Fussball
Legendäre Spiele: Der Wundermann aus Neuss
Was macht ein emeritierter Fußball-Lehrer wie Friedhelm Funkel eigentlich in einer Zeit, in der er über seine Passion nicht mal als Experte im Fernsehen plaudern kann, da ein Virus auf dem Globus fast jede Kugel stoppt? „Na ja, gestern beispielsweise habe ich vier Stunden die Garage entrümpelt, das war auch bitter nötig“, sagt Funkel und lacht. Ausnahmsweise ist es gar eine schöne Abwechslung, wenn ein Journalist anruft und über alte Zeiten plaudern will, über große Spiele und Sensationen. Es kann diesbezüglich kaum einen besseren Gesprächspartner geben als den heute 66-jährigen Funkel. Schließlich stehen gleich zwei legendäre Partien in seiner Vita.
Glaubte jemand daran, dass der 1. FC Kaiserslautern das große Real Madrid aus dem Uefa-Cup werfen könnte? Die Roten Teufel spielten in der Bundesliga-Saison 1981/82 zwar eine gute Rolle, die Endabrechnung wies sie als Rangvierten aus. Doch die Königlichen waren nun mal die Königlichen und auch Anfang der Achtzigerjahre erstklassig besetzt, unter anderem mit dem späteren spanischen Weltmeistertrainer Vicente del Bosque oder Uli Stielike. Die Lauterer Umsturzgelüste hatten mit dem 1:3 in Hinspiel zudem einen Nasenstüber erhalten.
Der flunkernde Profi
Friedhelm Funkel behielt die Partie in doppelt quälender Erinnerung, schon in der ersten Hälfte musste er nach einem Foul am Sprunggelenk lädiert vom Platz getragen und in ein Hospital gebracht werden. Die Bänder waren schwerst gedehnt, die Schmerzen enorm. Zum Glück hatten die Knochen gehalten. Doch würden die zwei Wochen bis zum zweiten Duell für eine Genesung reichen?
Nach zehn Tagen habe er keine Hoffnung mehr gehabt, erzählt Funkel. Am Morgen des 17. März, an dem das Rückspiel stattfand, sei er noch mal auf den Trainingsplatz gegangen. Ein letzter Test. Das Gelenk mit Spritzen schmerzfrei gestellt. Vermutlich habe er geflunkert, als Trainer Karl-Heinz Feldkamp ihn fragte, ob wirklich alles okay sei, gesteht Funkel. Immerhin habe der Arzt versichert, dass nichts Schwerwiegendes geschehen könne. Dieses Spiel wollte er nicht verpassen. „Es war dann ja auch nicht ganz unwichtig“, sagt Funkel.
Lärm wie von 100.000
In der Tat: Nach sieben Minuten erzielte er das 1:0 (mit freundlicher Unterstützung des Madrider Keepers Agustin, „ein schwerer Torwartfehler“), nach 14 Minuten das 2:0. „Alle, alle, alle Spieler unserer Mannschaft sind an diesem Tag über sich hinausgewachsen“, erinnert Funkel sich. Damals seien die Kabinen noch im Keller der Nordtribüne gewesen, „schon als wir die Stufen nach oben gegangen sind und die Kulisse gehört haben, waren wir so was von motiviert.“ 34.500 Zuschauer bevölkerten den Betzenberg, „wie 100.000“ lärmten sie.
Das königliche Real wurde vom Aufbegehren des Untertans überrascht wie eine Gruppe satt gefressener Aristokraten von hungrigen Rebellen – und verlor die Nerven. „Vielleicht haben sie uns das nicht zugetraut“, sagt Funkel. Referee Karoly Palotai scherte sich nicht um große Namen, drei Madrilenen verwies er des Feldes. Hannes Bongartz, Lutz Eilenfeldt und Reiner Geye erzielten die Treffer drei, vier und fünf. 5:0! Ein Spiel für die Ewigkeit.
Auf Knien an der Seitenlinie
Es kann kein Zufall sein, dass auch bei Funkels zweitem Husarenstreich der Trainer Feldkamp hieß. „Kalli war schon immer ein großer Motivator“, schwärmt Funkel, „damals gab es ja auch noch keine Coaching-Zone, du konntest im Grunde bis zur Eckfahne laufen.“ Was Feldkamp weidlich ausnutzte. „Wie er da draußen gearbeitet hat, diese Gesten – er lag ja manchmal auf den Knien ...“ Dieser große Trainer, heute 85, peitschte Bayer 05 Uerdingen am 19. März 1986 im Europapokal der Pokalsieger zu einem 7:3 gegen Dynamo Dresden. Das Wunder von der Grotenburg. Funkel sagt, der Betzenberg sei „mit nichts zu vergleichen“, diese Partie aber fände er „noch ein bisschen legendärer“ als den Real-Coup.
Das Hinspiel war 0:2 verloren gegangen, im Rückspiel lag Bayer bei Halbzeit 1:3 zurück. Feldkamp appellierte an die Moral seiner Elf. Erstmals wurde ein Europacupspiel aus Uerdingen live übertragen, allein schon deshalb müsse man sich bestmöglich präsentieren. Was nach Wiederanpfiff geschah, kann Funkel bis heute nicht erklären. „Damals hieß es ja noch nicht Pressing, aber wie wir gegen den Ball gearbeitet haben, das würde heute seinesgleichen suchen“, sagt er. „Wir haben in 28 Minuten sechs Tore gemacht, es war der Wahnsinn.“
Der Kilometerfresser
Eine Hauptrolle fiel Funkels Bruder Wolfgang zu. Er erzielte drei Treffer, zwei per Strafstoß. „Ich würde schon sagen, dass er das Spiel seiner Karriere gemacht hat“, urteilt Friedhelm Funkel, nicht allein der Tore wegen: „Ich hätte mir gewünscht, dass es damals schon eine Datenerfassung gegeben hätte. Er ist unfassbar viel gelaufen, bestimmt 13, 14 Kilometer. Er war Innenverteidiger, aber bei jedem Angriff mit vorne. Außergewöhnlich.“
Wolfgang Funkel, fünf Jahre jünger als sein Bruder, spielte später lange für den 1. FC Kaiserslautern – und erlebte auch dort ein zur Legende gewordenes Spiel. Eines mit für ihn weniger glücklichem Ausgang. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.
