Interview
Kimmich und die Corona-Impfung: Die Wucht der Empörung
Herr Bertling, vom Sturm im Wasserglas zum Medientsunami: Kam die Debatte über den Impfstatus von Joshua Kimmich überraschend?
Eigentlich nicht. In gewisser Weise hat er ja selbst dafür gesorgt, dass er beim Thema Corona Gehör findet. Er sagte öffentlich, dass persönliches Engagement wichtig ist und er gesellschaftliche Verantwortung übernehmen möchte. Gemeinsam mit Leon Goretzka rief er sehr früh die Stiftung „We kick Corona“ ins Leben und sammelte Millionen. Joshua Kimmich hat sich also klar positioniert.
Und dann kommt heraus, dass er Bedenken gegenüber einer Impfung hat. Die Entrüstung ist groß.
Ja, die Medien müssen die Story natürlich aufgreifen. Sie haben das – soweit ich das beurteilen kann – nicht skandalös getan, sondern ein allgemeines Informationsinteresse bedient und differenziert berichtet. In den Sozialen Netzwerken dagegen herrschte wie üblich Empörung, es gab einen Shitstorm. Aber das hat mit Journalismus nichts zu tun.
Kimmich steht als Nationalspieler und Profi von Bayern München im Rampenlicht. Sehr viele Menschen interessieren sich dafür, was er sagt und tut. Nun polarisiert er das Volk.
Warum ist das Thema so brisant?
Nun, das Problem ist die Widersprüchlichkeit. Einerseits fordert er Verantwortung zu übernehmen, und dann ist er selbst nicht geimpft. Das ist ein Konfliktthema, das zu einer kontroversen, emotionalen Debatte in der Gesellschaft führt, was auch richtig ist. Wir brauchen eine gute Diskurs- und Diskussionskultur.
Kimmich ist Fußballprofi und nicht Impf-Botschafter.
Wäre Kimmich ein Fußballer, der sich nie zu dem Thema geäußert hat, dann wäre es etwas anderes. Dann hätte er eine Vorbildfunktion für den Fußball, seinen Beruf, seine Leidenschaft. Und man sollte von ihm nicht erwarten, dass er sich zu politischen oder gesellschaftlichen Themen äußert. Aber er brachte sich selbst als „Botschafter“ ins Gespräch. Dann muss er die Debatte aushalten.
Die Emotionen kochen schnell hoch, weil das Thema alle bewegt ...
Wir reden da oft von „agenda surfing“. Das bedeutet, es gibt gewisse Themen in der Gesellschaft, und das sind derzeit eben Corona/Impfen, die von allen Medien aufgegriffen und runtergebrochen werden. Dieses Surfing – auf der Welle mitsurfen – ist auch völlig in Ordnung; die Relevanz ist gegeben. Diese Art der Berichterstattung hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Es sind mehr Medien geworden, sie arbeiten schneller und professioneller. Und damit ist es schwerer geworden, selbst ein Thema zu setzen, das die Gesellschaft durchdringen kann. Deshalb werden die Themen genutzt, die sowieso schon da sind – und eben rauf und runter gespielt. Es kommt jedoch immer darauf an: Wie weit gehe ich?
Ging es bei Kimmich zu weit?
Man sollte ihm nicht das Grundrecht absprechen, sich für oder gegen das Impfen zu entscheiden. Das ist seine private Sache. Er hat die gleichen Rechte wie jeder andere. Man kann ihm keinen Vorwurf machen, dass er sich nicht impfen lässt. Das Problem ist wie gesagt die Widersprüchlichkeit. Unabhängig davon: Es kann Menschen stark belasten, wenn plötzlich so ein öffentliches Tribunal entsteht.
Haben die Medien da nicht eine moralische Verantwortung?
Das ist schwierig, weil man einerseits den wirtschaftlichen Erfolg des eigenen Medienunternehmens im Blick hat und auf der anderen Seite die gesellschaftliche Verantwortung steht. Die Welle wird ja nur dann zum Tsunami, wenn viele draufspringen. Jede Berichterstattung einzeln betrachtet, ist kein Problem – die Summe macht’s dann halt.
Joshua Kimmich ist Medienprofi. Ihm wird bewusst gewesen sein, dass das nun ein paar Tage andauert und dann abebbt. Aber für Menschen, die das nicht gewohnt sind, sehe ich eine größere Verantwortung.
Zum Beispiel?
Nehmen Sie die Turnerinnen, die im Frühjahr mit Ganzkörperanzügen für große Aufmerksamkeit sorgten. Das war eine Woche lang Gesprächsthema, sie wurden komplett überrollt. Damit dann gut umzugehen, wenn man normalerweise nicht so im medialen Fokus steht, ist eine echte Herausforderung.
Sonst kommen die Probleme ...
Ja, weil wir eben auch Themen haben wie Sexualisierung im Sport, Depressionen. Wenn wir da plötzlich ein grelles Licht auf eine Sache oder eine Äußerung werfen, dann bekommen Menschen, die nicht geschult sind, eine verzerrte Wahrnehmung. Sie denken: Das hat jetzt jeder gelesen, jeder schätzt das genau so ein. Die Folge können psychische Probleme sein. Da sehe ich die viel größere moralische Verantwortung. Aber auch gegenüber Kimmich. Er ist ein junger Mensch, der sicher versucht, alles richtig zu machen. Im aktuellen Fall ist es missglückt.
Würden Sie ihm empfehlen, sich schnell impfen zu lassen?
Ich persönlich empfinde seine Argumentation als falsch. Aber er muss selbst entscheiden, was das Richtige für ihn ist. Ich hätte ihm nur im Vorfeld gern geraten, nicht diese Widersprüchlichkeit aufkommen zu lassen. Man muss sich als öffentliche Person vorher überlegen: Wie gehe ich mit dem Thema um, wie positioniere ich mich? Wenn zum Beispiel viele Menschen Geld für seine Stiftung gegeben haben, weil sie dachten, hinter seinen Worten steht sozusagen auch eine Impfkampagne, dann sind diese jetzt enttäuscht. Vielleicht hatte er das nicht ganz durchdacht und agierte daher ein stückweit hilflos.
Ist der gesellschaftliche Druck auf ihn nun besonders groß?
Dafür müsste ich ihn besser kennen. Charaktere sind unterschiedlich, man täuscht sich schnell. Manche sind sehr sensibel und verletzbar, andere schalten Schutzmechanismen ein und wieder anderen ist es völlig egal. Kimmich wird das mediale Echo zumindest bewegen. Und das kann seine sportliche Leistung beeinträchtigen.
Was wäre passiert, wenn ein Politiker so agiert hätte wie Kimmich?
Bei Politikern setzen wir andere Maßstäbe an. Weil sie aus ihrem inhaltlichen Kompetenzfeld heraus agieren. Es gehört zu ihren Aufgaben, die Situation für uns einzuschätzen. Wie auch für Virologen und Pharmakologen. Nicht aber für Fußballer.
Muss einer wie Joshua Kimmich überhaupt Vorbild sein? Beziehungsweise müssen das Profisportler?
Das sollte jeder selbst entscheiden. Ein Sportler kann auch nur ein sportliches Vorbild sein – und nicht auch noch eines für die Gesellschaft. Beides führt sonst möglicherweise zu einer Überbelastung. Wenn ich mich aber in die anderen Bereiche vorwage, dann muss ich auch eine gewisse Funktion erfüllen. Bei Kimmich kann man jetzt schon diskutieren, ob er nun nicht doch Vorbild sein muss.
Hat seine Vorbildfunktion gelitten?
Es kommt darauf an, wer das wie für sich reflektiert. Meine Meinung in der Corona-Pandemie orientiert sich nicht daran, wie ein Fußballer agiert. Sie haben für mich nicht die Autorität, das einschätzen zu können. Aber es gibt sicher Leute, die sagen: Er war für mich immer ein Vorbild – und bleibt es. Oder aber er ist es jetzt nicht mehr.
Ist er noch glaubwürdig?
Schwer zu beurteilen. Er ist ja authentisch geblieben, hat sich mit dem Interview mutig der Debatte gestellt, nichts verschwiegen. Andererseits hat vielleicht das Vertrauen in sein Reflexionsvermögen gelitten. Ich würde sagen: Menschlich hat er nicht zwingend an Vertrauen verloren, aber an inhaltlicher Kompetenz hat er sicher nicht gewonnen.
Der Sport an sich wird von vielen Menschen als moralische Instanz gesehen, sie orientieren sich daran. Deshalb ist die Fallhöhe von Stars und Persönlichkeiten sehr groß. Wir überladen Sport und Sportler jedoch auch mit unseren eigenen Ansprüchen.
Woher kommt die Überhöhung von Profisportlern im Allgemeinen und Nationalkickern im Besonderen?
Vielleicht ist es das alte Bild des Sports, dass er eine Welt außerhalb unserer normalen Welt ist. Eine Welt, die wir beobachten können; eine mit starkem Leistungsgedanken. Wir verfolgen, wie jemand etwas Außergewöhnliches schafft und sind gefühlt ganz nah dabei.
Es gibt das Phänomen der parasozialen Interaktion. Damit wird beschrieben, dass wir zu Menschen, die wir häufig in den Medien sehen, eine besondere soziale, intensive Bindung aufbauen – obwohl wir sie nicht kennen. Wir bilden uns ein, dass wir die Person einschätzen können, orientieren uns an ihren Werten. Wir bekommen ein klares, einfaches Bild von der Person vermittelt. Menschen im Alltag erscheinen uns dagegen deutlich komplexer.
Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Sport und Medien. Wer profitiert da eigentlich von wem?
Wir sprechen da von symbiotischen Verhältnissen. Das heißt, Sport, wie wir ihn heute wahrnehmen, würde ohne die Medien gar nicht existieren. Und die Medien brauchen den Sport, um sich selbst zu popularisieren. Es gibt den Begriff der Rammbock-Strategie; den hat Medienmogul Rupert Murdoch mal formuliert. Er hat einfach den Sport wie einen Rammbock genutzt, um die Tür einzuschlagen, damit die Leute Pay-TV kaufen – und dann zusätzlich andere Programme nutzen. Die Tour de France beispielsweise ist quasi von der Zeitung L’Equipe erfunden worden, andere Radklassiker auch. Sport und Medien sind voneinander abhängig.
Ist das eine gute Entwicklung?
Als Wissenschaftler bin ich da neutral. Sie birgt Gefahren, aber auch Chancen. Eine Gefahr besteht zum Beispiel darin, dass Amateur- und Profisport komplett auseinanderdriften. Viele Randsportarten haben gar keine Möglichkeit, sich zu positionieren. Andererseits: Die Dopingberichterstattung ist viel größer geworden, weil der Sport selbst größer geworden ist und mehr Menschen sich dafür interessieren.
Das eine ist wertvolle, populäre Unterhaltung, das andere ist wichtige Kritik, um die Unterhaltungsindustrie einzuordnen in ihrer gesellschaftlichen Relevanz.
Ist der Fall Kimmich für Sie als Wissenschaftler ein Glücksfall?
Er ist interessant, weil man Strukturen beobachten kann. Wie agieren Medien? Wie werden von Tag zu Tag andere Perspektiven abgebildet? Einerseits, um die Berichterstattung weiter zu verlängern, und andererseits, um gesellschaftliche Themen wie Impfen mit Sport zu verknüpfen. Interessant ist auch zu sehen: Wie agiert Bayern München in dem Fall?
Und wie geht’s nun weiter?
Wenn man mediale Muster kennt, würde ich vermuten, dass die Debatte nun abflacht. Routine kehrt ein. Es würde mich wundern, wenn wir in zwei Wochen noch groß über den Impfstatus von Kimmich sprechen. Selbst die Nachricht, dass er sich impfen lässt, wäre nur einen Tag lang eine Nachricht. Danach ist das Thema tot.
Der Experte
Christoph Bertling, 47, ist Oberstudienrat am Institut für Kommunikations- und Medienforschung der Deutschen Sporthochschule in Köln und leitet dort den Studiengang Sportjournalismus. Er hat zehn Jahre selbst journalistisch gearbeitet und berät nun Medienunternehmen, Verbände (DFL, DFB, DOSB), Bundesligavereine und Spitzensportler. Bertling promovierte über die Wechselbeziehungen zwischen Sport und Medien. Er stammt aus Dudenhofen, ging in Speyer zur Schule.

