Sport
In Herxheim wieder laufen lernen
Hendrik Pfeiffer (26) hat vor drei Wochen die Olympianorm für Tokio geschafft: 2:10:18 Stunden beim Marathon in Sevilla. Eine tolle Zeit. Der Journalistik-Student, der aufgrund seiner hartnäckigen Fersenverletzung die Teilnahme an den Spielen 2016 in Rio de Janeiro und der Heim-EM 2018 in Berlin verpasste, hat vor allem in Herxheim wieder das Laufen gelernt. Mithilfe des Teams im Rehamed Gesundheitspark in Herxheim, dessen Chef Johannes Eisinger (60) ist.
„Hendriks Geschichte motiviert mich. Sie zeigt mir, was möglich ist“, sagt der gleichaltrige Jonas Koller. Gegen Pfeiffer ist er 2011 zum ersten Mal gelaufen, heute sind sie Teamkollegen beim TV Wattenscheid. Und Freunde. Koller, geboren in Addis Abeba und mit einem halben Jahr als Waisenkind von einer deutschen Familie in Regensburg adoptiert, war bei der EM in Berlin auf Platz 28 eingelaufen. Die Spiele in Tokio, wenn sie denn überhaupt stattfinden, wird er verpassen. „Ich wollte das Olympiajahr als Profi angehen, den Traum hatte ich“, sagt er: „Hendrik wurde immer fitter, mich hat’s jetzt halt erwischt.“
„Zaubern können wir nicht“
Seine Regeneration nach einem Längsriss der Patellasehne dauert noch. „Zaubern können wir nicht, es braucht alles seine Zeit“, sagt Johannes Eisinger, der die kleine Gruppe seiner Reha-Patienten am Abend in die „Krone“ in Herxheim-Hayna eingeladen hat. Abwechslung vom harten Reha-Alltag, der in unserem Gespräch aufgeht. Wir reden über die verwirrende Situation mit dem Coronavirus, über Dopingkontrolleure, die auch in Herxheim vorbeikommen, über Instagram-Follower oder das neue Punktesystem für die Olympia-Qualifikation. Und über Gesundheit und Kranksein.
Koller ist seit sieben Wochen in Herxheim. Er erzählt wie ein Buch, ist gut drauf. Ein lustiger Typ, der „längst zu meiner Familie gehört“ (Eisinger). Auch Richard Ringer (31), der EM-Dritte über 5000 Meter in Amsterdam 2016, und Elena Burkard (28) , die EM-Sechste über 3000 Meter Hindernis in Berlin 2018, gehören irgendwie schon dazu, obwohl sie gerade mal eine Woche da sind. Erst mal sind sie nicht gerne in Herxheim, dann aber doch. Sehr gerne sogar. „Ich habe mittwochs angerufen und durfte montags kommen. Völlig ungeplant, das war der Hammer“, erzählt Burkard, die Pharmaziewissenschaften in Tübingen studiert. Bei Richard Ringer, dem derzeit besten deutschen Langstreckler, ging’s noch schneller: Anruf samstags, Ankunft montags. „Es ist sein Hobby, sich um uns zu kümmern, das ist keine Arbeit für ihn. Man denkt, man kennt sich schon über Jahre, dabei sind erst ein paar Tage. Johannes Eisinger war selbst Läufer, lief die 3000 Meter unter acht Minuten. Er weiß, was es bedeutet, Leistungssportler zu sein. Er versucht, uns positive Energie zu schenken. Hendrik Pfeiffer ist ein super Beispiel“, lobt Richard Ringer, der wie Elena Burkard Probleme mit der Plantarsehne hat. Sie rechts, er links.
Die Zeit drängt: Tokio naht – vielleicht
Alle drei schleppen ihre Verletzungen seit 2019 mit sich herum. Warum so lange? „Weil man als Athlet immer welche Schmerzen hat, wir sind Hochleistungssportler. Der Körper kann im Trainingsfluss vieles überspielen, mit Härte oder mit Adrenalin“, sagt Ringer. Nun aber musste er – wie Elena Burkard – seine letzte Chancen auf Tokio wahren. „Nicht Fisch, nicht Fleisch“ (Burkard) seien Behandlungen vorher gewesen, „ich hatte viel versucht, nichts hat geholfen. Kein Orthopäde hatte Rat“. (Ringer)
In Landau wurde den Athleten geholfen, vom Sportorthopäden Dr. Alexander Schopp, der Eisingers Reha-Patienten betreut. „Der hat rausgefunden, Junge, du brauchst vielleicht mal Einlagen und zwar die richtigen“, erzählt Richard Ringer. Tägliche Fortschritte machen er und die anderen, zu denen auch Deutschlands bester 800-m-Läufer Marc Reuther oder Ringers Freundin Nada Ina Pauer gehören.
Es ist das Komplettpaket, was die Reha in Herxheim so wertvoll für die Athleten macht. Mindestens drei Anwendungen an einem Zwölf-Stunden-Tag. Intensive Betreuung. Ausdauertraining in der Höhe von 2500 Metern in einer Höhenkammer. Das Training im AlterG, einem Anti-Schwerkraft-Laufband mit einer von der Nasa entwickelten Technologie, von den maximal fünf in Deutschland stehen. Es ermöglicht ein Training mit verminderter Schwerkraft: Während der Zeit auf dem Laufband wird mit geringerem Körpergewicht trainiert.
Corona-Krise beschäftigt alle
Das Coronavirus macht derzeit natürlich allen zu schaffen. Verwirrt seien sie, sagen sie. Elena Burkard musste Trainingslager in Cervia und Monte Gordo absagen – und Richard Ringer ist Realist. „Das Wichtigste ist, dass die Menschen das Virus in den Griff bekommen, die Sportler sollten ihre Interessen klein halten“, meint er. Er will laufen, schon, das ist sein Job, er will Grenzen testen, „aber jetzt will ich erst mal wieder gesund werden“. Auch die sehr disziplinierte Elena Burkard spricht davon, dass Bestzeiten immer das Ziel eines jeden Läufers seien. Und: „Von Olympia träumt jedes Kind.“ Nur: Die Spiele stehen auf der Kippe. Aber das wird nicht auf dem „riesigen Athleten-Spielplatz“ (Burkard) in Herxheim entschieden. Dort lernt man „nur“ wieder laufen.