Formel 1
Max Verstappen – der Souverän hinterm Lenkrad
Vier Finger und ein Halleluja, das fasst den Abschluss des Rennfilms von Las Vegas zusammen. Nicht das Silber für den Doppelerfolg von George Russell und Lewis Hamilton im Mercedes illuminierte den Nachthimmel von Nevada, es war die Farben für den Fünften des drittletzten Formel-1-Rennens der Saison, der zum dritten Mal in Folge vorzeitig Weltmeister geworden war.
Diesmal kein Risiko
„Oh mein Gott, viermal. Wenn wir über dieses Jahr nachdenken, was wir durchgemacht haben ...“, stammelte Max Verstappen ins Helmmikrofon, nachdem er seinen Rivalen Lando Norris am Ende hinter sich gehalten hatte. Aufs Risiko hatte er ausnahmsweise verzichtet, wieso auch einen Podiumsplatz anstreben, wenn er auch so in der ewigen Champions League wieder einen Platz aufrücken konnte. Die 63 Punkte Rückstand kann Norris nicht mehr aufholen, und der Brite gesteht: „Max zeigt einfach keine Schwächen.“
Mit jedem seiner Titel hat Max Verstappen ein neues Level erreicht, und das gilt nicht nur numerisch. Dreifache Champions wie Niki Lauda oder Ayrton Senna hat er nun hinter sich gelassen, die Ebene von Alain Prost und Sebastian Vettel erklommen. Vor ihm liegen in der Bestenliste nur noch die Ausnahmefahrer wie Juan-Manuel Fangio, Lewis Hamilton und Michael Schumacher. Bei seiner Expedition an die Spitze der Formel 1 hat sich der Niederländer in jedem Jahr anders präsentiert: 2021 war er der wütende Weltmeister gewesen, 2022 der zufriedene, 2023 der überlegene und in dieser Saison, in dem rund um Red Bull Racing viel Chaos herrschte, war er dem Verlauf des Rennjahres entsprechend zwiegespalten: mal durfte er der „good cop“ sein, mal musste er den „bad cop“ spielen.
Die richtige Mischung hat ihn zum Weltmeister gemacht. Der vierte Gesamtsieg in Folge ist besonders – wie immer, wenn große Rennfahrer nicht mehr im besten Auto sitzen. Lewis Hamilton hat das 2008 gezeigt, Michael Schumacher schon 1994, und Verstappen selbst vor drei Jahren. Solche Ausnahmeleistungen sprechen für eine besondere fahrerische und mentale Stärke. Tatsächlich blieb Verstappen, der seit Mai mit unterlegenem Material gegen Herausforderer Lando Norris kämpfte, erstaunlich gelassen. „Es war eine sehr herausfordernde Saison. Auch für mich als Mensch und Person. Aber man muss ruhig bleiben“, bilanzierte Verstappen, „ich habe noch mal sehr viele Lektionen gelernt. Und bin sehr stolz, wie wir alle damit umgegangen sind. Das ist ein sehr besonderer Titel.“
Wort gehalten
Der 26-Jährige hat mit seiner Einstellung Wort gegenüber sich selbst gehalten. Nach seinem ersten, umstrittenen Titelgewinn auf der letzten Runde von Abu Dhabi, hatte er gemutmaßt, dass alles, was jetzt noch komme, nur noch ein Bonus sei. Die Dramatik der Titelverteidigung passt zu diesem wilden Rennjahr, das von enormer Leistungsdichte und Konkurrenzfähigkeit geprägt war. Max Verstappen hat stets die Nerven behalten, das war neben seiner herausragenden Intuition die wichtigste Weltmeistertugend. Gerade weil sich rund um ihn herum nicht die erwartete unbeschwerte Saison entwickelt hatte, musste er selbst nah an der Perfektion sein.
Talent ist das eine, aber erst eine eiserne Entschlossenheit formt Weltmeister: „Wenn du auf der Strecke gewinnen willst, wenn du ein Champion sein willst, musst du am Limit sein.“ Dass ihm das gelungen ist, war der Hauptunterschied zu seinem Rivalen Lando Norris. Doch Verstappen durfte sich einfach keinen großen Fehler erlauben, und er hat auch keinen gemacht.