Sport Glücksbringer

Die berühmte und begehrte Schäferhundschnauze in der Moskauer U-Bahn-Station Plotschtschad Rewoljuzii.
Die berühmte und begehrte Schäferhundschnauze in der Moskauer U-Bahn-Station Plotschtschad Rewoljuzii.
Aberglaube ist zwar Unsinn, aber hilft. Schöne Definition, oder? Berühmtestes Beispiel? Vielleicht die 13. Weltweit fehlt die Zahl in Fahrstühlen hoher Häuser oder in Sitzreihen von Flugzeugen. Trotzdem bleiben manche stecken oder stürzen ab. In Moskau steht eine Hundeschnauze für Aberglaube. Unter anderem.

Ja klar habe ich das Gleiche getan wie alle vor mir und alle nach mir, die im Untergrund, sozusagen hinterm Kaufhaus GUM unter der Nikolskaja, in der Alltagshektik am stummen Hund eines russischen Grenzsoldaten vorbeigingen oder sogar rannten, zur nächsten U-Bahn oder auch nur zum Ausgang, und – husch, husch – seine Schnauze berührten. Sie glänzt golden, dabei ist die Bronze über all die Jahre und Jahrzehnte nur abgerieben. Eine glatt polierte Schnauze sozusagen. Durch zigtausende Berührungen, quasi Streicheleinheiten für den Hund, die der Abergläubische aber aus reinem Eigennutz gibt. Glück soll’s bringen. Ein Aberglaube! Oder doch mehr? Wer weiß das schon. Aber ich möchte wetten, dass jeder Moskauer schon mal an sie drangelangt hat, um von der magischen Kraft was mitzunehmen. Es sei vor allem bei Studierenden ein beliebtes Ritual, hört man. Manchmal reiben sie sogar ihr Studienbuch daran, in das die Note eingetragen wird. Das geht echt so weit, und ich habe das beobachtet, dass Menschen beim Halt der U-Bahn schnell mal herausspringen, die Schnauze berühren und in den Waggon zurückeilen. Allein des Dutzends besonders attraktiver U-Bahn-Stationen wegen lohnt sich ein Besuch Moskaus. Die Majakowskaja, die Kijewskaja, die Nowoslobodskaja, die Komsomolskaja, eine Ruhmeshalle der besonderen Schönheit, und eben die Plotschtschad Rewoljuzii – jede für sich einen Halt wert. Die Station Platz der Revolution wurde 1938 eingeweiht. Stalin hat sie sehr gefallen. Dunkler Marmor, gedämpftes Licht. Sehr mystisch. Der Bildhauer Matwej Maniser hat in 38 Rundbögen 76 lebensgroße Bronzefiguren hingesetzt. Ja, sie sitzen oder knien, weil unter den Rundbögen eben nicht mehr Platz war. Soldaten und Revolutionäre, natürlich bewaffnet. Sportler, Arbeiter, ein Bauer, eine Mutter mit ihrem Kind. Menschen aus dem Alltag zurzeit der Oktoberrevolution 1917. Keiner kann überzeugend erklären, weshalb ausgerechnet diese Bronzerevolutionäre zu Objekten der Begierde, zu Objekten des russischen Aberglaubens wurden. Ist ja auch egal. Fakt ist, dass ganz viele Russen an Omen glauben. Vor allem der Alltag ist vom Aberglauben durchdrungen. In Russland gibt man sich über einer Türschwelle auf keinen Fall die Hand. Sie sei, so heißt es, ein böser Ort. Oder viele Russen glauben einfach, dass leere Flaschen auf dem Tisch Unglück oder Armut bringen. Hochzeiten sind in Russland wunderbare Inszenierungen. Dass man sie nicht im Mai schließen soll, weil sie sonst nicht lange halten, ist ebenso ein Aberglaube wie die angebliche Tradition, dass eine Schlägerei auf einer Hochzeit Glück bringe. Also dann doch lieber mal schnell an der Hundeschnauze vorbeirennen, oder? Ach so: Ob mir das Berühren der Hundeschnauze im August 2013 etwas gebracht hat? Glück zum Beispiel? Weiß ich gar nicht mehr. Glaube ich aber nicht. Ich bin ja gar nicht mit irgendwelchen Erwartungen oder Sehnsüchten dran vorbeigegangen. Nur aus Neugier. Typisch für mich.

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