Sport
Mut lohnt sich: Drei außergewöhnliche Sport-Geschichten
Sand ist nicht so schön, dass man den Kopf hineinstecken sollte. Unsere Motivationsspritze vor dem Jahreswechsel.
Frank Stuhlmann: Kampf den Kilos und dem Spott
Vor seinem zweiten Triathlon holt Frank Stuhlmann seine Startnummer bereits am Vorabend ab. Er ist zu früh dran, es werden noch keine Nummern ausgegeben. Also wartet er. Eine Frau gesellt sich zu ihm. Durchtrainiert, braun gebrannt. Sie hält ihn für einen Helfer und fragt, wo sie ihre Startnummer bekomme. Frank antwortet, dass es vermutlich gleich losgehe mit der Startnummernausgabe und dass er ebenfalls darauf warte, seine Nummer abzuholen. Die Frau schaut ihn an und fragt: „Sie machen da auch mit?“
Der Kommentar macht Frank Stuhlmann nichts aus, er steckt das weg. Andere nicht unbedingt. Sie starten vielleicht nicht bei dem Wettkampf. Aus Scham. Man muss wissen: Frank sieht nicht aus wie der typische Triathlet. Er wiegt etwas mehr als 140 Kilogramm. Gleichwohl: Auch Menschen, die nicht superdurchtrainiert aussehen, können einen Triathlon absolvieren. Sie müssen sich nur trauen. Wenn übergewichtige Menschen anfangen, Sport zu treiben, sie an Wettkämpfen teilnehmen, ist schon viel gewonnen. Frank Stuhlmann aus Lichtenfels ist das beste Beispiel.
Als Jugendlicher war er Amateur-Radrennfahrer. Es folgten 25 Jahre ohne Sport. Null Sport. Einmal, vor rund 15 Jahren, hat er versucht, wieder anzufangen. Kaufte sich ein Rennrad. Aber wenn beim Fahren der Bauch auf dem Oberrohr schleift, ist die Euphorie schnell dahin. „Ein schlimmer Moment.“ Er sei nicht mehr ehrlich zu sich selbst gewesen, sagt Frank, er habe sich nicht eingestanden, wie schlecht er sich gefühlt habe. Es war ihm damals egal, wie dick er war. Er wog 180 Kilogramm.
Der Moment, der alles verändert hat, ereignete sich vor dreieinhalb Jahren. Freunde von der Feuerwehr laufen – in voller Montur – einmal quer durch Deutschland. Frank begleitete sie für zehn Kilometer, bei einer Geschwindigkeit von zwölf Kilometern pro Stunde. Er saß auf dem Fahrrad. Und konnte kaum mithalten. „Ich wusste: Wenn ich jetzt nicht anfange, ist es zu spät.“
Frank beginnt, sich sportlich zu betätigen. Langsam. Immer betreut von Ärzten und Physiotherapeuten. Er wandert, geht spazieren. Aber das ist nichts für ihn . Also probiert er zu joggen. Der erste Versuch endet nach 500 Metern. Doch Frank gibt nicht auf. Obwohl er Laufen eigentlich hasst. Vor allem zu Beginn denkt er oft: Das ist eine Scheiß-Idee.
Er braucht etwas, das ihn antreibt, motiviert. Deshalb verbindet er seine Wettkämpfe mit einer Charity-Aktion: Er sammelt Geld für die Stiftung Deutsche Krebshilfe und den Wünschewagen. Laufwettkämpfe und die Laufdistanzen bei Triathlons absolviert er, um Aufmerksamkeit für seine Aktion zu bekommen, stets eine Feuerwehrausrüstung tragend, Atemschutzflasche auf dem Rücken.
Meist wird er Letzter. Doch ihm geht es darum, Gutes zu tun. Für andere. Und ein bisschen auch für sich. Er will Träume verwirklichen. Zum Beispiel, einen Triathlon zu absolvieren. Dieses Jahr ist es ihm geglückt. Mittlerweile ist er schon bei drei Triathlons gestartet. Es bereitet ihm riesige Freude.
„Ich will mein Leben nicht verherrlichen“, sagt Frank. „Ich quäle mich mit meinen 140 Kilo immer noch täglich. Aber es fällt mir schon vieles leichter.“ Damals sei es schon eine Herausforderung gewesen, sich die Schuhe zu binden. Er ist sicher, es wird noch einfacher werden, wenn er sein großes Ziel erreicht: die 100 Kilogramm. „Ich will aber vor allem eines nicht mehr missen: den Sport, den Triathlon.“ Das bringt ihm Spaß, Zufriedenheit – und ein großes Stück mehr Lebensqualität.
Maryam Majd: Kampf um die Frauenrechte
Maryam Majd liegt auf dem Rücken und lächelt. Ihre dunklen Augen strahlen, mit beiden Händen hält sie fest ihre Kamera. Nicht immer funktioniert im Iran das Internet. Sie selbst spricht von einem „Desaster“, aber entmutigen lässt sich die Sportfotografin trotzdem nicht. Deshalb schickt sie zwischenzeitlich mal einen Schnappschuss von sich: als Beleg, dass es ihr gut geht. Gerade erstellt die 32-Jährige in Tschahbahar, einer Hafenstadt im Golf von Oman, eine Dokumentation über eine heimische Schwimmerin, die mit Rekordversuchen im offenen Meer gegen die Unterdrückung der Frauen ankämpft.
So wie der erzkonservative Klerus den Frauen den erst kürzlich bei einem WM-Qualifikationsspiel des Iran auf Druck des Weltverbandes Fifa gelockerten Stadionbesuch bei Fußballspielen untersagt, ist ihnen auch das Schwimmen in der Öffentlichkeit verboten. „Sie dürfen nur in Pools oder an Strände, an denen Frauen und Männer getrennt sind“, erzählt Maryam Majd. International ist der Iran teilweise isoliert, aktuell extrem unruhig. Majd ist eine in die westliche Welt vernetzte Aktivistin, die den Kampf für Gleichberechtigung als ihre Mission beschreibt. Die meisten ihrer Fotografien behandeln dieses Thema. Starke Frauen im Sport mit starken Überzeugungen.
Maryam Majd stammt aus einer gebildeten Familie und wuchs in der Hauptstadt Teheran auf. Ihr Vater, Universitätsprofessor für Geschichte, hatte früher als Torwart Fußball gespielt, die Tochter, die mit ihrem Bruder selbst im Hof oft Fußball und später Tennis und Volleyball spielte, sammelte seine Zeitungsartikel. Bald fiel ihr dabei der Mangel an Fotos in den Frauensportarten auf. Sie entschloss für sich, selbst welche zu machen. Zunächst nur für den Hausgebrauch: „Frauen und Mädchen sollten sie ihren Vätern, Brüdern und Ehepartnern zeigen können, die ihnen nicht beim Spielen zusehen durften.“ Ihre Motivwahl musste in der Islamischen Republik zu Konflikten führen, doch nie hätte die junge Fotografin gedacht, dass sie dies vor der Frauen-WM 2011 in Deutschland ins Gefängnis bringen würde.
Die ehemalige Nationalspielerin Petra Landers hatte sich zwar erfolgreich für ihre Fifa-Akkreditierung eingesetzt. Aber Maryam Majd wurde noch in der Nacht, in der sie zum Flughafen fahren sollte, verhaftet und für 33 Tage in einer Einzelzelle eingesperrt. Man hatte sie mit 24 Jahren ihrer beruflichen Träume beraubt. Auch zur Frauen-WM 2015 in Kanada konnte sie nicht, weil man ihren Reisepass einzog.
Erst als sich während der WM 2018 nach Russland gereiste Landsleute und Exil-Iraner dafür einsetzten, dass auch Frauen in der Heimat Zugang zum Public Viewing erhalten, spürte Majd, dass sich etwas bewegt. Sie ging mit anderen Frauen ins Azadi-Stadion, ihre Kamera packte sie in die Tasche und machte Fotos: Das war der Lichtstrahl in der Finsternis, auf den sie so lange gewartet hatte. Und plötzlich ging sogar ihre Tür zur Frauen-WM 2019 auf. Aus Kostengründen beschränkte sie ihren Besuch auf die Finalwoche in Lyon. Es gab nur eine Zeitung, die ihr überhaupt die Fotos abkaufte. Ihr erstes Spiel sollte das Halbfinale zwischen England und den USA (1:2) sein. Es war die kraft- und stimmungsvollste Partie der WM.
„Als ich das Stadion betrat, fühlte es sich an, als hätte ich die ganze Welt in der Hand“, teilte sie über ihre sozialen Netzwerke mit. „Ich konnte nicht aufhören zu weinen.“ Ihr Körper zitterte. Auf einmal schlossen sich viele ihrer Wunden. „Die Frauen-WM war für mich nicht nur ein Turnier. Es war ein großer Teil meines Lebens.“ Zur Verarbeitung des Traumas acht Jahre zuvor. Am Tag vor dem Finale zwischen den USA und den Niederlanden (2:0) hatte sie Geburtstag und war allein im Hotel. „Ich stand hinter dem Fenster und konnte das Stadion sehen. Diese Nacht war der beste Geburtstag in meinem Leben.“ Der WM-Slogan „Dare to shine“ (Zeit zu glänzen) schien für sie wie gemacht.
Nur allzu verständlich, dass es ihr größter Wunsch ist, auch bei Olympia 2020 fotografieren zu können. Doch die mutige Aktivistin weiß, dass ihr Ansinnen nach einer Akkreditierung für Tokio vermutlich ins Leere läuft: Noch immer wirkt willkürliche Unterdrückung für sie allgegenwärtig. „Bei den Menschen meines Landes sehe ich weniger Glück als früher“, sagt sie, „aber ich habe die Hoffnung nicht verloren.“ Aus dem Jahreswechsel – der in ihrer Heimat mit dem Persischen Neujahr („Nouruz“) erst am 20. März gefeiert wird – baut sie für sich eine Brücke zum iranischen Bildungssystem, in dem 20 die höchste Punktzahl bedeutet. Deshalb sagt sie: „Ich denke, 2020 wird mein Jahr sein.“ Auch wenn sie wahrscheinlich noch viel länger kämpfen muss.
Johannes Floors: Kampf dem Fibula-Gendefekt
Es braucht seine Zeit, um solch einen Erfolg zu realisieren. Die Nacht danach ist immer am schönsten. Wenn man voller Adrenalin ist. Dann aber wacht man auf, als sei nichts gewesen. Es geht im gleichen Trott weiter, aufstehen, frühstücken, Sport machen.“ Johannes Floors scheint mit der Einordnung seiner furiosen Karriere überfordert. Erst ein paar Wochen später kommt er der Wahrheit näher. Dem, was da im November dieses Jahres in Dubai bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften der Menschen mit Handicaps passierte, weil jetzt das Interesse an seiner Person so unglaublich groß geworden ist. Weltmeister wird er über 100 und 400 Meter, beides in Weltrekordzeiten: 10,54 und 46,65 Sekunden. Euphorie und Glück machen sich in Floors’ ungebrochenem Herzen breit.
Johannes Floors (24) erzählt seine Geschichte. Eine tief in die Seele eingebrannte Geschichte zwischen Leid und unstillbarer Freude. Er erzählt sie ruhig, aber nicht ohne Emotionen. Hier und da gerät seine Stimme ins Stocken. Ihm fehlten von Geburt an an beiden Beinen die Wadenbeine, die Füße waren verkümmert. Fibula-Gendefekt heißt die Fehlbildung. Floors wurde nur 1,60 Meter groß, er konnte kaum stehen. Maximal zehn Minuten, dann musste er sich setzen.
„Mit 16 konnte ich keinen Sportunterricht mehr mitmachen, Schulausflüge waren gestrichen, ich war froh, wenn ich auf dem Heimweg im Bus einen Platz kriegen konnte“, erinnert er sich an das Jahr 2011, als er sich mehr und mehr die Frage stellte: „Will ich so weitermachen, will ich irgendwann im Rollstuhl sitzen und mein Leben lang Schmerzen haben? Oder lasse ich mir die Füße amputieren?“ Floors nahm Kontakt mit Dr. Peter Hippe auf. Der Arzt aus Floors’ Säuglingstagen, ein Orthopäde am Universitätsklinikum in Kiel, und Johannes’ Eltern hatten sich nach der Geburt 1995 ob fehlender Erfahrungsberichte gegen eine Amputation der Füße entschieden. Aber die Option blieb bestehen. Hippe meinte, man könne es im Teenageralter noch angehen. Er kam 2011 aus dem Ruhestand zurück, setzte sich mit Familie Floors zusammen und sagte: „Ich mach’ das, und das wird richtig gut.“
Floors Stimme stockt, Tränen unterdrückt er mühsam. „Nach der OP lag ich im Bett. Dort unten, wo sich die Bettdecke normalerweise wölbt, war alles flach. Aber ich sagte mir, so, jetzt geht das Leben richtig los, du greifst an!“ Die schmerzenden Körperteile waren weg. Ein großes Gefühl von Freiheit machte sich breit. „Es war die beste Entscheidung meines Lebens“.
Er wusste, dass er Prothesen bekommen wird, aber er ahnte nicht, wie sie funktionieren. Umso mehr wollte er es umgehend allen zeigen, meldete sich fürs Sportabitur an und absolvierte einen Triathlon. Wow! Was für ein Triumph. Als kleiner Junge hatte er seine Behinderung nie als eine solche empfunden, hatte Fußball mitgespielt, war schwimmen gegangen, „bis so die ersten Gemeinheiten der anderen“ kamen. Und jetzt? Jetzt plötzlich genießt er seine Freiheit.
Aber ist er jetzt auch der neue „Blade Runner“. Der Nachfolger des Südafrikaners Oscar Pistorius? „Moment mal, den Titel legen mir andere in den Mund“, sagt Floors abwehrend, „aber Pistorius hat ganz sicher sehr viel dafür getan, dass der Parasport weltweit solch große Aufmerksamkeit genießt“. Seit 2. Dezember steht er wieder im Training und schrubbt Umfänge. Die Frage, ob es noch schneller als die 10,54 Sekunden geht, hört er nicht zum ersten Mal. Und Pistorius’ 400-Meter-Weltrekord von 45,07 Sekunden, ist der zu brechen? „Es muss alles stimmen. Die Bahn, das Wetter, die Atmosphäre, der Kopf. Die richtige Mischung zwischen Lockerheit und Angespanntheit macht’s.“ 2017 schloss Floors seine Ausbildung zum Orthopädiemechaniker ab. Nun ist er als Maschinenbaustudent in Sachen Technologie mittendrin. Immer neue Federformen kommen auf den Markt. Er aber läuft auf einem Modell, das gibt es seit 1991. Das Wort „Techno-Doping“ hört Johannes Floors nicht gerne. Den Pistorius-Rekord will er dennoch haben. Mit Muskelkraft und Lauftechnik.