Bergsteigen RHEINPFALZ Plus Artikel Im Schatten der Männer

Mit 24 Brathühnern Die französische Adlige Henriette D’Angeville war die zweite Frau, die den höchsten Berg der Alpen, den Montb
Mit 24 Brathühnern Die französische Adlige Henriette D’Angeville war die zweite Frau, die den höchsten Berg der Alpen, den Montblanc, erklomm. Das war 1838. Ihre Unternehmung hatte sie akribisch vorbereitet, sich Bergführer angeheuert und für reichlich Proviant gesorgt. Dazu gehörten unter anderem 24 Brathühner, 18 Flaschen Wein, eine Flasche Cognac und eineinhalb Kilo Schokolade. Selbst Gurkensalbe, Kölnischwasser und ein Zigarrenanzünder durften nicht fehlen.

In der Geschichte des Bergsports fristen Frauen ein Nischendasein. Dabei gab es viele Bergpionierinnen. Sie hinterließen nur weniger Spuren - weil sie sich selbst nicht so sehr in den Mittelpunkt rückten.

Manchmal treibt die Liebe zu den Bergen seltsame Blüten. So klagte die Genfer Zeitung „Féderal“ im Jahr 1838: „Unser stolzer Montblanc muss sich gedemütigt fühlen wie noch nie. Am 4. September, um 1 Uhr 25, sah er seinen Gipfel von einem Frauenfuß betreten.“ Dieser Fuß, der in einem wasserfesten Schuh samt Steigeisen steckte, gehörte der französischen Adligen Henriette D’Angeville. Sie war die zweite Frau, die den höchsten Berg der Alpen erklomm. Ihre Unternehmung hatte sie akribisch vorbereitet, sich eine spezielle Ausrüstung zugelegt, Bergführer angeheuert und für reichlich Proviant gesorgt. Dazu gehörten unter anderem 24 Brathühner, 18 Flaschen Wein, eine Flasche Cognac und eineinhalb Kilo Schokolade. Selbst Gurkensalbe, Kölnischwasser und ein Zigarrenanzünder durften nicht fehlen. Dass solche Details überliefert sind, liegt daran, dass die gebildete Aristokratin ihre Tour unter anderem in ihrem Tagebuch beschrieb, wie Ingrid Runggaldier in ihrem Buch „Frauen im Aufstieg“ berichtet. Dagegen weiß man über Marie Paradis, die 1808 als erste Frau auf den Montblanc gestiegen war, nur wenig, da sie keine Dokumente hinterieß. Nicht mal, ob sie damals Magd oder Kellnerin, 18 oder 28 Jahre alt war, ist laut Runggaldier den Quellen klar zu entnehmen.

In der Geschichte des Bergsports fristen Frauen ein Nischendasein. Erstbesteigungen waren in der Regel Männersache, und die Liste prominenter Bergsteiger ist auch heute noch gespickt mit Männernamen wie Reinhold Messner, Hans Kammerlander oder den Brüdern Alexander und Thomas Huber. Die Publizistin Runggaldier ist davon überzeugt, dass Frauen im Alpinismus eine größere Rolle gespielt haben als angenommen. Ein entscheidender Punkt ist dabei, dass Frauen wenig Spuren hinterließen: Manche der Bergpionierinnen haben zwar Tagebuch geführt oder Memoiren verfasst. „Diese waren aber meist nicht für die Veröffentlichung gedacht“, berichtet die Autorin bei einem Expertinnengespräch des Deutschen Alpenvereins (DAV) in München. „Frauen haben selten über ihre Leistungen geschrieben und nur wenig publiziert. Sie haben die eigene Person nicht so in den Mittelpunkt gerückt.“ Außergewöhnliche Touren wie die von Marie Karner, die im Jahr 1838 als 16-Jährige den Ortler-Gipfel knapp verfehlte, sind in Vergessenheit geraten: Sie hat nämlich keine Zeile darüber hinterlassen.

Zufußgehen: nicht standesgemäß

Die Emanzipation von Frauen in der Gesellschaft spiegelt sich in der Geschichte des Alpinismus wider. Im Zeitraffer mutet sie wie eine atemberaubende Revolution an: Zu Beginn des Alpentourismus im 18. Jahrhundert ließen sich erste adelige Touristinnen auf Sänften oder in Tragsesseln in die Bergwelt tragen. Schließlich galt Zufußgehen damals als nicht standesgemäß. So genoss etwa die Schriftstellerin Sophie von La Roche 1784 von einem Sessel, der abwechselnd von sechs Trägern über Stock und Stein geschleppt wurde, den Blick auf den gewaltigen Montblanc. Knapp 90 Jahre später, 1871, bestieg die Engländerin Lucy Walker, gewandet in einen weißen Flanellrock, als erste Frau das Matterhorn. Und etwa ein Jahrhundert danach, im Jahr 1975, stand mit der Japanerin Junko Tabei die erste Bergsteigerin auf dem Mount Everest.

Diese enorme Entwicklung hin zu weitgehender Emanzipation zeigt sich auch in der Geschichte des Deutschen Alpenvereins. Ein Teil der Ausstellung „Die Berge und wir“, die derzeit im Alpinen Museum in München gezeigt wird, widmet sich den Frauen. Auf den ersten Blick war der Verein von Anfang an fortschrittlich: Anders als bei vielen anderen Organisation waren dort schon bei der Gründung im Jahr 1869 Frauen zugelassen. Nicht aber in allen Sektionen. Vor allem in Norddeutschland wollten die Männer unter sich bleiben. So nahm die Sektion Berlin bis 1929 keine Frauen auf. In Süddeutschland und Österreich war man in dieser Hinsicht aufgeschlossener, doch gab es auch hier Abteilungen, die lange Zeit rein männlich waren: vor allem solche, die aus elitären Bergsteigerzirkeln heraus entstanden. Die Elite-Sektion „Alpenklub Berggeist“ öffnete sich erst 1996 für Frauen. Auch heute noch haben mehrheitlich Männer das Sagen im Alpenverein. Zwar beträgt der Frauenanteil bei den Mitgliedern knapp 43 Prozent, aber nur zehn Prozent der Sektionsvorsitzenden sind weiblich.

Für Frauen galt: Suppen kochen, Blessuren versorgen

„Frauen sind trotzdem schon immer in die Berge gegangen“, sagt Friederike Kaiser, Geschäftsbereichsleiterin Kultur beim DAV. Das belegen unter anderem Grundrisse der Berghütten von damals: So gab es in der Berliner Hütte (Zillertaler Alpen) 1879 einen abgetrennten Damen-Schlafsaal, der immerhin ein Drittel der Schlafstätten ausmachte. „Bei anderen Hütten gab es ähnliche Aufteilungen“, berichtet Kaiser.

Damals wurden Frauen in den Bergen vor allem dann akzeptiert, wenn sie in den Schutzhütten traditionelle weibliche Aufgaben wahrnahmen: für ihre Seilgefährten Suppen kochen, die Schlaflager vorbereiten oder die Kletterblessuren der Männer versorgen. „Die Grenzen ihrer Rolle als Zierde einer Bergsteigerpartie, als Maskottchen oder hübsches Anhängsel sollten Frauen nicht überschreiten“, schreibt Runggaldier. Auf Klettertouren wurden sie allenfalls „mitgenommen“ und stellten zumeist den nachsteigenden Part der Seilschaft dar. Wenn es zum Gipfelfoto kam, zogen es einige Männer vor, „sich ohne Seilgefährtinnen abbilden zu lassen, weil ihre bergsteigerische Leistung durch die Anwesenheit einer Frau geschmälert erscheinen konnte“. In diesem Sinne wurden sanftere Gipfel leicht abfällig „Damenberg“ und weniger anspruchsvolle Strecken „Damentour“ genannt.

Von Natur aus ungeeignet fürs Gipfelstürmen

Eine Rolle spielte dabei, dass man Frauen von Natur aus für ungeeignet fürs Gipfelstürmen hielt. Im späten 19. Jahrhundert herrschte bei vielen Zeitgenossen die Meinung vor, dass Bergsteigen für Damen ungesund sei. In diesem Sinne warnten Ärzte vor ermüdenden, ungesunden Ausflügen in den Bergen. Insbesondere befürchtete man eine „Vermännlichung“ des zarten weiblichen Körpers durch eine unästhetische Muskulatur und nahm an, dass die Sonneneinstrahlung dem Teint schaden könnte. Zudem würden Frauen ihrer eigentlichen Bestimmung, Gebärende und Mutter zu sein, entfremdet werden. Bis weit ins 20. Jahrhundert mussten sich Frauen dafür rechtfertigen, in die Berge zu klettern: „Daher war die größte Leistung für die damaligen Bergsteigerinnen oft gar nicht die Besteigung eines Berggipfels, sondern die Tatsache, es überhaupt gewagt zu haben, aus den engen Grenzen ihres häuslichen Bereichs auszubrechen“, heißt es im Buch „Frauen im Aufstieg“.

Meistens waren es im 19. Jahrhundert Frauen aus wohlhabenden Schichten, die sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzen und dem Bergsteigen widmen konnten. Eine davon war die Österreicherin Hermine Groß, die aus einer vermögenden Familie stammte. „Sie konnte sich die Berge leisten“, sagt die Kunsthistorikerin Stephanie Kleidt vom DAV. Schon mit etwa 18 Jahren kam Groß, angeregt von ihrem Onkel, zum Bergsteigen, lernte von ihm und brach zu zahlreichen Gipfeln auf. Jahr für Jahr unternahm die „Geogräfin“, wie sie gern genannt wurde, spektakuläre Touren. 1878 bestieg sie als erste Frau das Große Wiesbachhorn in der Glocknergruppe. Ihre Karriere als Bergsteigerin endete jedoch schon ein Jahr später, als sie heiratete und nach Prag übersiedelte. „Danach kamen keine großen Touren mehr“, berichtet Kleidt. Allerdings hielt Groß ihre Erlebnisse nachträglich in elf Reisetagebüchern fest. In einem dieser mit kleiner Schrift gefüllten Büchlein beschreibt Groß die Besteigung des Wiesbachhorns mit ihrem zwölfköpfigen Trupp, in dem sie – wie immer – die einzige Frau war. Aus ihrem Bericht geht hervor, dass ihre Begleiter ihre Leistung durchaus zu würdigen wussten: Als sie den Gipfel erreicht hatte, kam ein freudiges „Hurra“ vom Bergführer, und im nächsten Dorf wurde Hermine Groß gleich mit einem Feuerwerk gefeiert.

Lange, unbequeme Röcke beim Aufstieg

Hinderlich beim Aufstieg waren den Frauen von einst aber nicht nur gesellschaftliche Zwänge, sondern auch schlichtweg ihre Kleidung. Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein machten sie sich meist in langen, sperrigen Röcken auf den Weg. Das war nicht nur unbequem, sondern auch gefährlich, da sich die Kleider am Fels verfangen oder im Schnee nass und schwer werden konnten: Nicht selten kam es deswegen zu Unfällen oder riskanten Situationen. Die Montblanc-Bezwingerin D'Angeville war ihrer Zeit weit voraus, da sie sich schon um 1830 herum spezielle Pluderhosen aus „schottischem Wollstoff“ nähen ließ, die sie unter ihrem Mantel trug. Auch später gab es Alpinistinnen, die Hosen unter einem Überrock trugen, den sie bei Bedarf verschwinden lassen konnten. Praktische Kniebundhosen für sportelnde Frauen setzen sich aber erst ab 1890 durch.

Für Eleonore Noll-Hasenclever (1880-1925), die sich als erste Bergsteigerin international einen Namen machte, waren Knickerbocker im Gelände bereits eine Selbstverständlichkeit. Dennoch gibt es von der jungen Deutschen, die über 50 Viertausender bestieg, höchst unterschiedliche Fotos: einmal posiert sie als Dame in feinem Kleid samt Federhut, einmal wirkt sie, mit Filzhut, Wanderhose und Bergstiefeln wie Heidis „Ziegenpeter“. Offenbar wollte sie sich in keine Schublade stecken lassen. Dazu passt, dass sie, anders als die meisten ihrer Kolleginnen, auch dann noch allein Unternehmungen machte, als sie längst verheiratet war. Über ihre spektakulären Touren in den Walliser Alpen hielt sie zahlreiche Vorträge und veröffentlichte Berichte, Jahre nach ihrem Tod erschienen ihre Erinnerungen mit dem vielsagenden Titel „Den Bergen verfallen“.

Tod in einer Lawine

In der Tat war ihr die Liebe zu den Bergen zum Verhängnis geworden: Am 18. August 1925 starb sie am Zermatter Weißhorn in einer Lawine. Immerhin hatte sie den Tod in den Bergen Jahre zuvor einmal als den schönsten, den sie sich vorstellen könne, bezeichnet. In seiner Abschiedsrede lobte ein Funktionär des Alpenvereins ihren Mut und ihre Mütterlichkeit. Unter anderem hieß es darin: „Frau Noll war nicht nur Bergsteigerin allein, die darob etwa andere Pflichten vernachlässigt hätte. Sie war in erster Linie Gattin und Mutter, voller Liebe und Pflichten für ihren Gatten und ihr Töchterlein. Kurz, wir sehen in ihr eine Idealgestalt von Frau und Bergsteigerin zugleich.“ Danach wurde der mit Edelweiß bedeckte Sarg zum Friedhof getragen und im Grab versenkt. Es ist eines der wenigen Frauengräber auf dem Zermatter Bergsteigerfriedhof.

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