Rugby
Rugby-Beben in Japan
Nach dem 19:12-Sieg gegen Irland bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land liegen sich in japanischen Kneipen wildfremde Menschen in den Armen. Das Bier fließt in Strömen.
Ausverkauft in Hanazono, ausverkauft in Shizuoka, ausverkauft in Tokio: Die Rugby-WM in Japan nimmt Fahrt auf. Kein Wunder, wenn dieses Land so einen Super-Schnellzug wie den „Shinkansen“ sein Eigen nennt. Diese Rakete in Weiß donnert mit einer unglaublichen Pünktlich- Sauber- und Zuverlässigkeit durchs Land. Wer da zum Beispiel wie gestern von Kyoto nach Tokio zum Sonntagsspiel Australien gegen Wales fährt, braucht sich nicht die Bohne Gedanken zu machen, dass er vielleicht zu spät kommen könnte. Wales gewann gestern Abend 29:25 (23:8) gegen Australien und strebt felsenfest auf den ersten Platz in der Gruppe D zu.
Schock von Shizuoka
Samstag gegen 15.30 Uhr, Hanazono Rugby Stadium, 1929 erbaut, nach und nach auf mittlerweile für 30.000 Zuschauer erweitert. Zehn Minuten vorm Schlusspfiff, Argentinien hat Spiel und Gegner im Sack, führt 28:12 gegen Tonga. Und so heißt dann auch der Endstand. Scharenweise verlassen die Fans den Spielort. Warum? Sie wollen das Spiel des Gastgebers gegen Irland eine Dreiviertelstunde später sehen. Als vor vier Jahren bei der WM in England Japan als Knüller Südafrika besiegt hatte, priesen sie das „Wunder von Brighton“. Seit gestern schreiben die Gazetten vom „Schock von Shizuoka“.
Ein bunter Haufen Fans
Die Nudelbar „Octopus“ auf halbem Weg zwischen Bahnhof und Stadion, wo wohl Argentinien und Tonga noch ihre Abschiedsrunden drehen, ist mittlerweile voll. Die Vorberichterstattung für Japan gegen Irland läuft im TV. Aber nicht überfüllt, die keine Bar, dafür sorgt der Chef. Nagai Takanori lässt die Gäste von draußen auch mal kostenlos auf die Toilette. Als Argentinier den Tisch in der Ecke anvisieren, lässt er sie auch hinter der Theke durch, so dass die Fernsehgucker davor nicht gestört werden. Argentinier, Australier, Franzosen, drei Taiwanesen, Amerikaner, ein Deutscher – und natürlich Japaner. Ein bunter Haufen.
Stöhnen, als beim Stand von 0:0 der japanische Kicker Yu Tamura einen Straftritt versemmelt. Stöhnen, als Irland in der 13. Minute mit einem Versuch durch Garry Ringrose 5:0 in Führung geht. Nichts gegen Irland, aber die meisten der Rugby-WM-Touristen haben das Gastgeberland und seine freundlichen und hilfsbereiten Menschen schon jetzt in ihr Herz geschlossen. Erster eher bescheidener Jubel, als Tamura zum 3:5 verkürzt (17.). Versuch für Irland, derzeit die Nummer zwei in der Weltrangliste, durch Rob Kearney in der 20. Minute. „Irland gewinnt mit 20 Punkten Unterschied“, sagt ein Schotte vor der Partie. Nicken allerorten. 12:9 für die „Boys in Green“ zur Pause.
Schmatzer auf Stirn und Schläfen
In der zweiten Hälfte scheint selbst der in Shizuoka nahe Mount Fuji zu speien. Ein Rugby-Beben in Japan. Als Kenki Fukuoka für Nippon den Versuch zur 14:12-Führung legt, wackelte Takanoris Bude. Jedes Tackling, jeder Angriff, jeder Ballgewinn der „Brave Blossoms“ wird in der Kneipe grenzenlos gefeiert. Als endlich der Schlusspfiff zum 19:12-Sieg Japans ertönt, liegt sich die hier zufällig zusammengekommene Gesellschaft kollektiv in den Armen. Die Japaner in der Kneipe weinen, werden gedrückt, bekommen Schmatzer auf Stirn oder Schläfen. Für einen Moment vergessen sind die Empfehlungen aller Reiseführer, mit den zurückhaltenden Japanern möglichst Körperkontakte zu vermeiden.
Herrn Takanoris Bierbecher
„Unfassbar“, sagt Doug Hansen, ein Kraftprotz mit Rauschebart aus San Antonio/Texas, ansonsten gelassen, dann doch begeistert. Er hat einen Schwager in Regensburg, den er oft besucht. Nebenan am Tisch schütteln Justin Lin und Vincent Huang aus Taiwan den Kopf und bestellen noch ein Bier. Frisch gezapft, aber im Plastikbecher serviert. Hier werden keine Striche auf den Bierdeckel gemacht. Hier wird das neue Bier einfach in den vorhergehenden leeren Plastikbecher gesteckt. So viele Plastikbecher, so viele Biere, heißt es am Ende.
Nagai Takanori brauchte vorgestern am Ende des Tages ziemlich viele Plastikbecher.