgiebig und aufgeregt über einen dummen Bierbecherwurf, davor über die Impfpassfälschung von Markus Anfang und den Impfstatus von Joshua Kimmich. Etwas länger her sind die Debatten über eine sündhaft teure Jacke von Leroy Sané und Franck Ribérys Goldsteak.

Blick über den Tellerrand ist wichtig

Es ist offensichtlich: Immer mehr Sport-Schlagzeilen finden neben dem Platz statt. Der Blickwinkel in der Berichterstattung hat sich verändert. Nämlich weg vom traditionellen Erzählen über Treffer und Bestzeiten und hin zum Drumherum, zu Emotionen, Kuriositäten, Skandalen, Schicksalen. Eines der größten Themen bei Olympia in Tokio war die mentale Verfassung der Ausnahmeturnerin Simone Biles. Bei den Winterspielen lag der Fokus auf dem Doping-Durcheinander um die Eiskunstläuferin Kamila Walijewa oder den unzumutbaren Quarantänebedingungen. Vor der WM in Katar geht es um Menschenrechte und Arbeitsbedingungen, nicht um sportliche Favoriten und Außenseiter.

Der Blick über den Tellerrand (= das reine Ergebnis) ist gut, richtig und vor allem notwendig. Sport und Sportler sind in ihrer Gesamtheit zu bewerten, als Zusammenspiel von physischen und psychischen Fähigkeiten, von Talent und Trainingsfleiß. Sport ist mehr als 1:0, er ist eine gigantische Unterhaltungsindustrie, die viel Geld investiert und viel Geld verdient. Dabei zeigt sie uns natürlich Stärken und Schwächen der Protagonisten. In der Berichterstattung geht es mal um seriöses Aufdecken von Untreue, Unmoral oder Unrechtmäßigkeiten, mal nur um seichte Unterhaltung. Beides hat seinen berechtigten Platz; beides muss eingeordnet und erklärt werden. Am Ende macht doch die Mischung den Sport so attraktiv.

Mit der Kommerzialisierung und der Digitalisierung hielt dabei auch die Skandalisierung Einzug. Medien brauchen Aufmerksamkeit, wollen Einschaltquoten und Auflagenzahlen erhöhen, Klickzahlen steigern. Je mehr Streamingdienste und Plattformen es gibt, umso mehr Programme wollen mit Gesprächsstoff gefüllt werden. Dafür braucht’s jedes Detail – unabhängig von seiner Relevanz. Ein schlichter Wettkampfverlauf reicht nicht aus; er ist zu schnell und leise erzählt. Empörung ist lauter und deshalb gut, weil sie zum Nachdenken anregt und etwas verändert.

Sport ist bei vielen fester Bestandteil ihres Lebens und ihrer Kommunikation – in Büro und Bundestag, auf Hochzeiten und an Haltestellen. Jeder kann sich über ein umgefallenes Tor in Madrid amüsieren, über den Führerscheineklat von Marco Reus echauffieren und über Mesut Özils Nähe zu Erdoğan debattieren. Die Kultur des genauen Hinsschauens ist nicht die schlechteste. Sie deckt im besten fall Misstände auf.

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