Interview
Patrik Kühnen: „Die schönen Erinnerungen überwiegen immer“
Herr Kühnen, wie sind Sie durch die Corona-Monate gekommen?
Das haben wir gut hinbekommen. Auch mit den Kindern, das konnten wir gut organisieren. Wichtig: Wir sind auch gesund durchgekommen.
Sie sind ja auch Turnierdirektor der BMW Open in München. Wie ist das im April und Mai gelaufen?
Wir haben das Turnier 2020 nicht gespielt. 2021 haben wir das Turnier veranstaltet, ohne Zuschauer. Nur die Spieler und die Betreuer waren auf der Anlage. Wir haben in München alle Vorgaben sehr, sehr gut umgesetzt.
Und wie schwer war das für Sie, das alles zu organisieren?
Im Vorfeld war das eine sehr intensive Zeit, in der wir sehr viele Telefonate hatten. Mit den bayerischen Behörden, mit der ATP, mit allen Verantwortlichen, wir mussten vorbereitet sein, um die Vorgaben zu befolgen – und um aufgestellt zu sein, damit wir das Turnier bestmöglichst über die Bühne bekommen. Wir waren in einer Art Bubble. Wir hatten eine Teststation auf der Anlage und eine in unserem Spielerhotel. Alle waren in einem geschlossenen Kreislauf. Wir haben von den Spielern ein sehr positives Feedback bekommen. Wir vom Veranstalter haben im Herbst vorher schon mit unseren Partner gesprochen, ob wir es angehen – und alle haben an einem Strang gezogen. Auch wenn niemand wusste, was dann im Mai sein würde.
Mehr Experten um die Spieler wie früher
Sie waren beim „Klassentreffen“ von Grün-Weiss Mannheim, da, wo für Sie alles begann. Wie hat sich das Tennis im Vergleich zu den achtziger, neunziger Jahren verändert?
Das Spiel hat sich natürlich dahingehend verändert, dass es noch athletischer geworden ist. Das Spiel ist auch schneller geworden. Und das Material hat sich verändert. Das ist ein Faktor, warum das Spiel schneller geworden ist, und warum heute vielleicht auch mit mehr Spin agiert wird als in der Vergangenheit. Und ich würde auch sagen, das Training hat sich verändert, man geht noch mehr in Bereiche wie Ernährung, Dehnen, in Bereiche, die zu meiner Zeit nicht so sehr im Vordergrund standen. Die Arbeit um das Tennisspielen herum hat enorm zugenommen. Wir haben heute viel mehr Experten um den Spieler wie früher, weil die Spieler sich fragen: Wo kann ich noch etwas herauskitzeln? Aber klar: Je höher es in der Weltrangliste geht, desto weniger kann man an den Rädchen drehen. Novak Djokovic zum Beispiel ist für mich ein Suchender, der immer wieder schaut, wo er sich noch verbessern kann, wo er noch etwas herauskitzeln kann.
Alexander Zverev hat gegen Novak Djokovic das Halbfinale bei den US Open verloren ...
... am Ende machte Novak Djokovic wieder die entscheidenden Punkte. Er hat diese Erfahrungen schon 20 Mal durchlaufen, das ist wahnsinnig viel wert.
Zverev hat einen großen Schritt gemacht
Aber Alexander Zverev hat den Abstand verkürzt, oder? Er ist näher gekommen?
Ja, ich würde sagen, er hat einen großen Schritt in seiner Entwicklung gemacht. Er hatte bis dahin 16 Matches in Folge gewonnen, er holte olympisches Gold. Das war ein Meilenstein. Als Spieler hat er sich enorm weiterentwickelt, wenn man mal das Finale der US Open im vergangenen Jahr betrachtet, nun ist sein Spiel viel abwechslungsreicher, offensiver. Er geht öfter ans Netz, der Aufschlag hat sich stabilisiert. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre haben ihm geholfen, dahin zu kommen, wo er jetzt ist. Trotzdem hat er meiner Meinung nach noch Luft nach oben. Vor allem im Offensivspiel. Ich sehe ihn gerne am Netz. Ich sehe ihn gerne Serve-and-Volley-Spielen, weil er die Schläge dazu hat. Aber noch einmal, die Entwicklung innerhalb eines Jahre ist eine gewaltige.
Drei deutsche Spieler in der zweiten Woche bei den US Open, das hatten wir lange nicht mehr. Hat das Signalwirkung?
Mich hat total gefreut, dass Oscar Otte und Peter Gojowczyk so weit kamen. Es haben sich Chancen ergeben, da geht es dann auch darum, diese Chancen zu nutzen. Dass gerade solche Spieler weit kommen, ist sehr wichtig für das deutsche Tennis.
Das hat Vorbildfunktion?
Genau, das gibt anderen vielleicht auch Mut. Das sind Ausrufezeichen, die hoffentlich ihre Nachhaltigkeit finden.
Spaß in der alten Heimat
Alexander Zverev kann mit dem neuen Davis-Cup-Format nichts anfangen, wie ist da Ihre Meinung?
Ich habe kein Geheimnis daraus gemacht: Ich bin kein Freund davon. Die Besonderheit im Davis Cup waren die Heim- oder eben die Auswärtsspiele. Das hat den Davis Cup von anderen Wettbewerben abgehoben. Mir ist natürlich bewusst, das habe ich auch als Davis-Cup-Kapitän mitbekommen, dass die Terminfindung immer eine große Herausforderung war. Und klar war natürlich auch, dass die Woche nach dem Davis Cup für die Spieler sehr hart war, die Top-Spieler, Boris Becker oder Michael Stich, haben ja von Freitag bis Sonntag gespielt. Ich akzeptiere, dass man in neue Richtungen denkt, dennoch bin ich kein Freund davon, wie es jetzt ist. Den Termin Ende des Jahres finde ich nicht gut. Die Finalrunde ist ja wieder in Madrid, da hätte Spanien erneut ein Heimspiel. Der Charakter ist nicht mehr so, wie er früher mal war.
Wie haben Sie den Abend bei Grün-Weiss Mannheim empfunden, im Kreise Ihrer früheren Mitspieler und ihres ersten Trainers Helmut Lüthy?
Es war schon eine Reise in die Vergangenheit. Ich war am Samstagmorgen in Mannheim in der Stadt frühstücken, das war sehr schön. Ich fand es auch schön, dass so viele Spieler kamen. Ich habe nachmittags mit Dirk Dier auf dem Neuner-Platz ein bisschen gezockt. Das hat richtig Spaß gemacht, es war wie früher. Es ist mein Verein, ich habe so viele Jahre hier gespielt, so viele unfassbar viele Stunden trainiert, mit Helmut auf Platz zehn, da kommen ganz viele Erinnerungen hoch. Die schönen Erinnerungen überwiegen immer.