Fußball
Malick Thiaws Debüt bei Hansi Flick: Der Stier und der Panther
Malick Thiaw erschien beinahe etwas schüchtern, als er in den Katakomben des Nationalstadions in Warschau auf dem Weg zum Mannschaftsbus war. Zunächst reagierte der 21-Jährige nicht auf die Bitte einiger Reporter um ein Interview. Er wirkte unsicher, erst einige Meter weiter hinten blieb der Verteidiger des AC Mailand stehen. Thiaw war ein gefragter Gesprächspartner, schließlich hob er sich in einer Mannschaft positiv hervor, die bei der 0:1-Niederlage gegen durchschnittliche Polen über ihn hinaus keine positiven Ansätze gezeigt hatte. Der Debütant war Gewinner in einem Spiel, das aus deutscher Sicht sonst nur Verlierer hervorgebracht hatte.
„Persönlichkeit gezeigt“
Das aussagekräftigste Lob erhielt Thiaw von einem Mann, an dessen Seite er sein erstes Länderspiel absolviert hatte. „Er hat super gespielt, er hat Persönlichkeit gezeigt“, erklärte Antonio Rüdiger. In einer Zeit, in der es vielen deutschen Nationalspielern nicht gelingt, auf dem Rasen Persönlichkeit zu zeigen, waren die Worte von Rüdiger ein verklausuliertes Verlangen, diesen Neuling fest ins Team zu integrieren. „Das war ein sehr, sehr gutes Debüt“, sagte Rüdiger außerdem, ehe die Zeit für positive Nachrichten vorbei war. Anschließend musste er sich zu den vielen Schwachstellen im deutschen Spiel erklären.
Thiaw wurden solche Fragen nicht gestellt. Der junge Mann kann und muss sich im Augenblick nicht zu den Problemen äußern. Zunächst war er dafür vorgesehen, in diesem Sommer als Kapitän der U21-Nationalmannschaft für sein Land zu spielen, doch am Freitagabend war er plötzlich der Mittelmann der Dreier-Abwehrreihe des A-Team. „Man muss viel reden, aber meine Nebenleute haben es mit einfach gemacht“, erklärte Thiaw und gab ein Lob an den Mann zurück, der ihn zuvor starkgeredet hatte. „Antonio hat mir von Tag eins an viel geholfen“, sagte der Debütant.
Rüdiger hat im Fall von Thiaw die ihm zugedachte Rolle einer Führungsfigur ausgefüllt und sich um den Neuling gekümmert, als der im März erstmals im Kreis der A-Nationalmannschaft auftauchte. Beide haben schnell ein Vertrauensverhältnis zueinander aufgebaut, auf und neben dem Rasen. Rüdiger und Thiaw ergänzen sich in ihrer Art, Fußball zu spielen.
Der eine ist ein Stier, der andere ein Panther
Rüdiger spielt körperlich, strotzt vor Kraft, schützt weder den eigenen Körper noch den des Gegners. Er tritt anarchisch auf, beißt sich im besten Wortsinn an seinem Kontrahenten fest. Die Bilder von seinen Duellen im Halbfinale der Champions League gegen Erling Haaland, auf denen zu sehen war, wie sehr der Verteidiger von Real Madrid dem Stürmerstar von Manchester City „auf die Pelle“ rückte, erzählten viel über den Stil des geborenen Berliners. Übertragen auf die Tierwelt symbolisiert Antonio Rüdiger einen Stier.
Thiaw stand in der europäischen Königsklasse ebenfalls auf der Bühne Halbfinale. In den stadtinternen Partien gegen Inter Mailand agierte der gebürtige Düsseldorfer eine andere Art des Abwehrspiels. Der 21-Jährige wirkte geschmeidig, spielte vorausschauend und agierte in den Zweikämpfen schlau, gepaart mit einer außergewöhnlichen Athletik. Übertragen auf die Tierwelt symbolisiert Malick Thiaw einen Panther.
Großer Entwicklungsschritt in der Lombardei
Er profitiert inzwischen sehr von einem Schritt, den er im zurückliegenden Sommer wagte, und den einige Beobachter für falsch, weil zu früh hielten. Vom Bundesliga-Aufsteiger FC Schalke 04 wechselte der Abwehrspieler zum italienischen Meister AC Mailand, in das Land, dem nach allgemeiner Einschätzung weltweit die besten Verteidiger zur Verfügung stehen.
Ein Jahr später ist klar, dass der Mut von Thiaw belohnt worden ist. Ein knappes halbes Jahr saß der Deutsche bei den Lombarden mehrheitlich auf der Bank, schaute zu und lernte. Im Kalenderjahr 2023 wendete sich die Situation, inzwischen ist er Stammkraft und beeindruckt mit den Fortschritten, die er in kurzer Zeit gemacht hat. „Ich bin dem AC Mailand unglaublich dankbar dafür, dass sie mir diese Chance gegeben haben“, sagte Thiaw. In Mailand sind die Verantwortlichen zufrieden mit ihrem Entschluss, weil sich gezeigt hat, wie lernbereit dieser junge Deutsche ist. Thiaw und der AC Mailand – das ist eine Verbindung, von der beide Seiten profitieren.
In zweiter Instanz soll das künftig auch für die Nationalmannschaft gelten. In den ersten 90 Minuten in der Nationalmannschaft hat Thiaw viel dafür getan, eine feste Größe zu werden. Die Aussicht, dass das deutsche Tor im kommenden Sommer von einem Stier und einem Panther bewacht wird, kann den deutschen Fans in schwierigen Zeiten etwas Zuversicht geben.