1. FC Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Sepp Maier zum 7:4 vor 50 Jahren: „Dass ihr in der Pfalz noch darüber redet“

Das Jahrhundertspiel des 1. FC Kaiserslautern: Seppl Pirrung, der das Spiel seines Lebens machte, erzielt hier einen seiner drei
Das Jahrhundertspiel des 1. FC Kaiserslautern: Seppl Pirrung, der das Spiel seines Lebens machte, erzielt hier einen seiner drei Treffer bei der Aufholjagd.

Vor 50 Jahren münzte der 1. FC Kaiserslautern einen 1:4-Rückstand gegen Bayern München in einen unfassbaren 7:4-Sieg um. Sepp Maier, damals im Bayern-Tor, erinnert sich schmunzelnd. Es war das größte Spiel in der Karriere von Seppl Pirrung, der an der Seite von Klaus Toppmöller stürmte. Die Bayern wurden „Toppis“ Lieblingsgegner.

Fußball-Krimis, Dramen und Tragödien – der 1. FC Kaiserslautern hat in den 123 Jahren seines Bestehens geschichtsträchtige Siege wie das 5:0 gegen Real Madrid im Uefa-Cup-Viertelfinale am 17. März 1982 und das 7:4 gegen Bayern München am 20. Oktober 1973 gefeiert. Vor 50 Jahren sorgte der FCK für die bisher wildeste Aufholjagd in 60 Jahren Bundesliga, aus einem 1:4 wurde ein fabelhafter 7:4-Triumph.

„Ein Jahrhundertspiel“, schwärmte Dietmar Schwager, der rustikale Lauterer Ausputzer, 2013 beim Blick zurück. „Einmalig! Das wird es nie wieder geben“, ist Ernst Diehl, damals FCK-Kapitän, überzeugt. „Der Sepp hat einen Ball nach dem anderen aus dem Tor geholt“, schilderte Franz Beckenbauer viele Jahre später ironisch das Waterloo auf Deutschlands höchstem Fußball-Berg.

Sepp Maier, dem Gaudi-Burschen, war damals nicht nach Lachen zumute. Maier war Weltklasse, Nationaltorwart. Mit 15 kam er zu den Bayern, seine Karriere endete 1980 nach 473 Bundesligaspielen, von denen 249 gewonnen wurden. Bei den 121 Niederlagen gab’s auch deftige – vor allem gegen den 1. FC Kaiserslautern. Die Frage, ob er sich noch an die Schlappe vor 50 Jahren auf dem Betzenberg erinnern kann, beantwortet Sepp Maier in einem RHEINPFALZ-Interview lachend: „Ich erinnere mich gar nicht mehr daran. An Niederlagen erinnere ich mich grundsätzlich nie. Fast nie. Ich erinnere mich nur an Siege, Meisterschaften, Titel. Und in Kaiserslautern haben wir ja in den Jahren fast immer verloren.“

Fünf der Bayern werden kurz darauf Weltmeister

Die Bayern hatten an jenem zwölften Spieltag eine super Elf auf dem Rasen. In Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Georg Schwarzenbeck, Uli Hoeneß und Sepp Maier waren fünf Spieler dabei, die knapp ein Jahr später Weltmeister wurden. „In der Halbzeit haben wir 3:1 geführt. Wir haben uns angeschaut und waren sicher, heute gewinnen wir endlich mal in Kaiserslautern. Nach dem 4:1 gleich nach der Halbzeit herrschte Friede, Freude, Eierkuchen bei uns“, schildert Maier ein Spiel, das es so wohl nie wieder geben wird.

Vor der Pause traf Bernd Gersdorff, der in der 76. Minute Rot sah, zweimal, dann Gerd Müller, der in der 57. Minute den zwischenzeitlichen Anschlusstreffer von Seppl Pirrung mit dem 4:1 beantwortet hatte. Jupp Elting im FCK-Tor war machtlos.

Das größte Spiel des kleinen Pirrung

Was aber ist dann passiert? Seppl Pirrung, der das größte Spiel seines viel zu kurzen Lebens machte, traf noch zweimal. Für den Rest sorgten Klaus Toppmöller, zweimal Herbert Laumen und Ernst Diehl. Sepp Maier: „Das war schon eine super Mannschaft, die Kaiserslautern damals hatte. Gegen uns haben sie fast immer gewonnen, aber Meister geworden sind sie in den Jahren nie.“

Sepp Maier will sich heute nicht mehr an dieses Spiel erinnern – sagt er zumindest lachend im RHEINPFALZ-Interview.
Sepp Maier will sich heute nicht mehr an dieses Spiel erinnern – sagt er zumindest lachend im RHEINPFALZ-Interview.

Woran das lag? Haben die Lauterer diese Siege zu viel gefeiert? Maier erklärt es lachend: „Zu viel gefeiert nicht. Verausgabt haben sie sich gegen uns. Und dann die nächsten zwei, drei Spiele meist verloren. Aber dass ihr in der Pfalz 50 Jahre nach dem Spiel noch immer davon redet... Wenn ich mal in der Pfalz bin oder wenn ich im Urlaub Pfälzer treffe, dann kommt die Sprache sofort auf das 7:4.“

Totenstille im Bayern-Bus

Die Stimmung in der Bayern-Kabine war nach dem Abpfiff auf dem Tiefpunkt. Unfassbares war geschehen. „Keiner hat was gesagt. Niemand hat gesprochen. Wir sind im Bus nach Frankfurt zum Flugplatz gefahren. Im Bus herrschte Totenstille“, erzählt Sepp Maier. Die angekündigte Revanche gab’s nicht – das Rückrundenspiel am 6. April 1974 endete 1:1. Aber es gab weitere spektakuläre Lauterer Siege gegen die Bayern. Ein Hauptdarsteller: Klaus Toppmöller, mit 108 Toren in 204 Spielen der Lauterer Bundesliga-Rekordtorschütze. Elfmal kam er zwischen 1972 und 1978 gegen die Bayern zum Einsatz und schoss zwölf Tore – allesamt gegen Sepp Maier.

Toppi, der Bayern-Schreck

Am 9. November 1974 gewannen die Lauterer 5:2 bei den Bayern. Klaus Wunder und Gerd Müller trafen für die Münchner, Peter Schwarz, Hannes Riedl, Roland Sandberg, Seppl Pirrung und Toppmöller für den FCK. Mit zwei Treffern beim 2:1 gegen die Bayern am 4. Oktober 1975 war „Toppi“ der Mann des Tages. Am 10. April 1976 führten die Bayern durch Tore von Jupp Kapellmann, Franz Roth und Uli Hoeneß schon 3:1. Toppmöller hatte das zwischenzeitliche 1:1 erzielt. Nach Hannes Riedls Anschlusstreffer sorgte Toppmöller mit einem Doppelschlag noch für den 4:3-Sieg der Lauterer im Olympiastadion. Im Tor der Bayern, die Dettmar Cramer trainierte, verzweifelte Sepp Maier.

Noch schlimmer kam’s für Maier am 34. Spieltag 1977/78 auf dem Betze: Der FCK fegte die Bayern mit 5:0 vom Platz. Toppmöller traf dreimal, für den Rest sorgten Benny Wendt und Reiner Geye. Letztmals, ehe ihn ein Knieschaden ausbremste, schlug Bayern-Schreck „Toppi“ am 18. November 1978 gegen seinen Lieblingsgegner zu: Toppmöller traf schon vor der Pause doppelt, Gerd Müllers Anschlusstor kam zu spät, Lautern gewann 2:1.

Beckenbauer spottet über Schwarzenbeck

„Bayern war mein Lieblingsgegner“, sagt Klaus Toppmöller, inzwischen 72. „Die meisten hatten Angst vor den Bayern. Ich hab mich auf sie gefreut. Immer wenn die Spielpläne vor einer Saison kamen, habe ich mir die Termine gegen Bayern ganz dick angestrichen. Ich war heiß drauf, gegen die Besten der Besten zu spielen. Und zu treffen ...“, verrät Toppmöller.

Klaus Toppmöller (vorne) gegen Georg Schwarzenbeck. Ein Dauerduell, das der Lauterer meist für sich entschied.
Klaus Toppmöller (vorne) gegen Georg Schwarzenbeck. Ein Dauerduell, das der Lauterer meist für sich entschied.

Der einstige Torjäger, ein Kopfballspezialist mit perfekter Technik, schildert grinsend eine Begegnung mit den ganzen Bayern-Stars, als er im Mai 1976 in München erstmals zur Nationalmannschaft kam. „Schau dir mal das Gesicht an, Katsche, sonst siehst du ihn ja immer nur von hinten“, frotzelte Sepp Maier. Georg „Katsche“ Schwarzenbeck hatte als Beschatter „Toppis“ wenige lichte Momente gehabt.

In der Kabine angestachelt

Dass Glaube auf dem Betze Berge versetzen kann, macht Klaus Toppmöller bis heute an jenem 7:4 fest. „Wir lagen in der Halbzeit 3:1 zurück, aber richtig niedergeschlagen waren wir nicht. Wir hatten uns in der Halbzeit nochmal angestachelt. Ich hab’ eine Minute nach dem 1:4 das 2:4 gemacht. Dann ging’s Schlag auf Schlag. Es war eine unglaubliche Stimmung, einfach ein einmaliges Spiel“, lässt „Toppi“ die Erinnerung wach werden.

Einen missglückten Abschlag Maiers nutzte Seppl Pirrung, der beste Mann auf dem Platz, zum 3:4 (61.) und sorgte nach einem Freistoß-Hammer Schwagers mit einem Sonntagsschuss für das 4:4 (73.). Die Lauterer stürmten wie entfesselt, auch die Abwehrspieler Lothar Huber, Ernst Diehl und Fritz Fuchs marschierten. Dann traf Toppmöller per Kopf – der Treffer wurde fälschlicherweise annulliert. „Das war hundertprozentig ein korrektes Tor, das haben die Fernsehbilder gezeigt“, betont „Toppi“.

Tränen des Trainers

Er spielte mit der Nummer 6, die 9 trug in dieser Saison Roland Sandberg. Der Berg bebte, als Ernst Diehl Gerd Müller stehen ließ und nach Toppmöllers Zuspiel den Ball zum 5:4 ins Netz knallte (84.). Dann machte Herbert Laumen die Sensation perfekt: sein 6:4 – ein Traumtor in den Winkel nach Vorlage des umtriebigen Hermann Bitz (87.), Laumens 7:4 eine Minute vor dem Ende bereitete Dauerläufer Klaus Ackermann vor. „Erich Ribbeck saß weinend auf der Trainerbank“, erinnert sich Fritz Fuchs an die Freudentränen von „Sir Erich“.

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