American Football
Im Zwiespalt
Das glitzernde Ufo ist gelandet. Schon beim Blick aus dem Flugzeug ist das Sofi Stadium vor allem eines: beeindruckend. Und so ziemlich jeder, der nach Los Angeles reist, bekommt diesen Anblick geboten. Denn so gut wie jedes Flugzeug, das den Airport ansteuert, überfliegt die Arena – gerade so, als wolle die Stadt den Ankommenden zurufen: Seht her, unser neuer Stolz, unser neuer Tempel! Und doch wirkt das Stadion in seiner Umgebung auch wie ein Fremdkörper. Einfach hingepflanzt.
Dort, wo früher eine Pferderennbahn war, ist die genutzte Fläche des Gesamtkomplexes nun doppelt so groß wie der Vatikan. Einen Steinwurf entfernt steht am Straßenrand der Manchester Avenue eine Karawane von heruntergekommenen Wohnwagen. Manche Reifen sind platt, Plastikplanen verdecken notdürftig undichte Stellen. Das Hab und Gut der Menschen, die hier leben, türmt sich auf der Straße, durch die Luft wabert immer wieder ein Geruch, der nicht auf die beste Hygiene schließen lässt. Dieses Elend ist aus dem Flugzeug freilich nicht zu erkennen.
In jeder Hinsicht erstklassig
Von dort fällt der Blick ausschließlich auf das Stadion, und das ist in jeder Hinsicht erstklassig. 2016 begannen die Arbeiten, 2020 war es fertig. Die ovale Infinity-Videoleinwand ist die größte, die jemals in einer Sportstätte installiert wurde – 80 Millionen Pixel auf etwa 110 Metern, sie ist damit länger als das Spielfeld an sich. Im umliegenden Hollywood Park entstehen 2500 neue Wohnungen, 6500 Quadratmeter neue Büroflächen, dazu Geschäfte und Hotels.
Das Projekt ist komplett privat finanziert, Unternehmer Stan Kroenke hat etwa 5,6 Milliarden Dollar dafür ausgegeben, es ist das teuerste Stadion der Welt. Der Eigentümer der Los Angeles Rams wollte seiner Mannschaft ein neues Domizil schenken. Wenn sie nun im Super Bowl LVI auf die Cincinnati Bengals (Kickoff am Montag, 0.30 Uhr, live auf Pro7 und DAZN) trifft, wird die Zuschauerkapazität von 70.000 auf etwa 100.000 erhöht. In etwa so viele Menschen, wie in Inglewood leben.
Rückkehr nach 29 Jahren
„Willkommen daheim“, beginnt die Los Angeles Times ihre Begrüßungsrede für den Super Bowl, „schön, dass du wieder hier bist.“ Endlich. Nach 29 Jahren ist das große Endspiel der NFL erstmals wieder in der Region von Los Angeles zu Gast. Auch, weil 1995 mit den Raiders und den Rams beide Football-Mannschaften die Stadt verließen und Los Angeles ohne Team dastand, kamen andere Orte zum Zuge.
Doch die übrigen Städte, in denen das größte Einzelsportereignis der Welt in der Zwischenzeit ausgetragen wurde, sind für die „Times“ dieser Aufgabe nicht würdig gewesen. Schließlich hat niemand geringeres als Michael Jackson in Los Angeles die berühmte Halbzeitshow gestaltet, 1993 war das, beim vorerst letzten Mal. „Wir verdienen dich, wir erkennen dich an“, schreibt das Blatt und geht auch mit den gegnerischen Bengals hart ins Gericht. Lästige Underdogs seien das, mit einem kindlichen Quarterback namens Joe Burrow, umgeben von anonymen, unbekannten, gestreiften Helmen. Nicht auszumalen, wenn der Außenseiter dem haushohen Favoriten beim Endspiel im eigenen Stadion in die Suppe spuckt. 10.000 Dollar kostet ein Ticket für das Stadion – im Durchschnitt, wohlgemerkt.
Nahezu pleite
Ein mobiler Kran hebt im Zentrum von Inglewood ein Bühnengerüst durch die Gegend. Hier soll eine kleine Fanmeile für den Super Bowl entstehen. Inglewood, 1880 gegründet und inzwischen 108.000 Einwohner stark, gehört zum Großraum von Los Angeles. Es ist gar nicht allzu lange her, da war es noch eine Stadt, in der das Verbrechen herrschte – mit Armut, Drogen- und Bandenkriminalität. Es gab Ecken, die sollte man besser meiden. Die Stadt war nahezu pleite.
Doch das soll Vergangenheit sein – und bleiben. Die Kriminalitätsrate ist deutlich gesunken. „In Inglewood hat sich alles geändert“, sagt Bürgermeister James T. Butts Jr.. „Es ist ein neues Inglewood, aber mit denselben Menschen.“ Die Nachbarschaft wird dominiert von Schwarzen, Latinos und Hispanics. Durchaus bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Inglewood bis 1937 die Hochburg des südkalifornischen Ku-Klux-Klans war.
Die Richtung stimmt offenbar
An der Flaniermeile im Zentrum liegen hippe Cafés genauso wie alte Imbissbuden und leerstehende Geschäftsräume. Ein Pfandhaus hier, Klamottenläden da, dort ein verlassenes Fotogeschäft. Die Innenstadt scheint noch auf der Suche nach ihrer Identität zu sein. Dennoch stimmt die Richtung offenbar. Das Theater in der Stadtmitte hat den Namen „Miracle“, doch von „Wunder“ will der Bürgermeister nichts wissen. „Es ist ein genauer Plan“, sagt er.
Ein Plan, zu dem der Sport seinen Teil beiträgt, weil er alle Teile der Gesellschaft anspricht. Die Rams kamen, schnell gefolgt von den Chargers. Zwei Footballteams in einem nagelneuen Stadion. Und bald folgen die LA Clippers. Auch die Basketballer wollen Downtown verlassen und hier draußen ihr Domizil errichten. 2024 soll die neue Arena bezugsfertig sein.
Schlicht riesig
Stadtbummel durch Hollywood. Walk of Fame. Traumfabrik. Wunderland. Am Abend wird eine TV-Sendung aufgezeichnet. Aufnahmestudios von Musikproduzenten. Grelle Lichter. Am Hollywood Boulevard tummeln sich die Touristen. Bald werden im Dolby Theatre wieder die Oscars verliehen, der rote Teppich ausgerollt.
Der Super Bowl ist hier weit weg, nicht wirklich von Interesse, ein paar Sportbars weisen darauf hin, dass sie das Spiel übertragen. Los Angeles mit seinen insgesamt fast vier Millionen Einwohnern ist unheimlich weitläufig, schlicht riesig. „Vielleicht ist es der einzige Platz in den USA, der nicht zu groß für den Super Bowl ist“, schreibt die „Times“. Was für ein Selbstverständnis für die Stadt der Engel.
Hochglanz und pure Armut
Winterliche Wärme um 28 Grad Celsius. Palmengesäumte Alleen, blauer Himmel. Kalifornische Leichtigkeit. Unterbrochen jedoch von der nächsten Obdachlosensiedlung. Die Menschen leben in Zeltstädten, unter Brücken und an Autobahnauffahrten, in Hollywood oder unweit des Rathauses, mitten in Downtown. Zwischen all den Wolkenkratzern. Reden mit sich selbst, manche nehmen auf offener Straße ihre Drogen. Hochglanzfassade und pure Armut liegen oft nah beieinander.
„Für Inglewood bringt der Super Bowl einen hoffnungsvollen Glanz nach Jahren der Stagnation und Sorge“, schreibt die Los Angeles Times – weil lokale Händler vom Ansturm der Menschen profitieren und gute Geschäfte machen. Ein Besuch des Super Bowls gilt für viele Amis als Lebensziel. Once in a lifetime – ob arm oder reich.
Immobilienpreise steigen
Währenddessen formuliert es die New York Times andersherum: „In Inglewood sind Optimismus und Angst die Nachbarn des Super-Bowl-Stadions.“ Fakt ist: In der Umgebung des Sofi Stadiums sind die Immobilienpreise in kürzester Zeit in die Höhe geschossen. Ein Segen für Vermieter, Investoren und Eigentümer. Aktuellen Bevölkerungszahlen zufolge wohnen allerdings zwei Drittel der Einwohner Inglewoods zur Miete.
Im Januar 2016 kostete ein Ein-Zimmer-Apartment durchschnittlich 1100 Dollar monatlich. Heute liegt die Miete bei 1750 Dollar. Bei den Kaufpreisen lag Inglewood 2016 von 159 Gemeinden in Los Angeles County an 124. Stelle. Dann begannen die Preise zu explodieren, von durchschnittlich gut 400.000 Dollar auf knapp 740.000 Dollar. Inzwischen nimmt Inglewood Rang 94 ein. Den stärksten Anstieg gab es von 2020 auf 2021, just als das Stadion eröffnet wurde – 13 Prozent in einem Jahr. Manche Aktivisten befürchten, dass das Stadion zur Gentrifizierung beiträgt. Dass die Einheimischen von reicheren Bevölkerungsschichten abgelöst werden.
Warnung vor Klapperschlangen
Von Hollywood geht es weiter in die Hills, zum berühmten Griffith Observatory. Eine vornehme Wohngegend, schmucke Eigentumswohnungen, kleine und große Villen. Hier scheinen die Menschen andere Sorgen als Mietpreise zu haben – auf dem Weg in die Wildnis warnen Schilder vor Berglöwen und Klapperschlangen.
Die Hälfte aller 56 Super Bowls wurde in gerade mal drei Orten ausgetragen. Miami führt mit elf Spielen, gefolgt von New Orleans mit zehn. In Los Angeles ist das Spektakel nun zum achten Mal zu Gast. Nach dem allerersten Super Bowl 1967 im ehrwürdigen Coliseum, das 2028 als Olympiastadion der Sommerspiele dienen wird, richtete Los Angeles bis 1993 sechs weitere NFL-Endspiele aus, allesamt in der legendären Arena von Rose Bowl in Pasadena.
Lärm, Staus und Chaos
Erst mit der Rückkehr der Rams und dem Umzug der Chargers von San Diego wurde Los Angeles für die NFL wieder attraktiv. Nun hoffen die großen Wirtschaftsführer, dass Inglewood durch das Sofi Stadium zum Zentrum für Sport und Unterhaltung wird. Unter anderem die Red Hot Chili Peppers haben sich für ein Konzert angekündigt. Doch genauso gibt es nicht wenige Stimmen, gerade von den „Kleinen“, die hier leben, die sagen: Für Inglewood wird der Super-Bowl-Sunday gar nicht mal so super, wenn 100.000 Menschen für wenige Stunden in die Stadt einfallen, während Parkplätze Mangelware sind.
Lärm, Staus, Chaos sind an Football-Wochenenden ein häufiges Problem. Einen Tag vor dem Super Bowl liegt noch immer der Müll auf den Straßen Inglewoods, den die Anhänger der San Francisco 49ers bei ihrer Niederlage im Halbfinale vor zwei Wochen zurückgelassen haben. Das Sofi Stadium bringt den Menschen einiges, aber wer möchte denn unter diesen Umständen direkt daneben wohnen?
Glücklicher Bürgermeister
Ein weiterer Vorwurf von Teilen der Community: In anderen Bezirken von Los Angeles, in Beverly Hills etwa, in Redondo Beach oder Santa Monica würden keine gigantischen Arenen gebaut, dort würde die Lebensqualität mehr zählen als in Inglewood. Doch der Bürgermeister winkt ab und sagt: „Ich könnte nicht glücklicher sein.“ Darüber, das Super-Bowl-Komitee empfangen zu dürfen.
Jüngst hat die Stadt eine riesige Anzeige in der Los Angeles Times geschaltet: „Die Wiedergeburt von Inglewood.“ Dazu ein Foto des Stadions. Umgekehrt betont die NFL, in ständigem Austausch mit den Spitze der Austragungsorte des Super Bowls zu sein. Und so lautet die erste Frage eines Reporters an NFL-Chef Roger Goodell, als der vor dem großen Spiel seine traditionelle Rede zur Lage der Liga hält: „Wann wird der Super Bowl das nächste Mal in Los Angeles sein?“ Goodell gibt natürlich keine konkrete Antwort. Aber 29 Jahre dürfte es nicht erneut dauern.