Sport Melanie will nicht mehr

Versehentliches Berühren oder absichtliches Tatschen? Sexuelle Übergriffe sind immer eine heikle Angelegenheit – gerade im Sport, wo Nähe und Körperkontrakt zum Alltag gehören. Der Sportbund Pfalz will für das Tabu-Thema zumindest ein Bewusstsein schaffen. Er weiß: Es kann in jedem Verein vorkommen. Er weiß aber auch: Wie oft es wirklich passiert, ist reine Spekulation.
So schildert die Broschüre der Deutschen Sportjugend (DSJ) „Gegen sexualisierte Gewalt im Sport“ einen Sachverhalt. Was hinter einer solchen Verhaltensänderung stecken könnte? Erlebte sexualisierte Gewalt wäre eine Möglichkeit. In der Aus- und Weiterbildung durch den Sportbund Pfalz ist das Thema seit einiger Zeit angekommen. Es wird dort in enger Abstimmung mit den beiden Polizeipräsidien Rheinpfalz und Westpfalz bearbeitet. Und auch die Politik unternimmt mit dem 2012 verabschiedeten Bundeskinderschutzgesetz den Versuch, Missbrauch im Sport schon im Keim zu ersticken. Die rheinland-pfälzische Kriminalstatistik weist 810 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern für das Jahr 2014 aus. Etwa 78 Prozent der Opfer waren weiblich, rund zehn Prozent jünger als sechs Jahre. Zu wie vielen Übergriffen es in Sportvereinen kam, darüber gibt es laut Landeskriminalamt jedoch keine genauen Zahlen. Doch nicht nur an den fehlenden Daten hapert es. Bei einem Informationsabend des Sportbundes Pfalz in Enkenbach-Alsenborn Anfang März wird schnell deutlich: Auch die Definition von „sexualisierter Gewalt“ ist unscharf. Es geht nicht nur um die nach Strafgesetzbuch geahndeten Vergehen des Missbrauchs, der Nötigung, Vergewaltigung oder Kinder-Pornografie. Auch anzügliche Bemerkungen, sexistische Witze oder das Zeigen pornografischer Bilder fallen darunter, sagt Bernhard Arnold, Kriminalhauptkommissar im Polizeipräsidium Westpfalz, zu den Vertretern aus pfälzischen Sportvereinen, die in die Rudi-Müller-Sporthalle gekommen sind. Es sind die Formen, die vermutlich deutlich häufiger in Sportvereinen auftreten, als die am Ende tatsächlich angezeigten Straftaten. „Es ist ein sehr schwieriges Thema, es ist ein Thema voller Tabus“, sagt der Polizeibeamte. Und das, obwohl kein Verein von sich behaupten könne, dass es bei ihm nicht passieren könne. Auch wenn die polizeiliche Kriminalstatistik nicht erfasse, wo ein Übergriff stattgefunden habe, fest steht: rund 93 Prozent der sexuellen Übergriffe finden im sozialen Umfeld des Betroffenen statt. Und dazu zählt letztlich auch der Sportverein. Es ist eines der Szenarien, die Arnold beim Infoabend vorstellt. Eines, das er den Betreuern und Trainern bewusst machen möchte. Denn es ist ein Beispiel, wie es zweifelsfrei vorstellbar ist, wie es womöglich oft vorkommt in den Vereinen und bei dem man im ersten Moment an nichts Böses denkt. Nur: „Der männliche Trainer hat in der Dusche nichts verloren“, macht Arnold deutlich. Die Grenze ist schnell überschritten. Doch wo fängt sie überhaupt an? Gerade der Sport ist mit seinem Körperbezug und Körperkontakt nach Expertenmeinung der DSJ durchaus anfällig für Missbrauch. Aber: Nicht jedes Abrutschen der Hand bei der Hilfestellung ist eine sexuellen Belästigung, das ist auch Arnold klar. Er rät: „Auf das Bauchgefühl sollte man sich auch verlassen.“ Sportler könnten sehr gut unterscheiden, ob es tatsächlich ein Versehen war oder ob das Berühren an Beinen oder Brust ein bestimmtes Motiv habe. Arnold sind aus der Zeit von 2011 bis zum Jahr 2014 für den Bereich des Polizeipräsidiums Westpfalz zwei Fälle sexueller Übergriffe auf Kinder bekannt. „Wobei ein Fall während eines Sportfestes stattfand, der Täter war weder Trainer noch Übungsleiter oder Vereinsverantwortlicher. Im zweiten Fall hat sich eine Aushilfskraft in einem Schützenhaus zwei Kindern unsittlich genähert“, sagt er. Weitere Fälle wurden nicht angezeigt. Ob es sie gab? Reine Spekulation. Denn auch Dunkelfeldstudien gibt es zu diesem Thema bislang nicht. Martin Schwarzweller, Geschäftsführer des Sportbundes Pfalz, nennt für denselben Zeitraum ähnliche Zahlen. „Mir wurden drei Fälle bekannt: Ein schwerer Fall (bei einem Verein in Ludwigshafen, ) über die Zeitung, ein Fall mit anzüglichen Bemerkungen in der Vorderpfalz und ein weiterer Fall in der Nordpfalz. Bei letzterem ging es um problematische Hilfestellungen.“ Als Ansprechpartner für die Vereine erfährt er häufig als einer der ersten von sexuellen Übergriffen. Danach geht es über den Anwalt des Sportbundes, Falko Zink, oder über Präventionsexperte Arnold an die Aufklärung. Den Verantwortlichen bei Sportbund und Sportjugend Pfalz geht es insbesondere um die Schaffung einer Aufmerksamkeitskultur – wie auch beim Info-Abend in Enkenbach-Alsenborn. Gerade weil sexualisierte Gewalt eine diffizile Angelegenheit ist, bei der es auf Kleinigkeiten ankommt, ist es wichtig, überhaupt erst ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Neben der Kooperation mit den beiden Polizeipräsidien sind Schulungstage im Aus- und Fortbildungsprogramm verankert. Darüber hinaus gibt es einen Verhaltenskodex, der auf dem Werk des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) aufbaut, sagt Schwarzweller. 2100 Vereine sind im Sportbund Pfalz organisiert, 900 von ihnen erhalten Zuschüsse für ihre lizenzierten Übungsleiter. „Diese 900 Vereine müssen uns nachweisen, dass der Ehrenkodex von den Übungsleitern unterzeichnet beim Vorsitzenden vorliegt“, sagt der Chef des Sportbundes. Darin erklären die haupt- und ehrenamtlichen Tätigen, das Recht der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf körperliche Unversehrtheit zu achten und keinerlei Gewalt anzuwenden. „Wir empfehlen den Vereinen, auch die nicht lizenzierten Betreuer und Betreuerinnen einzubeziehen. Ob und wie viele Vereine Präventionsarbeit leisten, durch Flyer zum Beispiel oder interne Diskussionen, ist dem Sportbund nicht bekannt. „Wichtig ist es dem Sportbund aber schon, dass wir mit dem Ehrenkodex jegliche sexualisierte Gewalt ächten.“ Die Politik geht seit Einführung des Bundeskinderschutzgesetzes mit Paragraf 72a des Sozialgesetzbuches VIII dagegen andere Wege. In diesem Paragraf ist geregelt, dass die Träger öffentlicher Jugendhilfe, also Jugendämter, auch mit Sportvereinen, Vereinbarungen schließen sollen, die sicherstellen, dass kein einschlägig Vorbestrafter eine haupt- oder ehrenamtliche Tätigkeit im Verein ausübt. Hierzu empfehle sich je nach Intensität und Dauer des Kontakts zu Kindern und Jugendlichen die Einsicht in das erweiterte Führungszeugnis durch die Vereinsverantwortlichen. Vereinsvertreter wie auch Schwarzweller sehen diese Anregung kritisch: „Ich teile die Auffassung der Vereinsvertreter. Der bürokratische Aufwand – gerade in größeren Vereinen – ist enorm. Es wird Vereine geben, die lieber auf Zuschüsse verzichten, als den Aufwand zu betreiben“, sieht er die Idee das erweiterte Führungszeugnis einzuholen und zu prüfen mit Bedenken. Noch ist dieses Vorgehen aber ohnehin nicht bindend, einen entsprechenden Präzedenzfall gibt es nicht. Ein weiteres Beispiel, das beim Infoabend in Enkenbach-Alsenborn durchgespielt wird. „Der Junge wird gezielt zum Außenseiter gemacht“, sagt Arnold. „Täter bereiten ihre Opfer unter Umständen monatelang auf die Übergriffe vor.“ Der Kriminalhauptkommissar kennt mehrere Täter-Typen, etwa den fixierten Täter, der bei Übergriffen im Sport mit am häufigsten anzutreffen ist. Die Beschreibung lautet: Seine pädosexuelle Interessen reichen bis in die frühe Jugend zurück, er verfügt nur über unreife soziale Fähigkeiten und Fertigkeiten. Geplagt von Minderwertigkeitsgefühlen und aus Furcht vor Zurückweisung ist er zu keiner altersentsprechenden Beziehung in der Lage. Seine Opfer – meist Jungen – wählt er gezielt. Eine Entschuldigung ist das alles nicht, das wissen die Experten. Denn eines ist klar: Ein Opfer ist schon eines zu viel. Darin sind sich alle einig.