FUSSBALL-EM
RHEINPFALZ-Interview mit Ungarns Willi Orban: „Die Fans werden ganz schön Lärm machen“
Kaum zu glauben, aber Ungarn macht es möglich: über 60.000 Zuschauer bei den EM-Spielen in Budapest. Wie groß ist das Kribbeln, Willi Orban?
Das alles ist schon etwas sehr Besonderes für mich. Es wird emotional. Ich hoffe, es wird für uns alle eine schöne EM. Es geht jetzt alles wieder in die richtige Richtung.
Beim 0:0 am Dienstag im Test gegen Irland gab es Buhrufe ungarischer Fans gegen die Iren, die als Zeichen gegen Rassismus niederknieten. Das hat Ungarn in ein schlechtes Licht gerückt. Wie haben Sie das empfunden?
Zur Irland-Thematik möchte ich mich nicht weiter äußern. Ich selbst war davon überrascht und bin noch dabei, die Intention der Buhrufe genauer zu ergründen.
Ungarn ist ja in puncto Zuschauer der Spitzenreiter. In Budapest zum Auftakt am 15. Juni gegen Europameister Portugal und am 19. Juni gegen Weltmeister Frankreich spielen Sie vor vollem Haus. Zwei echte Heimauftritte.
Dass wir in Budapest ein volles Stadion haben werden, ist natürlich ein kleiner Vorteil für uns. Die Fans werden ganz schön Lärm machen – im positiven Sinn. Aber es wird ungewohnt sein, weil wir so lange in leeren Stadien gespielt haben. Das war am Ende ehrlich gesagt zäh, der zusätzliche Push von den Rängen hat schon gefehlt. Zwei echte Heimspiele vor vollem Haus bei einem großen Turnier – das erlebt man nicht oft.
Und dann das dritte Gruppenspiel in München gegen Deutschland. Sie sind gebürtiger Lauterer, ihre Mutter hat polnische Wurzeln, ihr Vater ist ungarischer Abstammung. Inwiefern berührt Sie das Spiel gegen das deutsche Team schon jetzt?
Das wird besonders emotional. Auch weil ich ja zwei U21-Länderspiele für Deutschland gemacht habe. Da habe ich mit vielen Jungs zusammengespielt, die jetzt für Deutschland bei der EM spielen. Mit Timo Werner habe ich bei Leipzig gespielt, Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg sind Vereinskollegen von mir. Auch deshalb wird es ein besonderes Spiel.
Können Ihre Eltern und Ihre Schwester zu den Spielen kommen?
Ja, mein Vater kommt zu unseren Spielen in Budapest. Er lebt ja in Ungarn. Meine Mutter und meine Schwester, die ja in der Pfalz wohnen, in Mehlingen und in Kaiserslautern, werden auf jeden Fall nach München zum Spiel gegen Deutschland und nun sogar auch nach Budapest reisen. Das wird etwas sehr Besonderes für die ganze Familie.
Bei Leipzig waren die vergangenen Wochen sehr ereignisreich. Vertragsverlängerung bis 2025, Jesse Marsch wird als Trainer Nachfolger von Julian Nagelsmann, der zum FC Bayern geht.
Ja, Jesse Marsch kenne ich sehr gut, er war ja unter Ralf Rangnick unser Co-Trainer. Er wird Ralf Rangnicks Stil pflegen mit Schwerpunkt auf Pressing-Fußball und noch mehr Vertikalität. Ich bin gespannt.
Sie bleiben Leipzig treu – plus Anschlussoption für einen Job danach. Wie wird der aussehen?
Das ist noch nicht genau definiert. Ich kann mir auch vorstellen, über 2025 hinaus noch weiter für Leipzig Fußball zu spielen. Ich bin ein relativ treuer Typ. Ich wäre damals auch gerne beim FCK geblieben, aber mein Ziel war schon immer die Champions League. Das war mit Kaiserslautern leider nicht machbar. Und mit RB Leipzig haben wir jetzt schon mehrmals erfolgreich in der Champions League gespielt.
Im 1:4 verlorenen DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund kurz vor Saisonschluss saßen Sie nur auf der Bank. Wie enttäuscht waren Sie? Waren Sie ein Opfer der taktischen Umstellung von Julian Nagelsmann?
Ja, das war eine taktische Trainerentscheidung. Natürlich war ich nicht zufrieden damit. Sehr schade. Generell haben wir enttäuscht, vor allem in der ersten Halbzeit.
Jetzt das große Erlebnis EM – wie läuft’s in der Vorbereitung mit dem ungarischen Team unter dem italienischen Trainer Marco Rossi?
Wir waren erst im Trainingslager in Österreich in Saalfelden, jetzt sind wir in Telki bei Budapest, das ist unser Basislager für die Euro mit Topbedingungen. Ein Wermutstropfen ist für uns natürlich der Ausfall von Dominik Szoboszlai.
Er gilt als das ungarische Toptalent, ist seit Januar auch Ihr Klubkollege in Leipzig. Und hat das entscheidende Tor zur EM geschossen in den Play-offs gegen Island.
Ja, er ist ein wichtiger Spieler fürs Nationalteam. Dass er fehlt, trifft uns schon deutlich, auch weil er bei Standards sehr gefährlich ist.
Wie schätzen Sie das ungarische Team ein, was sind die Stärken?
Wir müssen über das Kämpferische und übers Kollektiv kommen. Wir sind natürlich der große Außenseiter in dieser besonders schweren Gruppe. Wir haben nichts zu verlieren und wollen eklig sein. Der Modus ist ganz günstig, dadurch, dass die vier besten Gruppendritten weiterkommen. 2016 ist Portugal mit drei Unentschieden weitergekommen und Europameister geworden.
Was sind die Themen mit den Bundesliga-Kollegen, die mit Ihnen für Ungarn bei der EM spielen – Peter Gulacsi von RB, Roland Sallai vom SC Freiburg und Adam Szalai vom FSV Mainz 05?
Wir reden natürlich viel über die EM, nicht nur über das deutsche Team, auch über die anderen Spiele und die anderen Gegner.
Wie beurteilen Sie denn Ihre Gegner in der Gruppe F?
Frankreich sehe ich ganz weit oben. Die Franzosen haben definitiv den besten Kader, man wird sehen, wie sie drauf sind. Unser erster Gegner Portugal hat auch eine brutal hohe Qualität, Cristiano Ronaldo ist auch mit 36 immer noch in Topform.
Und am 23. Juni geht’s für Sie von Budapest zum „Auswärtsspiel“ nach München – wie schätzen Sie das deutsche Team ein?
Die deutsche Mannschaft ist sehr variabel, kann Dreierkette spielen oder auch Viererkette. Zudem hat man in den letzten Tests gesehen, dass das aggressive Anlaufen und das Gegenpressing wieder mehr in den Fokus gerückt sind. Insgesamt machen sie auf mich einen hungrigen, scharfen Eindruck. Wie gesagt: Wir sind der absolute Underdog, wollen aber möglichst für Überraschungen sorgen.
Am 23. Juni in München wird’s aber besonders kribbeln bei Willi Orban – wie oft denken Sie an dieses Spiel?
Schon öfter, klar. Zuerst liegt der Fokus aber auf den zwei vorherigen Spielen. Wenn dann das Spiel in München ansteht, wird die Anspannung natürlich groß sein. Aber wenn es losgeht, denkt man darüber nicht mehr nach, dann macht man seinen Job. Aber es wird schon etwas ganz Besonderes werden. Auch vor 14.000 Zuschauern in München wird das eine schöne Sache.
Zur Person Willi Orban
Geboren: am 3. November 1992 in Kaiserslautern
Bisherige Vereine: von 1997 bis 2015 1. FC Kaiserslautern, seit 1. Juli 2015 RB Leipzig
Position: Innenverteidiger
Größe: 1,86 Meter
Einsätze in nationalen Ligen: u. a. 121 Bundesligaspiele (15 Tore), 98 Zweitligaspiele (8 Tore)
Länderspiele: 2 U21-Länderspiele für Deutschland (Debüt am 13. November 2014), 22 A-Länderspiele (5 Tore) für Ungarn, Debüt am 12. Oktober 2018, nachdem er nicht für das deutsche A-Nationalteam nominiert worden war; er hatte vor allem auf den Confed-Cup-Start im Sommer 2017 mit der deutschen Mannschaft gehofft.

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