Fußball RHEINPFALZ Plus Artikel Dzsenifer Marozsán vor Abschied: Feines Füßchen und goldenes Herz

Dzsenifer Marozsán bei der WM 2019.
Dzsenifer Marozsán bei der WM 2019.

Dzsenifer Marozsán verabschiedet sich als eine der besten Fußballerinnen aller Zeiten aus dem deutschen Nationalteam. Ihr letzter Auftritt in Nürnberg gegen Brasilien wird Emotionen wecken

Über die Ostertage hat sich Dzsenifer Marozsán selbst gewundert, wie entspannt sie noch war. Sie lehnte lässig in einem Stuhl, trug ein schwarzes T-Shirt und fortwährend ein Lächeln im Gesicht, als die 30-Jährige über ihren bevorstehenden Abschied aus der Nationalmannschaft sprach. Wenn beim Länderspiel gegen Brasilien in Nürnberg (Dienstag, 18 Uhr/ARD) mit ihrem 112. Einsatz im DFB-Dress der Vorhang fällt, dann könnte es deutlich gefühlsduseliger zugehen. „Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und sehr nah am Wasser gebaut“, gab die in Budapest geborene, in Saarbrücken aufgewachsene und lange in Frankfurt lebende Mittelfeldspielerin von Olympique Lyon zu.

Ein würdiger Rahmen

Der Rahmen könnte würdiger kaum sein, wenn die Tränen über ihre Wangen kullern: Mehr als 30.000 Tickets sind im Max-Morlock-Stadion abgesetzt. Marozsán soll wohl nach rund nach einer Stunde eingewechselt werden und sich nach Schlusspfiff auf die Ehrenrunde mit ihrem Neffen machen, mit dem sie nach ihrem vor einem Jahr im WM-Qualifikationsspiel in Serbien erlittenen Kreuzbandriss viel Zeit verbracht hat. Bruder David gilt schließlich als wichtiger Bezugspunkt – und Ausgangspunkt der Karriere.

Fußballerin des Jahres 2019.
Fußballerin des Jahres 2019.

Eigentlich hatte der 1996 zum 1. FC Saarbrücken gewechselte Vater János als ungarischer Nationalspieler ja gehofft, dass der Sohn in seine Fußstapfen treten würde, doch dann durchkreuzte eine schwere Knieverletzung noch vor dessen Volljährigkeit alle Hoffnungen. Seine fünf Jahre jüngere Schwester hatte er stets mit auf den Bolzplatz in Saarbrücken-Burlach genommen. Mutter Elisabeth war anfangs nicht begeistert, spürte aber bald, welche Liebe ihrer Tochter für den Fußball aufbrachte.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erinnert sich aus ihrer Zeit als Verbandssportlehrerin noch gut, „wie eine 15-Jährige aus dem Saarland“ mit ihrer Veranlagung herausstach. Bis heute ist diese die jüngste Bundesligaspielerin aller Zeiten, die mit 17 vom 1. FC Saarbrücken zum damals führenden 1. FFC Frankfurt ging, wo sie im Schatten vieler Stars und Sternchen reifte. Svenja Huth, heute stellvertretende deutsche Kapitänin, wurde zu einer ihrer besten Freundinnen. Man werde „ihre Qualität, ihre Zuckerpässe“ vermissen, aber eben auch „einen tollen Menschen mit goldenem Herzen“, betonte die 32-Jährige kürzlich.

Mit dem Ball verheiratet

Dankbarkeit und Demut sind für Maroszán keine Worthülsen: „Es hat sich deutlich mehr erfüllt, als ich erwartet habe. Als ich jung war, wollte ich einfach nur Fußball spielen und das ist nach wie vor so.“ Grundsätzlich stehe sie „nicht gerne im Mittelpunkt“, gleichwohl war das mitunter unvermeidlich. Von ihren 33 Länderspieltoren schoss sie wegweisende Treffer zum EM-Gewinn 2013 und Olympiasieg 2016 – bis heute die letzten Titel der deutschen Fußballerinnen. Als hernach die Kurzzeit-Bundestrainerin Steffi Jones ihre Spielmacher zur Spielführerin machte, war damit niemandem geholfen. Eine klassische Führungsspielerin ist und war die immer auf Harmonie achtende „Maro“ nie. Dafür hat eine der „weltbesten Technikerinnen“ (Voss-Tecklenburg) einen ästhetischen Genuss vermittelt, der ihr für die Entwicklung des Frauenfußballs nicht hoch genug zu bewerten ist. Mit dem Ball wird sie immer verheiratet bleiben.

Die Bundestrainerin richtete ihr Team für die WM 2019 noch einmal ganz auf die sensible Strategin aus, doch dann brach die sich gleich im ersten Gruppenspiel gegen China nach einem üblen Foul den großen Zeh. Als sie im Viertelfinale gegen Schweden mit einem Spezialschuh zurückkam, konnte sie das Ausscheiden nicht mehr abwenden.

Absage am Telefon

Die Bundestrainerin war ziemlich überrascht, als ihr sie vor einigen Wochen am Telefon erfuhr, dass Marozsán vor der WM in Australien und Neuseeland (20. Juli bis 20. August) zurücktritt. Im Vordergrund stand die Sorge um ihre Gesundheit („Mein Knie ist durch die schwere Verletzung nicht mehr das, was es mal war“), aber ging es im Hintergrund vielleicht doch um ihre Rolle? Einen Stammplatz wollte ihr „MVT“ nämlich nicht mehr zusagen, „aber wenn ein Gegner tief steht, wenn es Lösungen braucht“, dann hätte sie gerne auf Marozsán zurückgegriffen.

Bei der EM in England hatten Sara Däbritz, Lina Magull und Lena Oberdorf ein schwer ausrechenbares Mittelfeldtrio gebildet: Nicht mehr alle Bälle zur Nummer zehn zu tragen, hatte für jede etwas Befreiendes. „Auch das gehört zur Wahrheit: Wir haben jetzt viel Variabilität im Zentrum“, findet Voss-Tecklenburg.

Marozsán sieht viele Dinge entspannter, nachdem sie nach einer Lungenembolie im Sommer 2018 mit dem Tode rang. Und so bereitet ihr auch die offene Zukunft auf Vereinsebene keine schlaflosen Nächte, selbst wenn sie nach sieben Jahren nicht mehr beim französischen Topteam Lyon bleiben sollte. Deutschlands dreimalige Fußballerin des Jahres betonte am Ostersonntag: „Ich möchte so lange wie es geht Fußball spielen.“ Der Vorhang fällt vorerst nur im Nationalteam.

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