Leichtathletik RHEINPFALZ Plus Artikel Owen Ansah läuft 9,98 Sekunden: Was der schnellste Deutsche mit der Pfalz zu tun hat

Beim Rennen in Regensburg passt für Owen Ansah alles zusammen. Seine Zeit: 9,98 Sekunden.
Beim Rennen in Regensburg passt für Owen Ansah alles zusammen. Seine Zeit: 9,98 Sekunden.

Vor fünf Jahren zog Sprinter Owen Ansah von Hamburg nach Ludwigshafen. Aktuell ist er der schnellste Europäer der Saison – und besiegte Kritiker und Selbstzweifel.

In eine Perle von Stadt kommt er nicht, als Owen Ansah vor fünf Jahren von Hamburg nach Ludwigshafen zieht. „Als ich frisch hier war, haben mich meine Freunde immer gefragt, warum ausgerechnet Ludwigshafen?“, sagt der 25 Jahre alte Sprinter im Gespräch mit dieser Zeitung und lacht. „Inzwischen kann ich es ein bisschen nachvollziehen.“

In der Hansestadt leben fast zwei Millionen Menschen, in der Industriestadt nicht einmal 200.000. Es musste sich anfühlen wie tiefste Provinz, aber trotzdem fühlte er sich in seiner Bude in der Rheinallee pudelwohl. „Ich hatte meine eigene Wohnung, die Zeit war cool“, sagt Ansah. Wichtiger aber noch: Hier legte er den Grundstein für das, was er nun ist – der schnellste Mann Deutschlands. Aktuell sogar der schnellste Mann Europas.

Auf der großen Bühne hatte er Probleme

Vor wenigen Tagen lief Ansah die 100 Meter in 9,98 Sekunden und verbesserte seinen eigenen deutschen Rekord. „Der Blick auf die Anzeige war ein unbeschreibliches Gefühl“, sagt er. Nicht nur, weil dort eine Zahl unter zehn Sekunden aufleuchtete, sondern weil sich Ansah mit dieser Zeit selbst etwas beweisen konnte: „Dass ich kein One-Hit-Wonder bin.“ Einer nämlich, der zufällig mal einen Hit landet und diese Leistung nie wieder bestätigen kann.

Ende Juni 2024 knackt Ansah erstmals die magische Marke von zehn Sekunden – als erster Deutscher überhaupt. Bei den nationalen Titelkämpfen in Braunschweig läuft er 9,99 Sekunden. Doch danach bleibt der 1,89 Meter große Athlet lange den Beweis schuldig, dass er diese Top-Zeiten regelmäßig abrufen kann – gerade auf der ganz großen Bühne hat er Probleme. Bei den Olympischen Spielen in Paris scheidet er mit 10,22 Sekunden im Vorlauf aus, ebenso bei der WM 2025. Seine Zeit in Tokio: 10,21 Sekunden. „Natürlich ist dann Druck da“, sagt er, „schaffe ich es noch einmal? Oder nicht?“

„Sehe die Region als meine Heimat“

Bereits an der Elbe hatte der ehemalige Weitspringer Sebastian Bayer Ansah unter seine Fittiche genommen und aus einem ambitionierten Hobbyläufer einen echten Sprinter gemacht. Doch die große Leistungssteigerung folgte erst, als der Europameister von 2012 seinen Schützling 2021 mit in den Südwesten der Republik nimmt, wo Bayer als Sprint- und Bundestrainer am Bundesstützpunkt der MTG Mannheim anheuert. Von seinem Coach lernt er vor allem, wie ein Athlet professionell lebt und trainiert.

Rekordmann ganz stolz: Owen Ansah nach seinen 9,98 Sekunden.
Rekordmann ganz stolz: Owen Ansah nach seinen 9,98 Sekunden.

„Dort, wo ich meine vier Wände habe, da fühle ich mich auch zu Hause“, sagt Ansah, dessen Vater aus Ghana stammt, „ich bin zwar gebürtiger Hamburger, aber ich sehe die Region hier auf jeden Fall als meine Heimat.“ Wenige Wochen vor seinem ersten Lauf in die deutsche Sportgeschichte war er von Ludwigshafen nach Mannheim gezogen. „Ich bin hier mit offenen Armen aufgenommen worden“, sagt er, „da wo man sich wohl fühlt, kann man auch Leistung bringen.“ Obwohl er die meiste Zeit in der Region trainiert, regelmäßig bei der MTG Mannheim oder am Olympiastützpunkt in Heidelberg, tritt er noch immer für den Hamburger SV an. „Heidelberg ist zwar kein Hamburg, aber unfassbar schön“, schwärmt er.

Der erste Fehlstart überhaupt

An jenem Sonntag in Regensburg steht Ansah mit der Überzeugung am Start, dass er zum zweiten Mal schneller sein kann als Armin Hary, der 1960 in 10,0 Sekunden zum Weltrekord lief – über Jahrzehnte hinweg haben sich deutsche Sprinter an dieser Marke die Zähne ausgebissen. Als Ansah über die Ziellinie rennt, reißt er den rechten Arm nach oben und reckt den Zeigefinger gen Himmel. „Es hat alles zusammengepasst“, sagt er.

Das muss es auch, damit solche Leistungen möglich sind. Denn wie schmal der Grat zwischen Rekord und Misserfolg ist, erfährt Ansah nur eine Woche zuvor. Beim Goldenen Oval in Dresden sind die 10.000 Zuschauer im Heinz-Steyer-Stadion mucksmäuschenstill, als die Sprinter in ihre Position gehen. Doch Ansah kann die Körperspannung nicht halten und verlässt zu früh seinen Startblock. So deutlich, dass es keine Zeitlupe braucht, um das zu sehen „Ich habe mich schon in Dresden gut gefühlt und wollte es allen zeigen“, sagt er, „das war mein allererster Fehlstart.“

Das Ziel für die EM

Eine Woche später läuft es besser. Doch Ansah weiß, dass es selbst mit Zeiten knapp unter zehn Sekunden schwierig ist, im internationalen Vergleich ganz vorne mitzulaufen. Ein olympisches Finale ist sein Traum, dafür muss er sich wohl noch um ein paar Hundertstelsekunden steigern. „Es geht noch was“, ist er überzeugt.

9,98 Sekunden – schneller ist in dieser noch jungen Saison bislang kein Europäer gewesen. Und das in einem Jahr, in dem sich die Leichtathleten im August bei der Europameisterschaft in Birmingham messen. 2024 wurde er EM-Fünfter. „Ich möchte ein, zwei Plätze nach oben rutschen“, sagt Ansah, „ich glaube, dass jeder weiß, was damit gemeint ist.“

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