Fussball-WM
DFB und Bernd Neuendorf nach dem WM-Aus: Nichts im Griff
Im Grunde muss Bernd Neuendorf Hansi Flick dankbar sein. Manuel Neuer auch, und Serge Gnabry, Jamal Musiala, und Nico Schlotterbeck sowieso. Ein bisschen muss der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes sogar Luis Enrique dankbar sein, weil der es zugelassen hat, dass die spanische Nationalmannschaft gegen Japan verliert. Weil sich die deutschen Fußballer in erster Linie aus eigener Kraft und ein wenig auch mit Hilfe der Spanier wie schon 2018 sportlich blamierten, beschäftigt sich die deutsche Öffentlichkeit seit Donnerstagabend damit, ob Flick noch Bundestrainer sein darf, ob Oliver Bierhoff noch als Direktor, Manager oder sonst was für den DFB arbeiten darf, ob Manuel Neuer noch Weltklasse ist oder Jamal Musiala Weltklasse werden kann. Eine Nation, die sich lange einig zu sein schien, dass diese Weltmeisterschaft ein Verbrechen ist und boykottiert werden sollte, ist sich nach dem WM-Aus der DFB-Elf einig darin, dass jetzt sportlich etwas passieren muss.
Im Grunde muss Bernd Neuendorf dankbar dafür sein, dass es plötzlich nur noch um Fußball geht und die Frage, warum wir keinen richtigen Neuner mehr haben, sondern nur falsche.
Die Empörung über den verloren gegangenen Automatismus, dass ein Turnier für eine deutsche Mannschaft erst in der K.o.-Phase richtig beginnt, überlagert den Eindruck, dass der Präsident gerade dabei ist, beim Deutschen Fußball-Bundes den x-ten Neuanfang in den vergangenen Jahren zu versemmeln.
Der DFB stand mal für Solidität
Hermann Neuberger, Egidius Braun, Gerhard Mayer-Vorfelder und Theo Zwanziger hießen die DFB-Präsidenten im Zeitraum von 1975 bis 2012. Sie stehen für Kontinuität. Auch wenn in der alten Zeit nicht alles gut war, so war es doch verlässlich. Seit 2012 ist Bernd Neuendorf der vierte Mann an der Spitze des weltweit größten nationalen Sport-Verbands. Die kürzer gewordene Halbwertszeit eines DFB-Präsidenten hat dabei nichts mit dem Alter der Herren zu tun oder einem Umstand, dass sie ihr Wirken für vollendet erachtet hätten. Wolfgang Niersbach (2015), Reinhard Grindel (2019) und Fritz Keller (2021) mussten zurücktreten, weil sie einen Finanzskandal, Korruption oder interne Intrigen verantworteten. Der Deutsche Fußball-Bund steht nicht mehr für Solidität und Seriosität, sondern für Skandale. Die Staatsanwaltschaft in Frankfurt ist – gefühlt – mehr mit der Aufarbeitung des Finanzgebarens des DFB beschäftigt als mit der Bekämpfung der organisierten Kriminalität in der Main-Metropole. Wobei die Grenzen da verschmelzen.
Der Verband war und ist getrieben
Der Verband war bereits in gefährlicher Schieflage, als Bernd Neuendorf im März dieses Jahres ins Amt kam. Das ist ihm nicht anzulasten. Verantwortlich ist er jedoch dafür, dass sich am Image des DFB und seiner Wahrnehmung von außen seither nichts verändert hat.
Transparenz und Offenheit im Umgang mit den Krisen im Verband versprach Neuendorf im März. Zu spüren ist davon nicht viel. An die Öffentlichkeit gelangen Fortentwicklungen in der Regel durch neuerliche Razzien der Staatsanwaltschaft oder Enthüllungen der Süddeutschen Zeitung und anderer Medien. Der DFB war in der Zeit vor Neuendorf von außen getrieben und ist es mit ihm immer noch.
Eine Armbinde ist nicht mehr als ein Signal
Der Präsident setzt zudem ungebremst den Kurs fort, immer nur dann Haltung zu zeigen, solange es für einen selbst nicht schmerzhaft werden kann. Das gilt für den Umgang mit der Regenbogen-Binde, die zunächst zu einer „One-Love-Binde“ heruntergestuft wurde und plötzlich völlig verschwand, nachdem der Weltverband Fifa irgendwelche Sanktionen angedroht hat, von denen angeblich niemand genau weiß, wie sie ausgesehen und was sie bedeutet hätten.
Der Umgang mit der Fifa und seinem Präsidenten Gianni Infantino ist ebenfalls ein Lehrbeispiel für die Selbstverlogenheit des DFB. Im Wissen, dass es überhaupt keine Rolle spielt, ob der DFB bei der Wiederwahl für diesen stimmt oder nicht, hat Neuendorf verlauten lassen, Infantino im kommenden März beim Fifa-Kongress nicht zu unterstützen. Gleichwohl trägt der DFB mit, was die Fifa und ihr Anführer beschließen. Eine Armbinde ist da nicht mehr als ein Signal. Das Spiel muss schließlich weitergehen, der Ball muss rollen – und mit ihm der Rubel. Die Gier des Weltverbands ist laut Neuendorf ein Übel, die finanziellen Vorteile eben jener für den DFB aber gar nicht schlecht. Schließlich drohen weitere hohe Strafzahlungen für Steuervergehen in der Vergangenheit. Die prunkvolle DFB-Akademie in Frankfurt ist außerdem lange noch nicht bezahlt.
Im Grunde muss Bernd Neuendorf dankbar dafür sein, dass jetzt über einen Krisengipfel mit Flick, Bierhoff, BVB-Boss Hans-Joachim Watzke und ihm geredet wird. Darüber, ob die Spanier uns betrogen haben oder nicht. Weil deshalb nicht darüber geredet wird, was aus dem DFB geworden ist.
