Fussball-EM RHEINPFALZ Plus Artikel Die ungarische Ein-Mann-Mauer

1:1 gegen Frankreich – Peter Gulacsi freut sich.
1:1 gegen Frankreich – Peter Gulacsi freut sich.

Ohne einen Rückhalt wie Peter Gulacsi wäre die ungarische Nationalelf bei dieser EM verloren – nun steht der Vergleich mit Manuel Neuer an.

War das wirklich der ansonsten so besonnene Peter Gulacsi, der über den Rasen tobte wie ein kleines Kind? Vergangenen Samstag in Budapest: Schlusspfiff in der Puskás-Arena, als nicht nur auf den Rängen die Gefühle explodierten. Das 1:1 gegen Weltmeister Frankreich war Wirklichkeit geworden, damit auch die Aussicht auf ein Weiterkommen in der Wahlheimat Deutschland, da konnte der Tormann nicht mehr an sich halten. Hüpfte mit Riesensprüngen durch sein Hoheitsgebiet, ballte die Fäuste gen Himmel – und ging neben den Pfosten in die Knie. Erst danach realisierte der ungarische Nationaltorhüter, dass es vermutlich keine kluge Idee war, diese Überraschung vor mehr als 5000 französischen Fans zu feiern. Ein Bierbecher ging fast direkt neben ihm nieder.

Die schönste Ehrenrunde

Also stand der 31-Jährige wieder auf und ging bald mit seinen Kollegen auf die schönste Ehrenrunde seiner Karriere. Die längste war es sowieso. „Mein erster Gedanke war: Dass wir so etwas zusammen erleben dürfen“, meinte der Keeper von RB Leipzig hinterher. „Ich bin unglaublich stolz. Nach einem Jahr oft mit Geisterspielen so ein Spiel zu erleben, das ist toll.“ Seine Länderspieleinsätze 40 und 41 haben dem eigentlich deutlich zu lange im Schatten des Schlabberhosen-Trägers Gabor Kiraly stehenden Schlussmann ins Rampenlicht gebracht. Sein sachlicher Spielstil, der ohne effekthascherische Elemente auskommt, erfährt eine späte Wertschätzung. Der 1,91-Meter-Mann ist längst so etwas wie die Ein-Mann-Mauer der Magyaren.

„Keeper mit „Weltklasseformat“

Auf einmal bescheinigt ihm die internationale Fachpresse „Weltklasseformat“. Sein Nationaltrainer Marco Rossi sieht in seiner Nummer eins sowieso einen „der vier, fünf besten Torhüter der Welt, an manchen Tagen ist er auf einer Stufe mit Manuel Neuer.“ Besser als gegen Portugal (0:3) und Frankreich (1:1), sagte Rossi, könne ein Torhüter nicht halten. Tatsächlich hat er die meisten Prachtparaden hingelegt, hatte aber auch am meisten von allen Torwartkollegen dieses Turniers zu tun. Und die Arbeit wird nun am Mittwoch in München gegen Deutschland eher nicht weniger.

Das Erfolgsgeheimnis des früh beim FC Liverpool ausgebildeten Keepers – dorthin wechselte er 2007 von MTK Budapest – ist recht einfach umschrieben. „Ich bin ein sehr ruhiger Typ. Aber Ruhe, Stabilität und Konstanz – das ist das Allerwichtigste für einen Torhüter. Das versuche ich, meiner Mannschaft zu geben“, sagte er. Keiner hat zu dieser EM aus Ungarns Mannschaft gegenüber internationalen Medien mehr Interviews gegeben, was neben seinen guten Sprachkenntnissen und seiner bestens vernetzten Beratungsagentur auch mit seiner weltoffenen Gesinnung zusammenhängen könnte.

Deutschland ein Topfavorit

Gulacsi wagte es aus der sicheren Distanz in Deutschland nämlich, im Februar ein Gesetz in Ungarn zu kritisieren, das homosexuellen Paaren die Adoption von Kindern verbot. „Jeder Mensch hat das Recht auf Gleichberechtigung“, schrieb der Familienvater. Aktuell aber spricht er lieber über Fußball, und die herausfordernde Aufgabe für den Außenseiter. „Deutschland ist für mich ein Topfavorit. Mit Thomas Müller und Mats Hummels haben sie Extra-Erfahrung zurückgeholt, drei deutsche Spieler gewannen mit Chelsea die Champions League.“

Seine Bilanz liest sich beeindruckend. In seinen 164 Bundesligaspielen seit seinem Wechsel zu den Sachsen 2015 machte er nur ganz wenige schwere Fehler, auch in 56 Europapokalspielen – für Leipzig und Salzburg – sind verlässliche Leistungen hinterlegt.

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Foto: Imago Images/Beautiful Sports

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