Sport
Leichtathletik: Was nun, Koko?
Die besten Läufer der Welt trainierten im ambitionierten Nike Oregon Project. Nach Dopingvorwürfen kam das Aus für die Elite-Athletengruppe, und nun erhebt die frühere US-Topläuferin Mary Cain schwere Anschuldigungen . Sie sei „emotional und körperlich missbraucht“ worden. Auch die deutsche Olympia-Hoffnung Konstanze Klosterhalfen trainiert in Oregon. Was bedeutet der Skandal für ihre Karriere?
Und plötzlich war sie wieder da: Mary Cain, 23 Jahre alt. In einer ganz anderen Rolle. So wie man das einst „schnellste Mädchen Amerikas“ (Cain über Cain) nicht kannte. Nicht in einem Stadion, nein, in einem TV-Studio. Nicht verschwitzt jubelnd, sondern in legerer Freizeitkleidung. Bei aller Ernsthaftigkeit auch mal lächelnd, verlegen lächelnd, vor allem aber nachdenklich und anklagend. In einem professionell inszenierten Video der „New York Times“ hatte Mary Cain vor zehn Tagen endlich Angst und Scham abgelegt, um über die Demütigungen zu reden, die ihr im Nike Oregon Project (NOP) widerfahren waren. Sie sei über Jahre zum Abnehmen gedrängt worden, habe fünf Knochenbrüche erlitten, ihr Menstruationszyklus sei ausgeblieben, über Suizid habe sie nachgedacht. Es sind unfassbare Vorwürfe, die unglaubliche Machenschaften verraten. Welch hohen Preis musste Mary Cain zahlen, um ihren Traum zu leben, irgendwann einmal ganz oben auf dem Leichtathletik-Olymp anzukommen? Sie ist bedrückend gescheitert.
Mitten in der WM: Nike zieht sich zurück
Das Nike Oregon Project war vier Wochen zuvor, am 10. Oktober und damit in der Woche nach den Weltmeisterschaften in Doha, eingestellt worden. Sponsor Nike blieb nichts anderes übrig, als die Reißleine zu ziehen. In Doha noch hatte das NOP-Team drei Gold- und eine Silbermedaille gewonnen. Und eben Bronze durch Konstanze Klosterhalfen über 5000 Meter, an der sich vor allem das Interesse in Deutschland am NOP und an Mary Cains Leidensdruck entzündet. Die Sperre gegen NOP-Trainer Alberto Salazar, medienwirksam in die WM gestreut, und das NOP-Aus erleichterten Mary Cain die Offenbarung.
Als 17-Jährige (!) war sie 2013 in Moskau WM-Zehnte in einem extrem schnellen 1500-Meter-Rennen geworden – in 4:07 Minuten. Im Jahr darauf siegte sie bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Eugene über 3000 Meter, ihre letzte Bestzeit stammt vom Juni 2015, als sie in New York die 1000 Meter in 2:38,57 lief. Danach verschwand Mary Cain von der Bildfläche.
Erfolge sind nur noch Schein
Geblieben ist ihr vom Sport nicht viel. Ihre im Video gezeigten Pokale und Medaillen sind nur noch Schein. Ihr Sein zementierte Mary Cain nun in markante Sätze. „Ich war in einem System gefangen, das von Männern für Männer konzipiert war. Es zerstört die Körper junger Frauen.“ Oder: „Ich wurde emotional und körperlich missbraucht von einem System, das Alberto und Nike gefördert haben.“
Klare Aussagen einer gedemütigten Mary Cain. Ihr Vater ist Arzt; er hat sie während ihrer ganzen Karriere begleitet, auch im NOP. Nicht ausgeschlossen, dass er über alles Bescheid wusste. Oder anders ausgedrückt: Sehr wahrscheinlich wusste er es. Wäre es dann nicht seine verdammte Pflicht gewesen, die Missstände öffentlich anzuprangern? Vielleicht hätten sie einen anderen Widerhall gefunden, zumal auch Kara Goucher oder Amy Begley, die einst diesem Team angehörten, frühzeitig warnten, was Assistenztrainer Steve Magness nun auch bestätigte: alles Lug und Trug. Das Video transportiert all die Schmach, Dramatik und Perversität, die der Leistungssport nun mal auch bereithält.
Skandalöse Methoden
Zweifel an den skandalösen Methoden des eingestellten Nike Oregon Projects gibt es keine mehr. Herausgefunden werden muss, wie es möglich war, dass diese Elite-Trainingsgruppe auf dem Nike-Campus in Beaverton nahe Portland, gemanagt vom dreifachen New-York-Marathon-Sieger Alberto Salazar (1980-82), 18 Jahre lang „überlebte“. Offenbar hat die Übermacht von Nike alle Skepsis an die Wand gedrückt. Wundert das einen? Leistungssport ist nun mal ein recht profitables Geschäft der Konzerne, die dahinter stehen und ihn fördern.
Auch deutsche Athleten schlagen gerne ihre Zelte in den USA auf, um am weltweit besten System, das Sport und Studium verbindet, teilzunehmen. Im US-Collegesport ist alles hervorragend aufeinander abgestimmt: Hohe Akzeptanz, öffentliche Wertschätzung, Teamspirit – das alles kennt der deutsche Sport nicht. Daraus erwachsen über den Collegesport hinaus extrem starke Trainingsgruppen mit Toptrainern, die Magnetcharakter haben. Zu glauben, im US-Sport entstehen Erfolge nur mit illegalen Methoden, wie das im Falle des NOP öffentlich wurde, ist freilich ebenso fahrlässig wie an der Illusion von einem heilen Leistungssport festzuhalten. Aber keiner weiß, was wirklich Sache ist. Die Grenzen sind fließend, vieles passiert im Verborgenen, weil sich alle Beteiligten in ihrem Kokon verstecken. Wie lange hielt sich das Schweigekartell im Profiradsport? Sehr lange.
Auch Lückenkemper geht in die USA
Dieser Tage gab Deutschlands Sprint-Star Gina Lückenkemper bekannt, den entscheidenden Schritt ins olympische 100-Meter-Finale von Tokio nun in Florida planen zu wollen. Sie schließt sich der Trainingsgruppe von US-Coach Lance Brauman in Clermont an. Sie kennt sich dort aus, denn das deutsche Sprintteam steigt schon seit drei Jahren jeweils im April in Clermont ab. Lückenkemper wird der Wechsel in die USA lautloser gelingen als Klosterhalfen, denn die Medien hinterfragten schon vor einem Jahr ihren überraschenden Schritt. Klosterhalfen gab im November 2018 ihren Wechsel ins NOP und damit auch die „Trennung“ von ihrem langjährigen Trainer Sebastian Weiß, dem Bundestrainer, bekannt. Im Frühjahr 2019 verlagerte sie ihren Lebensmittelpunkt endgültig nach Portland – als festes Teammitglied.
Der Generalverdacht läuft mit
Konstanze Klosterhalfen, 22 Jahre alt, ist ein Jahrhunderttalent, wie es in Deutschland nie zuvor eines gab. Ein Laufwunder. Sie machte also rüber über den Großen Teich. Ganz sicher ermuntert von ihrem tüchtigen Manager Oliver Mintzlaff, ganz sicher unterstützt von ihrer Familie. Ganz sicher aber auch aus innerer Überzeugung heraus. Laufen ist ihr Leben. Sie kann nicht anders als laufen. 2019 stellte sie mehrere deutsche Rekorde auf. Bei den deutschen Meisterschaften in Berlin erhoben sich alle Zuschauer im Olympiastadion und klatschten sie zu einem phänomenalen Sieg über 5000 Meter in 14:26,76 Minuten. Leichtathletikanhänger, die den Weg von Klosterhalfen verfolgten. Aber die Gesellschaft ist gespalten. In vielen Köpfen läuft der Generalverdacht mit. Eine deutsche Läuferin auf diesem Niveau, das ist neu und weckt Argwohn. Darüber hinaus eine so spindeldürre, manchmal naiv wirkende junge Athletin, ein sympathisches Kichermädchen mit wehenden Haaren. Und dann noch dieses Nike Oregon Project, dieses ominöse, verrufene und jetzt entlarvte US-Trainingsquartier, welches Klosterhalfen in den Himmel lobt, als sei nie etwas vorgefallen: „Danke nach Amerika! Das hier zeigt, was für einen guten Job das Team gemacht hat“, sagte sie nach ihrem WM-Erfolg in Doha, wo sie ein taktisch hervorragend gelaufenes Rennen als Dritte abschloss. Was sie so sehr ernst meinte, empfanden viele als Provokation.
Koko: ein außergewöhnliches Talent
In die Bedenken einstimmen, geht leicht und schnell. Vielleicht hilft ein Blick auf ihre Vita weiter, um ihre Leistungen einzuordnen. Zwischen Messdiener- und Model-Dasein hat sich „Koko“, aufgewachsen in Bockeroth im Siebengebirge, hineingeboren in eine sportbegeisterte Familie, unbeirrt ihren Weg geebnet. Zerbrechlich schien sie schon immer. Anders als Mary Cain war „Koko“ schon dünn, bevor sie in die USA ging und hatte genau deshalb jene Erfolge, auf die das US-Girl getrimmt werden sollte.
Klosterhalfens Entwicklung auf der Laufbahn jedenfalls verläuft absolut linear. Da gibt es keine außergewöhnliche Leistungsexplosion. Schon zu Jugendzeiten waren ihr bei einer Leistungsdiagnostik in Leipzig außergewöhnliche Talentparameter nachgewiesen worden. Den Sprung, den sie in diesem Jahr machte, führt sie auf die idealen Trainingsbedingungen zurück und weil sie taktisch enorm dazulernte. Konstanze Klosterhalfen sagt, sie habe den Schritt, in die USA zu gehen, nie bereut. Sie sei superdankbar, empfinde das Neue als sehr aufregend. Sie beteuert, nie bei dem inzwischen gesperrten Alberto Salazar trainiert zu haben, ihr Trainer sei – und das soll so bleiben – Pete Julian, eine rechte Hand von Salazar. Folgt daraus automatisch, dass die Trainingsmethoden die gleichen sind? Kritiker behaupten das.
Die Wahrheit kennt nur Klosterhalfen
Man glaubt ihr nicht, man stellt alles infrage. Erwartet wird von ihr, dass sie den USA den Rücken kehrt, all das hinter sich lässt, was sie „supercool“ empfindet. Soll sie vor dem Generalverdacht einknicken und den Spaß beenden? Oder soll sie ihrer inneren Stimme folgen und weitermachen, vielleicht behutsamer und noch vorsichtiger als bisher? „Koko“ meisterte die öffentliche Gratwanderung bisher souverän. Der Deutsche Leichtathletik-Verband beobachtete ihren Wechsel nach Portland zurückhaltend, Sportdirektor Idriss Gonschinska betont, sie sei eine mündige Athletin, und er respektierte die persönliche Entscheidung der Athletin, wo sie sich ihren Lebensmittelpunkt aussucht.
Konstanze Klosterhalfen weiß besser als alle anderen, was ihre Wahrheit ist.