Kugelstoßen
Mabry statt Ogunleye: Neuer Name ist für pfälzische Olympiasiegerin noch ungewohnt
Um 15.06 Uhr geht der zweite Teil der Vorstellung im Jubel unter: „Neuer Name“, sagt die Moderatorin im Heinz-Steyer-Stadion ins Mikrofon und die 10.000 Zuschauer können ergänzen, was ihnen gerade durch den Kopf geht. Alter Glanz? Alte Stärke? Altes Lächeln? Alles würde irgendwie passen. Yemisi Mabry jedenfalls steht im Tunnel unter der Tribüne und formt mit den Fingern ein Herz für die Kamera. „Bei dieser Atmosphäre kann man einfach nur gut stoßen“, sagt Mabry, „die Leute jubeln, ob die Kugel weit fliegt oder auch nicht, und machen Stimmung, ohne dass man das Publikum animieren muss.“
Als letzte Kugelstoßerin betritt die Olympiasiegerin aus dem pfälzischen Bellheim an diesem Sonntagnachmittag die Arena – und bekommt das Strahlen nicht mehr aus dem Gesicht. Sie winkt ins Publikum und behält trotzdem den Fokus, zieht sich während des Wettkampfs zurück, streichelt die Kugel immer wieder mit dem Fuß.
„Der Name passt total toll“
„Nee, daran habe ich mich noch nicht gewöhnt“, sagt Mabry später im RHEINPFALZ-Gespräch zur Tatsache, dass nun ein anderer Name auf der Anzeigetafel und auf ihrem Trikot steht. Das Leichtathletik-Meeting „Goldenes Oval“ in der sächsischen Landeshauptstadt ist für sie der dritte Wettkampf seit ihrer Hochzeit. Anfang April gab sie bei Instagram bekannt, dass sie den US-amerikanischen Footballspieler Tyler Mabry geheiratet und auch dessen Nachnamen angenommen hat. „Ich finde, der Name passt total toll und die Hochzeit war einzigartig“, sagt Mabry, die bis dahin Ogunleye hieß, zur RHEINPFALZ. Von der Trauung im US-Bundesstaat Georgia teilte sie Bilder von sich im weißen Brautkleid und ihrem Mann im Anzug mit ihren knapp 64.000 Followern.
Nach dem Start in die Freiluft-Saison in Asien und dem Wettkampf beim beliebten Meeting in der saarländischen Provinz von Rehlingen vor einigen Tagen präsentiert sich Mabry nun erstmals in diesem Jahr auf der ganz großen nationalen Bühne. Aber während für sie ein neuer Abschnitt in ihrem Leben begonnen hat, hat sich an ihrer Rolle im Kugelstoß-Ring nichts geändert. Wenn die Pfälzerin antritt, wollen die Zuschauer große Weiten sehen. In Dresden müssen sie dafür nicht lange warten. Mit 18,90 Metern setzt sie sich direkt im ersten Versuch an die Spitze des Feldes, direkt im Anschluss legt Mabry 19,16 Meter nach.
Der Knoten beginnt sich zu lösen
„Ich bin auf dem richtigen Weg, harte Arbeit zahlt sich aus, ich arbeite weiter, halte den Ball flach und weiß, dass ich mich in den nächsten Wettkämpfen noch mal mehr in den Weiten einpendeln kann“, sagt Mabry, „aber Stück für Stück und dabei einfach die Ruhe behalten.“ Zum Auftakt der Saison war Mabry gesundheitlich angeschlagen und musste im Training kürzer treten. Die ganz großen Weiten fehlten zunächst. In Dresden aber beginnt sich nun der Knoten zu lösen, vieles wirkt wieder vertraut. Im sechsten und letzten Versuch landet die Kugel bei 19,21 Metern. Keine Konkurrentin kommt an diesem Nachmittag auch nur annähernd heran. Die Schwedin Fanny Roos stößt die Kugel als Zweite auf 18,73 Meter.
Nach dem Wettkampf gibt Mabry ein paar Autogramme, einige Kinder stehen am Geländer zum Innenraum des Stadions. Auch hier: neuer Name, alte Rolle – Vorbild, Olympiasiegerin, Identifikationsfigur und Publikumsliebling der deutschen Leichtathletik. Doch bei aller Beliebtheit und Popularität, die nach der überraschenden Goldmedaille von Paris im Sommer 2024 über Mabry hereinbrachen, möchte sie vor allem mit Leistung überzeugen. „Ich will immer noch zu alter Stärke zurück- und den Rhythmus im Ring wiederfinden“, sagt sie, „natürlich bin ich jetzt schon mehrmals über die 20-Meter-Marke gekommen, das ist auf jeden Fall das Ziel.“ Der Höhepunkt in diesem Jahr ist die Europameisterschaft im August im britischen Birmingham.
Mabry ist stolz auf neuen Namen
Um dort zu glänzen, hat Mabry mit ihren Trainern in den vergangenen Monaten ihre Drehstoß-Technik auseinandergebaut, um die anspruchsvolle Verwringung von Ober- und Unterkörper zu optimieren. „Es kommt noch nicht alles komplett zusammen“, sagt sie, „aber bis zur EM ist noch ein bisschen Zeit.“ Dabei gehen ihre Gedanken bereits weiter, vor allem Richtung Olympische Spiele 2028 in Los Angeles. Bis dahin soll „Mabry“ noch möglichst oft auf der Siegerliste auftauchen. „Ich bin froh, diesen Namen jetzt tragen zu dürfen und denke, dass wir uns alle daran gewöhnen werden“, sagt die Pfälzerin – und grinst.