FUSSBALL
RB Leipzig nach der Niederlage gegen den FC Bayern: Ohne Torjäger geht’s doch nicht
Es hätten ja nicht gleich 111.000 Tore sein müssen. So viele Treffer hatten sich die Kinder einer Leipziger Kindertagesstätte ganz unbescheiden vor dem Spitzenspiel von RB Leipzig gegen Bayern München gewünscht. Doch schon ein einziges Tor hätte den überlegenen Leipzigern gereicht, um den Titelkampf offen zu halten. Auch zwei Treffer wären nicht unverdient gewesen, weil RB so dominant gegen die Münchner auftrat wie noch nie, kaum Chancen zuließ und sich in der zweiten Hälfte diverse Gelegenheiten erarbeitete. Doch weil die meisten Schüsse neben oder über das Tor gingen und Manuel Neuer nur zweimal gefordert war, war das Hauptgesprächsthema nach dem Spiel eine rare Spezies, die den Leipzigern im sonst so stimmig zusammengestellten Kader fehlt: ein Torjäger, ein Vollblutstürmer, der für 15 bis 20 Tore pro Saison gut ist.
„Wenn wir einen hätten, der 15, 16, 17 Tore schießt, hätten wir das Spiel heute nicht verloren“, musste Trainer Julian Nagelsmann einräumen. Und er fügte hinzu, dass dann auch die Partien gegen Köln (0:0), Mainz (2:3) und Borussia Dortmund (1:3) anders verlaufen wären. Mit anderen Worten: Mit ebendiesem gesuchten Stürmer wäre das Titelrennen nun noch nicht so gut wie entschieden. Mit Lob für ein couragiertes, aber eben torloses Spiel kann Nagelsmann nicht viel anfangen. Der Leipziger Coach wollte verständlicherweise jetzt zupacken, da sich die Chance bot. „Ich muss mir keinen Respekt erarbeiten, sondern ich will gewinnen. Es geht darum, aus unseren erspielten Chancen mehr Tore zu erzielen. Das ist ein Schritt, den wir gehen müssen“, forderte er einigermaßen angefressen.
Nach dem Modell von Manchester City
Der 33-Jährige hatte sich zu Saisonbeginn dazu entschieden, die Leipziger Spielweise nach dem Vorbild von Manchester City umzumodellieren. Durch das spielerische Übergewicht, so das Kalkül, landet der Ball irgendwann automatisch im Tor. Auch der designierte englische Meister hat keinen echten Goalgetter. Genau wie bei RB ist in Ilkay Gündogan ein Mittelfeldspieler der beste Torschütze (zwölf Treffer), der allerdings doppelt so viele Tore erzielt hat wie die besten Leipziger. RB wollte nach dem Abgang von Timo Werner aus der Not eine Tugend machen und durch 16 verschiedene Torschützen – genausoviele wie bei ManCity – maximal unausrechenbar sein und als erste Mannschaft der Bundesliga ohne Torjäger Meister werden. Doch zumindest in dieser Saison ist das Exempel, das RB statuieren wollte, gescheitert. Nicht nur die Spitzenteams hierzulande haben mindestens einen Stürmer, der zuverlässig zweistellig trifft, sondern auch Hoffenheim (Kramaric, 14 Treffer) oder Stuttgart (Kalajdzic, 13).
Arbeitsauftrag bei RB: spielstarker Mittelstürmer
Man darf Nagelsmanns Aussage durchaus als Arbeitsauftrag an die RB-Manager verstehen: RB sucht einen spielstarken Mittelstürmer-Stürmer, der ins Ballbesitz-System passt und etwa Emil Forsberg als (falschen) Neuner ablösen kann. Der von Ajax Amsterdam verpflichtete Brian Brobbey (19) könnte sich eines Tages zu einem solchen Knipser entwickeln – aber sicher noch nicht in der kommenden Saison. Um realistisch den Titel angreifen zu können, benötigt RB einen international erfahrenen Mittelstürmer wie etwa Frankfurts André Silva. Übrigens: Auch bei Leipzigs Schwesterklub in Salzburg haben sie wieder einen Kandidaten. Patson Daka erzielte am Sonntag drei Tore in elf Minuten und ist mit nun 23 Ligatreffern europaweit begehrt.
Flick gerät ins Schwärmen
Was RB (noch) fehlt, haben die Bayern – Weltfußballer Robert Lewandowski. Doch auch ohne verletzten Superstürmer kann der Titelverteidiger Spiele wie in Leipzig eben gewinnen. Und so genossen Hansi Flicks Fast-Meister das Ostergeschenk von zwei freien Tagen im Familienkreis. Die vielbelasteten Bayern-Profi durften nach der Machtdemonstration in Leipzig noch einmal durchschnaufen, bevor heute der Countdown für das Champions-League-Spektakel gegen Paris St. Germain beginnt. „Die Mentalität unserer Mannschaft ist einfach klasse. Es macht Spaß und gibt einem ein wahnsinniges Vertrauen in die eigene Stärke“, schwärmte Flick. Kommentar