Fußball
Ein Waldhöfer brilliert in der Champions League
Stephan Groß ist sich sicher, seine Meinung hat Gewicht. Der Mannheimer, der zu Beginn der 1980er Jahre mehr als 100 Bundesligaspiele für den Karlsruher SC bestritt, hat viele Jahre lang Jugendmannschaften trainiert, ein paar Jahre war er Sportlicher Leiter im Nachwuchszentrum des SV Waldhof Mannheim. „Hakan war der beste Spieler, den ich trainiert habe“, sagt der inzwischen 69-Jährige ohne nachdenken zu müssen über Hakan Calhanoglu: „Das hat man sofort erkannt, dass er eine besondere Begabung hat.“
Nur noch einen Schritt vom Finale entfernt
Groß hat viele Kinder trainiert, die später eine beachtliche Karriere hingelegt haben. Er formte seinen Sohn Pascal (Brighton & Hove Albion) und Marcel Gulde (SC Freiburg) zu etablierten Erstligaspielern, verhalf vielen anderen dazu, bessere Fußballer zu werden. Aber an Calhanoglu reichte keiner heran: „Er war schon als Siebenjähriger auf einem so guten Niveau“, erinnert sich Groß zurück – und wundert sich deshalb nicht, dass der in Mannheim aufgewachsene Deutsch-Türke daran arbeitet, Träume Realität werden zu lassen. Mit Inter Mailand steht der Mittelfeldspieler nur noch einen Schritt vor dem Einzug ins Finale der Champions League. Am Mittwoch schlug Inter den Stadtrivalen AC Mailand im Halbfinalhinspiel 2:0, Calhanoglu bereitete den Treffer zum 1:0 vor und hatte später mit einem Distanzschuss, der am Torpfosten landete, Pech.
Acht Jahre lang spielte Calhanoglu als Kind in den Nachwuchsmannschaften des SV Waldhof, wo er zuletzt in der U15 von Stephan Groß angeleitet wurde. „Wir wussten, dass er seinen Weg gehen wird. Seine Schusstechnik und seine Standards waren schon immer herausragend.“ 2009 wechselte Calhanoglu aus dem Nachwuchs des damaligen Viertligisten zum Karlsruher SC, angesichts seines Talentes konnten die Waldhöfer den Mittelfeldspieler nicht halten.
Knapp 14 Jahre später spielt er in der Champions League auf der größten Bühne des Vereinsfußballs. Inter erspielte sich – auch dank Calhanoglu – am Mittwoch eine glänzende Ausgangslage gegen Milan, so dass kaum jemand daran zweifelt, dass der „Football Club Internazionale Milano“ am 10. Juni im Atatürk-Stadion in Istanbul um den Sieg in der Königsklasse kämpfen wird. Für Calhanoglu würde es ein Heimspiel sein, denn der Mannheimer mit türkischen Wurzeln entschied sich früh, für die türkische Nationalmannschaft aufzulaufen. Inzwischen ist er der Kapitän der Auswahl, dessen Trainer der ehemalige Lauterer Stefan Kuntz ist.
Seegert hält über „Momo“ Kontakt
Das Finale am Bosporus wäre der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die am Alsenweg in Mannheim ihren Anfang nahm. „Er war schon damals ein Stratege und seine Freistöße waren wie Elfmeter“, sagt Marcel Seegert. Der Kapitän der Drittliga-Profis des SV Waldhof spielte in der Jugend mit Calhanoglu zusammen. Mit Interesse verfolgt Seegert den Werdegang seines einstigen Mitspielers, Kontakt zu ihm hält er über Mohamed „Momo“ Calhanoglu, den Bruder des Inter-Stars. Der betreibt in Mannheim ein Soccercenter der Familie – auch Seegert privat oder der SV Waldhof kicken dort in der kalten Jahreszeit.
„Hakan ist auf dem Boden geblieben“, findet Seegert – und überrascht mit dieser Aussage, schließlich gab es in der Vergangenheit immer mal wieder negative Schlagzeilen zu Calhanoglu. Den Wechsel vom Hamburger SV zu Bayer Leverkusen „erzwang“ der Spieler mittels einer Krankmeldung und einem „Trainingsstreik“. Im Oktober 2013 sorgte eine „Pistolenaffäre“ für Aufsehen, als Gökhan Töre seinen Kollegen im Trainingslager der Nationalmannschaft bei einem Streit mit einer Waffe bedroht haben soll.
Zuletzt fetzte sich Calhanoglu über soziale Kanäle mit Zlatan Ibrahimovic. Der Mittelfeldspieler und der Stürmerstar spielten zunächst erfolgreich zusammen für den AC Mailand, ehe der Schwede nach Calhanoglus innerstädtischem Wechsel zu Inter im Sommer 2021 verbale Giftpfeile in Richtung des einstigen Vorlagengebers verschoss. „Sendet einen Gruß an Hakan“, schrie Ibrahimovic bei der Meisterfeier des AC Mailand im vergangenen Sommer und nach ein paar vorhergegangenen Frotzeleien. Calhanoglu konterte kühl: „Er ist 40 und oft verletzt und hat wohl nichts anderes zu erzählen.“
Mittwochabend saß Ibrahimovic hoch oben auf der Tribüne des Stadions in Mailand und sah nicht glücklich aus, als Calhanoglu mit Inter unten auf dem Rasen triumphierte. In Mannheim freuten sich gleichzeitig viele über den Sieg des früheren Supertalents, der vom SV Waldhof aus loszog und bald im Champions-League-Finale auflaufen könnte.