Die Wochenend-Kolumne RHEINPFALZ Plus Artikel Die Causa Rüdiger trübt eine nahezu perfekte DFB-Woche

Antonio Rüdiger, feste Größe in der deutschen Abwehr und gläubiger Moslem,
Antonio Rüdiger, feste Größe in der deutschen Abwehr und gläubiger Moslem,

Hinter dem Deutschen Fußball-Bund lieg eine der besten Wochen seit vielen Jahren. Nun aber blasen interessierte Kreise ein zugegeben nicht sehr glückliches Foto von Verteidiger Antonio Rüdiger unangemessen auf.

Eigentlich müssten im Frankfurter Hauptquartier des Deutschen Fußball-Bundes in diesen Tagen die Sektkorken geknallt haben. Denn die zurückliegenden Tage waren wie gemalt für den weltweit größten Sportfachverband, der zuletzt vielfach kriselte.

Zunächst sorgte das neue Trikot der Nationalmannschaft für entsprechende Aufmerksamkeit. Und auch wenn sich so mancher konservativ eingestellte Fan sich mit den Farben Pink und Lila schwertut, hat genau dieses sehr moderne, mutige Auswärtsjersey nach Herstellerangaben den besten Verkaufsstart aller deutschen Auswärtstrikots hingelegt. Dass mit diesem Trikot allen Unkenrufen zum Trotz auch noch Siege möglich sind, wie der Dienstag gezeigt hat, versüßt die Sache.

Fußball ist Geschäft – und dort geht’s um Geld

Dann unterzeichnete der DFB einen neuen Ausrüstervertrag, der ihm – dem Vernehmen nach – ab 2027 jährlich von Nike etwa das Doppelte der aktuell von Adidas gezahlten rund 50 Millionen Euro in die ziemlich leere Kasse spült. Und auch wenn mancher Traditionalist sich mit dem Gedanken nicht anfreunden will, dass künftig eine US- statt einer deutschen Firma – ohnedies produzieren beide billig in Asien – , so ist die DFB-Entscheidung doch nur logisch, selbst wenn sich sogar Politiker patriotisch-populistisch gegen diesen Deal ausgesprochen hatten. Fußball ist nicht nur Sport, sondern schon lange ein Millionengeschäft, das sich nach den Gesetzen des Marktes richtet. Dem hat der DFB mit seinem jahrelangen Rabatt-Bekenntnis zu Adidas lange getrotzt, jetzt ist er diesem Grundsatz gefolgt. Davon haben indirekt auch die Amateurvereine etwas, deren Dachorganisation der DFB ja bildet.

Schließlich war da ja auch noch das rein Sportliche. 2:0 in Frankreich, 2:1 gegen die Niederlande – zwei Große des Weltfußballs binnen weniger Tage geschlagen. Wer hätte das der zuletzt schlappen deutschen Nationalmannschaft überhaupt zugetraut? Ganz abgesehen von der begeisternden Art und Weise, wie diese Siege eingefahren wurden. Zweieinhalb Monate vor der Heim-EM keinem Hoffnung und Vorfreude. Dass der DFB zudem mal auf die Fans hört und die von diesen gewünschte Torjubel-Musik „Major Tom“ auflegen ließ, tat ein Übriges, um zumindest einen Gutteil der deutschen Fußballnation in Richtung „völlig losgelöst“ driften zu lassen. Und die Verantwortlichen erst recht.

Rüdiger nutzt ein im Grundgesetz verbrieftes Recht

Alles also eitel Sonnenschein? Nein. Denn die Causa Antonio Rüdiger gießt Essig in den Wein. Sein Instagram-Beitrag, der ihn zum Beginn des muslimischen Fastenmonats Ramadan auf dem Gebetsteppich zeigt, hat Kontroversen ausgelöst, die von interessierten Kreisen bereitwillig befeuert werden. Zweifelsfrei: Rüdiger war nicht sonderlich schlau, diesen Betrag zu posten. Dass seine Pose und seine guten Wünsche zum Ramadan nicht nur Freunde finden würde, hätte ihm klar sein müssen. Die Debatten um das Bild von Mesut Özil mit dem türkischen Autokraten Erdogan vor der WM 2018 ist noch in unguter Erinnerung.

Aber was nun daraus gemacht wird, ist indiskutabel. Der zum Himmel gerichtete Zeigefinger gilt im Islam schon seit Jahrhunderten als Zeichen für den in diesem Glauben einzigen Gott. Nicht mehr, nicht weniger. Das macht Rüdiger nicht, wie zum Teil von rechten Kreisen unterstellt, zum Islamisten, nur weil die Terroristen des IS sich diese Geste zuletzt zueigen gemacht und pervertiert haben. Rüdiger zum Terrorunterstützer zu erklären, sein Posting in Zusammenhang mit dem islamistischen Anschlag in Moskau zu stellen, der nachweislich erst Tage später erfolgte, und gar Rüdigers Rausschmiss aus dem Nationalteam zu fordern, ist dämlich. Er hat das genutzt, was ihm das Grundgesetz zubilligt: das Recht auf freie Glaubensausübung. Genauso wie dies Fußballer tun, die sich vor Betreten des Platzes oder nach Toren bekreuzigen und zum Himmel deuten.

Der DFB sollte dennoch mit Rüdiger darüber sprechen, ob es dieser Ungeschicklichkeit bedurft hat. Und wir sollten zu etwas mehr Gelassenheit und Faktentreue zurückkehren.

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