Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Nationalmannschaft: Auf der Suche nach Leitplanken

„Wir haben eine Riesenverantwortung“, sagt Hansi Flick zur Impfdebatte im Kreis der Nationalmannschaft.
»Wir haben eine Riesenverantwortung«, sagt Hansi Flick zur Impfdebatte im Kreis der Nationalmannschaft.

Die Vorfreude auf die Verabschiedung von Joachim Löw und das Heimspiel gegen Liechtenstein bleibt bei der deutschen Nationalmannschaft gedämpft. Trainer und Spieler positionieren sich in der Corona-Situation und der neu entfachten Impfdebatte nur mühsam.

Es war eine fast schon grell ausgeleuchtete Bühne, auf der sich nacheinander Hansi Flick und Thomas Müller am Tag vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein (Donnerstag 20.45 Uhr/RTL) in Wolfsburg präsentierten. Im Herz der fein herausgeputzten Autostadt in einem gläsernen Pavillon, durch dessen große Fronten nicht nur Scheinwerfer, sondern auch noch Sonnenstrahlen fielen. Deshalb waren die angestrengten Gesichter zweier Protagonisten gut zu erkennen, die das Corona-Thema trotz der Verabschiedung von Langzeitbundestrainer Joachim Löw und der Aussicht auf einen Sechs-Siege-Startrekord für den Nachfolger einfach nicht abwerfen können wie Bäume zu dieser Jahreszeit ihr Laubkleid.

„Die Dinge laufen nicht immer so, wie man sich das vorstellt“, gestand Flick ein, der die erzwungenen Abreisen des trotz einer doppelten Impfung an Corona erkrankten Niklas Süle mitsamt seiner Teamkollegen Joshua Kimmich, Serge Gnabry, Jamal Musiala und Karim Adeyemi pragmatisch zusammenfasste: „Wir haben viele Spieler eingeladen, viele Spieler haben uns wieder verlassen. Es war viel Hektik, Unruhe da. Ich würde mir wünschen, dass es so was nicht mehr gibt.“

Alle vier ungeimpft?

Die Indizien sind erdrückend, dass das Quartett um den ungeimpften Kimmich kaum vom Gesundheitsamt München-Land in Quarantäne beordert worden wäre, wenn die Spieler den Piks erhalten hätten. Während es am Vortag noch DFB-Direktor Oliver Bierhoff versäumt hatte, die gesellschaftliche Vorbildwirkung herauszustreichen, positionierte sich Flick deutlicher: „Wir sind gläsern, wir haben eine Riesenverantwortung. Ich wünsche mir, dass die Spieler geimpft sind, aber wir sind auch nur ein Teil der Gesellschaft.“

Es bestehe nun mal keine Impfpflicht, daher betonte der 56-Jährige auch: „Man darf Leute, die Sorgen haben, nicht verurteilen. Für mich ist es trotzdem der einzige Weg aus der Pandemie, dass man sich impfen lässt. Das ist meine Überzeugung.“

Deutlichere Signale vom Verband nötig

So schnell die Spieler unter Flick verinnerlicht haben, welche fußballerischen Leitplanken gelten, wirkt der Kurs beim Umgang mit dem so schnell nicht verschwindenden Virus noch ein wenig unausgegoren. Es könnten auch aus dem Verband deutlichere Signale gesendet werden.

Nicht ausschließen wollte Flick, im nächsten Jahr womöglich nur noch geimpfte Profis zu berufen; zumal diese Voraussetzung bislang auch der WM-Gastgeber Katar erheben will. Sein Führungsspieler Müller bat darum, die vertrackte Corona-Gemengelage ins Gesamtbild einzupassen. „Die ganze Gesellschaft ist damit konfrontiert. Im Arbeitsleben, im Privaten.“ Eine erneute Bewertung zu seinem Kumpel und Kollegen Kimmich ersparte sich Müller.

Müller: Jeder kennt die Regeln

In die moralisch-ethische Diskussion wolle er nicht einsteigen, „das ist ganz schwierig, da spiele ich nicht den Ganze-Welt-Erklärer!“ Nur so viel: Wie jeder im Fußball wisse, dass ein Handspiel im eigenen Strafraum zu Elfmeter führte, wisse man bei Corona auch, welche Regeln für Geimpfte und Nicht-Geimpfte gelten – eine Spitze an Kimmichs Adresse? Der 32-Jährige wirkte jedenfalls mindestens leicht genervt ob des Themas.

Insofern könnte das Länderspiel gegen Liechtenstein wieder mehr Vergnügen machen. 27 Punkte peilt Flick zum Abschluss der WM-Qualifikation an, was Siege gegen Liechtenstein und dann drei Tage später zum Abschluss in Eriwan gegen Armenien voraussetzt. Dass die Amateure aus dem Fürstentum es fast geschafft hätten, beim mühsamen 2:0-Erfolg seinen Einstand zu verderben, hat der Bundestrainer nicht vergessen. „Wir sind bestrebt, die Dinge besser zu machen. Wir müssen mit mehr Tempo, mehr Initiative, mehr Intensität die Räume öffnen.“

Nmecha vor Debüt

Helfen soll wohl ein erstmals berufener Lokalmatador: Lukas Nmecha vom VfL Wolfsburg hat im Training einen so guten Eindruck hinterlassen, dass dem 22-Jährigen eingedenk der ausgedünnten Offensive gleich ein Startelfeinsatz als klassischer Mittelstürmer winkt.

So spielen sie

Deutschland: Neuer (Bayern München/35 Jahre/107 Länderspiele) - Hofmann (Borussia Mönchengladbach/29/8), Ginter (Borussia Mönchengladbach/27/44), Rüdiger (FC Chelsea/28/48), Kehrer (Paris Saint-Germain/25/14) - Goretzka (Bayern München/26/40), Gündogan (Manchester City/31/52) - Sané (Bayern München/25/38), Reus (Borussia Dortmund/32/47), Brandt (Borussia Dortmund/25/35) - Müller (Bayern München/32/108)

Liechtenstein: Büchel (FC Vaduz/32/40) - Wolfinger (FC Balzers/30/46), Malin (Rot-Weiss Rankweil/27/32), Kaufmann (USV Eschen/Mauren/30/64), Hofer (FC Biel/24/20), Göppel (USV Eschen/Mauren/24/46) - Meier (USV Eschen/Mauren/23/20), Frommelt (USV Eschen/Mauren/20/14), Hasler (FC Thun/30/80) - Salanovic (AC Oulu/25/46), Frick (vereinslos/23/24)

Schiedsrichterin: Martincic (Kroatien).

x