Sport-Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Nadal will zu viel – und der deutsche Fußball scheut das Risiko

In Behandlung: Rafael Nadal bei den Australian Open.
In Behandlung: Rafael Nadal bei den Australian Open.

Rafael Nadal sollte aufhören; nicht wegen fehlender Leistung, sondern seinem Körper zuliebe. Und Rudi Völler ist die bequemste Lösung als DFB-Sportdirektor. Doch ist er auch die beste?

Kennen Sie das? Dass sich die subjektive Wahrnehmung von großartigen Sportlern im Laufe ihrer langen Karriere wandeln kann? Dass jemand, den man zunächst gar nicht mochte, mit der Zeit immer mehr persönliche Sympathiepunkte sammelt. Oder umgekehrt.

Da gerade die Australien Open im Fokus stehen, greife ich zu Beispielen aus dem Tennis. Mit Jimmy Connors beispielsweise konnte ich über viele Jahre hinweg gar nichts anfangen. Und irgendwann, als er die 30, die 35 längst hinter sich gelassen hatte, fieberte ich doch tatsächlich mit Jimbo mit.

Sogar Sympathie für Roboter Lendl

Ähnlich ging es mir mit John McEnroe. Anfangs habe ich mich über jede Niederlage des Bad Boys gefreut – nicht nur wegen seines oft unflätigen Benehmens auf dem Platz, sondern vielleicht auch ein wenig, weil er an meinem Jugendidol Björn Borg kratzte und dieses schließlich vom Thron stürzte. Doch irgendwann begann ich, ihn zu mögen. Sogar für den roboterhaften Ivan Lendl konnte ich im Herbst seiner Karriere neben Respekt auch ein wenig Sympathie empfinden – als er nach einer großartigen Laufbahn durch vermehrte Niederlagen irgendwie menschlicher wurde.

Auch Rafael Nadal gehörte über viele Jahre hinweg nicht zu meinen Favoriten. Vielleicht, weil er bei vielen Turnieren Roger Federer im Weg stand. Doch seit geraumer Zeit beobachte ich sein Spiel, seine Plackerei und vor allem seinen Kampfgeist, mit immer mehr Wohlgefallen.

Schmerzhaftes Zuschauen

Daher ist es umso schmerzhafter mitzuerleben, wie der Spanier sich selbst, seinen Körper, nach und nach kaputt macht. Dass er, wie so viele Spitzensportler, nicht den richtigen Moment für den Absprung schafft und stattdessen mit über die Jahre geschundenem Körper von Verletzung zu Verletzung eilt. Wie im Sommer in Wimbledon, wie jetzt beim Trauerspiel in Melbourne.

Seinem sportlichen Vermächtnis würde es nicht schaden, wenn Nadal sich nun zum Abschied von der Weltbühne durchringen würde. Und sein Körper würde es ihm danken.

DFB unter Druck

Rudi Völler, der neue starke Mann beim DFB, hat in meiner Sympathieliste den umgekehrten Weg genommen. Als Spieler einfach toll, als Funktionär und Bundestrainer eher nicht. Zu oft zu schnippisch, zu oft zu vermeintlich allwissend und Kritiker schroff abbügelnd.

Rudi Völler war die naheliegende Lösung.
Rudi Völler war die naheliegende Lösung.

Sei’s drum. Der DFB hat womöglich gar keine andere Entscheidung treffen können – nach der verkorksten WM, auch nach der Entwicklung der Nationalelf in den vergangenen Jahren, was die Gunst des Publikums angeht; angefangen bei der gehörig schiefgegangenen „Die Mannschaft“-Kampagne, mit der sich das Gros der deutschen Fußballfans nicht anfreunden konnte.

Blick auf kurzfristigen Erfolg

Hinzu kommt: In eineinhalb Jahren findet die Europameisterschaft im eigenen Land statt; und die soll sowohl sportlich als auch in Sachen Image ein Erfolg werden. Da bleibt keine Zeit, einen womöglich jungen, weitgehend unbekannten, aber talentierten Sportdirektor zu installieren und ihn an seiner Aufgabe wachsen zu lassen. Völler hingegen, fast im gesamten Fanvolk, geliebt, geschätzt, anerkannt, kann gleich mit einem gehörigen Vertrauensbonus starten. Und Vertrauen ist das, was der gebeutelte DFB aktuell braucht.

Ob es allerdings nachhaltig ist, einen Fußballrentner jenseits der 60 wieder ins aktive Leben zurückzuholen und an die vorderste Linie zu stellen – man erinnere sich an den Kurzzeit-Bundestrainer Erich Ribbeck –, das erscheint zweifelhaft. Erst recht, da Völler nur bis 2024 verpflichtet ist, also auf kurzfristige Erfolge mehr schauen muss als auf langfristige Entwicklungen. Der DFB hat das Risiko gescheut und die naheliegende Lösung gewählt.

Mehr zum Thema
x