Sport-Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Ich geh’ dann mal laufen

Klaus D. Kullmann
Klaus D. Kullmann

Viele sagen, dass Sportredakteure zurzeit weniger zu tun hätten, weil kein Ball rollt und kein Speer fliegt. Stimmt so nicht ganz. Also gehen sie laufen. Wie ganz viele Menschen in dieser Zeit des Stillstands. Und das ist gut so, denn Laufen ist gesund.

Vergangene Woche, Dienstag. Hinter dem leuchtend gelben Rapsfeld federn Oberkörper im Laufschritt auf und ab, sie werfen lange Schatten. Die Sonne versinkt vor meinen Schritten als großer roter Ball hinterm Donnersberg. Der Vollmond steigt in meinem Rücken als großer weißer Ball über der nahen Skyline der BASF auf. Der Himmel zeigt nur einen einzigen Kratzer.Die Menschen gehen laufen. Mehr denn je. Und das ist gut so. Bevor ihnen die Decke auf den Kopf fällt, machen sie diesen lieber frei. Einatmen, ausatmen. Meditation, Disziplin, Bewegung. Sie sehen die erzwungene Entschleunigung als Chance.

Wir alle bilden gerade eine anonyme Gemeinschaft, wenn wir laufen gehen. Welch’ doppelte Bewegungsbeschreibung! Manche laufen, manche gehen. Gehen ist die natürlichste Bewegungsart des Menschen. Nichts geht einfacher als gehen. Oder? Manche gehen zwischen dem Laufen. Oft im Slalom, immer auf Abstand. Pusten zur Seite aus, grüßen verschämt und grinsen sich doch an. Der gelangweilte Schüler mit seinem Homeoffice-Papa, das rüstige Rentnerpaar. Mal japsend, mal keuchend. Laufen und gehen ist gesund, aber ungewohnt. Deshalb lieber mal langsam machen als überziehen. Einatmen, ausatmen. Wer dabei noch reden kann, macht alles richtig.

Laufen als Moment des Glücks

Ich empfinde das Laufen als Moment des Glücks. Darf ich das? Glück empfinden? Jetzt? In dieser so unwirklichen Wirklichkeit? Jetzt, da Menschen um ihr Leben kämpfen und um ihre Arbeitsplätze fürchten. Jetzt, da viele vielen helfen und sich dabei überfordern. In einem Deutschland, in dem es uns, so darf man annehmen, besser geht als sonst wo. Besser als in Norditalien, New York, Indien oder Afrika.

Kopfkino. Ich bin Sportredakteur. Einige sagen, ich hätte ja jetzt nichts mehr zu tun. Außer laufen gehen. Und in mich gehen. Stimmt irgendwie. Vieles steht still, der Sport auf alle Fälle. Kein Ball rollt, kein Speer fliegt. Na und? Irgendwie muss ich mich neu erfinden. Wie alle Sportredakteure. Oder Kulturredakteure. Es ist eine reizvolle Herausforderung. Ich meine, wir machen das sehr gut. Die Leser loben uns dafür. Danke!

Olympiaflug nach Tokio storniert

Mein Olympiaflug nach Tokio – storniert. Das Hotelzimmer zur Hälfte bezahlt – keine Ahnung, wie’s weitergeht. Ob Thomas Bach zu lange mit der Verschiebung gezögert hat, ist nicht entscheidend. Der Mann ist Unternehmer, muss allen Seiten gerecht werden. Was er aber gar nicht kann, weil das Virus auch ihn fremdbestimmt. Er weiß das. Er hat es nie unterschätzt. Die Probleme gehen erst richtig los, die Fragen sind offen. Jetzt ist Bach als Manager wieder gefragt. Alle warten auf seinen nächsten „Fehler“. Bach geht es wie Hopp in Deutschland. Beide stehen irgendwie im Fadenkreuz. Das ist dumm.

Die Bundesligakicker trainieren wieder. Mit Abstand zueinander. In kleinen Gruppen. Üben den körperlosen Zweikampf fürs nächste Spiel, wenn es denn kommt. Ihr Bemühen – Ist das ein Zeichen der Hoffnung an alle, dass es irgendwann wieder weitergeht? Einer muss ja anfangen, den Stillstand wiederzubeleben. Oder ist es eine Provokation, gar Überheblichkeit all denen gegenüber, denen die Osterausflüge vermiest werden?

Ach, wer weiß das schon. Es gibt Für und Wider. Wie immer im Leben. Bei der Gelegenheit: Was macht das Virus? Also demnächst, meine ich.

Endlich wieder mit der ganzen Korona losziehen

Ich geh’ laufen. Lieber laufen gehen als sich gehen lassen. Machen Sie es auch so. Gehen Sie raus, wenn Sie irgendwie können. Individualsport ist erlaubt, der Körper wird es Ihnen danken. Zuletzt stand zu lesen, das Virus mache dick. Lassen Sie das nicht zu.

Ich träume. Ich träume davon, bald wieder mit der ganzen Korona loszuziehen. Ungezwungen.

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