Fussball-EM RHEINPFALZ Plus Artikel Kicken im Corona-Brennpunkt

Mal mit, mal ohne Maske: belgische und russische Fans beim ersten EM-Spiel in Sankt Petersburg.
Mal mit, mal ohne Maske: belgische und russische Fans beim ersten EM-Spiel in Sankt Petersburg.

Bis zu 34.000 Menschen dürfen sich zu den EM-Spielen im Petersburger Gasprom-Stadion versammeln. Angesichts rasant steigender Infektionszahlen und einer sehr niedrigen Impfrate befürchten Skeptiker Massenansteckungen.

Es erwischt auch Prominente. Andrei Mostowoi, Nationalspieler bei Zenit Sankt Petersburg, fällt wegen eines positiven Corona-Tests für die EM aus. Die begann für Russland am Samstag mit dem ernüchternden 0:3 gegen Belgien. Dabei sollten andere Zahlen die Nation noch mehr beunruhigen.

Am Montag meldeten die Behörden 14.723 Neuinfizierte, die höchste Covid-19-Rate seit Februar. Angesichts eines Anstiegs von fast 60 Prozent binnen einer Woche titelt das Nachrichtenportal znak.com bang: „Ist das die dritte Welle?“

Auf jeden Fall gehört Sankt Petersburg zu den aktuellen Brennpunkten der russischen Corona-Krankheit: 865 Neuansteckungen gestern, 48 Tote. Mehr gibt es mit 72 Toten nur in Moskau, das aber mehr als zweimal so viel Einwohner hat. Und das Petersburger Stadtportal Fontanka meldet, Notarztwagen stünden wieder drei bis vier Stunden in den Warteschlangen vor Corona-Kliniken.

Die EM geht vor Infektionsschutz

Der Stadtregierung aber ist die EM wichtiger. In der Gasprom-Arena, die 68.000 Menschen fasst, gewährt man in Absprache mit der Uefa 34.000 Zuschauern Einlass, gegen Belgien versammelten sich dort etwa 26.000 Fans – der Großteil ohne Masken. Insgesamt finden in Sankt Petersburg sieben EM-Spiele statt. Eigentlich hätten es nur vier sein sollen, aber als Dublin im März wegen der Pandemie absagte, bot sich Petersburg sofort als Alternative an …

Am Montag riefen die Behörden Schutzmaßnahmen aus, die allerdings nicht wirklich konsequent wirken. In den Petersburger Fanzonen – die größte auf dem Schlossplatz vor dem Winterpalast nimmt 5000 Menschen auf – darf kein Essen mehr verkauft werden, es gibt nur noch Getränke. Und alle Gaststätten werden geschlossen – von zwei Uhr nachts bis sechs Uhr morgens, dann dürfte die Masse der Fußballfans, die sich jetzt in den Bars drängen, sowieso schon schlafen. Freiluftveranstaltungen mit mehr als 75 Teilnehmern erklärte man für maskenpflichtig – auch die EM-Spiele selbst.

Aber das Fußballfest selbst in den Zeiten der Seuche soll wohl möglichst unbehelligt weitergehen. „Unsere Behörden tun das, was sie am besten können – den Kopf vor dem Virus in den Sand stecken“, schimpft die Petersburger Lektorin Margarita, die im Winter selbst mehrere Wochen mit Covid-19 im Bett lag.

Eine gewisse Impf-Unlust

Russland nimmt Covid-19 nicht wirklich ernst. Nachdem die russischen Behörden die zweite Corona-Welle im vergangenen Winter weitgehend ignorierten, missachtet ein Großteil der einfachen Bürger Maskenpflicht und soziale Distanz. Und die allrussische Unlust, sich impfen zu lassen, herrscht auch in Sankt Petersburg. Bis zum 9. Juni hielten von 5,4 Millionen Einwohnern nur 605.000 den Arm für eine Spritze hin.

In ihrem zweiten Vorrundenspiel empfängt die russische Nationalelf am Mittwoch Finnland, für die Russen geht es schon ums sportliche Überleben. Außerdem aber werden tausende Fans aus dem nördlichen Nachbarland erwartet, die Finnen gelten in Sankt Petersburg traditionell als besonders trinkfreudig. Maskenpflicht und Abstand stehen erneut in Frage.

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