Leichtathletik
Malaika Mihambo springt trotz Krankheit zu Olympia-Silber: Nicht viele hätten das geschafft
So soll es also sein. Wieder der letzte Sprung. Wie in Tokio 2021, wo Malaika Mihambo mit dem finalen Versuch die Weite erreichte, die ihr die olympische Goldmedaille bescheren sollte. Diese Gabe, durch enorme mentale Stärke einen letzten Absprung auf das Brett zu zaubern, der ihr doch noch den Sieg einbringt, ist zu einer Art Markenzeichen geworden. Nun liegt die 30-Jährige kurz vor Schluss im Stade de France von Paris auf dem Silberrang mit 6,98 Metern, aber Gold ist noch allemal drin. Tara Davis-Woodhall ist gerade mal zwölf Zentimeter weiter gesprungen.
Mihambo fokussiert die Anlaufbahn mit ihren Augen, so wie sie das immer tut, schlägt sich mit den Handflächen auf die Wangen, klatscht, rennt los – und spurtet über den Absprungbalken hinweg hinein in die Sandgrube. Der Geist war bereit für ihr berühmtes großes Finale, der Körper aber nicht. „Ich glaube, dass es nicht viele Menschen gibt, die mit so einer Vorgeschichte und solch einem Handicap mit Silber vom Feld gehen können“, sagt sie zwölf Stunden später, der Blick noch immer müde von der Anstrengung am Abend zuvor. Im Rollstuhl war sie von medizinischen Helfern aus dem Innenraum des Stadions gebracht worden, mit Tränen in den Augen. „Die Silbermedaille strahlt sehr golden“, sagt sie; trotz aller Beschwerden mit der typisch nachdenklichen Malaika-Mihambo-Leichtigkeit.
Eine schwierige Vorbereitung
Bei der Europameisterschaft im Juni in Rom hatte sie sich eine Corona-Infektion eingefangen, wie sich später zeigte. Sie sprang mit Kopfschmerzen und trotz starker Müdigkeit zum Titel, die 7,22 Meter hätten auch in Paris locker für Gold gereicht. Bis zu Olympia blieben allerdings nur acht Wochen. Eine harte Zeit, auch mental. „Ich hatte wirklich starke Probleme mit den Lungen, und es war nicht einfach, da durchzugehen“, sagt sie.
Mit Trainer Ulrich Knapp ging sie in die Vorbereitung. Immer wieder kam es zu Rückschlägen, die Intensität war geringer, die Intervalle waren weniger anstrengend. Es gab Nächte, in denen Mihambo kaum geschlafen hat, weil sie so viel husten musste. „Wir haben ein sehr bröckliges Haus gebaut, das nach der Qualifikation schon gewackelt hat“, sagt Knapp. Nach zwei ungültigen Versuchen sicherte sie sich erst im dritten Anlauf die Finalteilnahme.
Ein Kampf mit dem Körper
Beim Aufwärmen fühlte sich Mihambo noch gut, zum Beginn des Wettkampfs spürte sie, dass sie nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte sein würde. „Ich musste für jeden Sprung hart arbeiten“, sagt sie, „es ging um Willensstärke und mentale Stärke.“ Kaum eine kennt sich damit so gut aus wie die 30-Jährige. Mihambo meditiert regelmäßig, für sie liegt in der Ruhe die Kraft. Zwischen den Sprüngen von Paris zieht sie sich immer wieder zurück, macht Atemübungen.
Schon vor der EM 2022 in München plagte Covid sie, auch dort gewann sie Silber. Nun sei es noch heftiger gewesen. Mihambo scheint bei großen Wettkämpfen nur zu schlagen zu sein, wenn sie selbst angeschlagen ist. Ansonsten: EM-Gold 2018, WM-Titel 2019 und 2022, Olympiasieg 2021. Tokio sei ein Kampf der Psyche gewesen, sagt sie. „Dieses Mal war es ein Kampf mit dem Körper.“ Trotzdem gewinnt sie nach Zehnkämpfer Leo Neugebauer die zweite Medaille der deutschen Leichtathleten in Paris. Die Bilanz für den Verband: einmal mehr ausbaufähig.
Auch Lyles schwer gehandicapt
Wie sehr Corona Leistungssportler in die Bredouille bringen kann, muss an diesem Abend im Stade de France nicht nur Mihambo erfahren. 100-Meter-Olympiasieger Noah Lyles realisiert nach seinem Titel, dass seine Beschwerden nicht „nur ein Muskelkater sind“, wie er sagt. Ein Corona-Test zwei Tage vor dem Rennen über 200 Meter war positiv. Er tritt dennoch an und wird mit deutlichem Rückstand Dritter. Auch Lyles ist mit den Kräften am Ende, muss im Rollstuhl weggeschoben werden.
Bis zum fünften Versuch liegt Mihambo mit 6,95 Metern auf dem Bronzerang. Dann schiebt sie sich auf Position zwei vor Jasmine Moore aus den USA (6,96). Als feststeht, dass sie Silber sicher hat, legt sich Mihambo die Deutschlandfahne um die Schultern und posiert für die Fotografen. Sie freut sich über den zweiten Platz und geht auf die Ehrenrunde durch das Stadion. Sie springt in die Luft und rennt, hält zwischendurch an, um Speerwerfer Julian Weber bei dessen letztem Versuch zu unterstützen.
Dann werden die Beschwerden zu groß, der Husten will nicht mehr aufhören. „Nach der Ehrenrunde habe ich wirklich keine Luft mehr bekommen, es war zu viel“, sagt sie. Die Bilder von ihr im Rollstuhl machen die Runde. Wenig später gibt der Leichtathletikverband Entwarnung. Tags drauf sagt Mihambo: „Es geht mir viel besser als gestern Abend.“ Sie weiß: Ihr Geist ist stark – und der Körper wird sich erholen. Er braucht nur Zeit.
