Fußball
DFB-Elf gegen Belgien: Die Stabilität wird eingewechselt
Es wird nicht aufgeklärt werden können, ob und wenn ja, welchen Einfluss das Fehlen von Rudi Völler auf die Leistung der deutschen Mannschaft hatte. Der DFB-Sportdirektor, das fleischgewordene Sinnbild des Neuanfangs bei der Nationalmannschaft, erholte sich zuhause von einer Nierenkolik, die er am Montag erlitten hatte. In der Kölner Arena war der Mann nicht vor Ort, der die bis zum WM-Aus in Katar abgehoben wirkende DFB-Elite qua Anwesenheit volkstümlicher machen soll. Die Deutschen verloren 2:3 (1:2) und hinterließen dabei in der ersten 30 Minuten einen desolaten Eindruck.
Gastfreundschaft in der Defensive
Weniger volkstümlich als gastfreundlich wirkte die deutsche Mannschaft zunächst, und auf Völlers Fehlen wird man die vielen Schwächen in der Defensive in der Analyse nicht schieben können. Als die Zuschauer – die Fans der deutschen Mannschaft waren spürbar gewillt, ihr Team zu unterstützen – nach knapp 25 Minuten „Deutschland, Deutschland“-Rufe anstimmten, lagen die Deutschen mit 0:2 in Rückstand. Erstaunlich war nicht das Zwischenresultat allein, sondern die Tatsache, dass es aus Sicht der Heimelf höchst schmeichelhaft war. Yannick Carrasco (6.) und Romelu Lukaku (9.) hatten für die Belgier getroffen, jeweils hatte Kevin de Bruyne die Vorarbeit geleistet.
Mit Leichtigkeit nutzten der Weltklasse-Mittelfeldspieler von Manchester City und seine Kollegen die Räume in der Hälfte der Deutschen und erspielten sich weitere Hochkaräter. Das Grundproblem, das die deutsche Mannschaft seit vielen Monaten begleitet, trat gegen die Nummer vier der Fifa-Weltrangliste offen zu Tage: Die Anfälligkeit in der eigenen Defensive. Das Duo Joshua Kimmich und Leon Goretzka war nicht in der Lage, das Zentrum vor der eigenen Viererkette zu schließen. „Das Spiel war ziemlich wild“, sagte Abwehrspieler Tilo Kehrer.
Mit Can kommt die Stabilität
Hansi Flick musste reagieren, und der Bundestrainer reagierte. Nach einer halben Stunde wechselte er das Personal und das System. Das beim 2:0-Sieg gegen Peru am vergangenen Samstag erstmals eingesetzte 4-2-2-2 ersetzte Flick durch ein 4-3-3. Mit Emre Can für Florian Wirtz (der angeschlagene Goretzka wurde zudem durch Debütant Felix Nmecha ersetzt) baute der Bundestrainer einen defensiven Stabilisator ein – und prompt wirkte die deutsche Mannschaft nicht mehr so anfällig. Der Dortmunder Can sorgte mit seiner Körperlichkeit und seiner Lust auf defensive Zweikämpfe dafür, dass sich die Statik des Spiels verschob. Ein durch ihn gewonnener Ball im Mittelfeld zog einen Eckball nach sich, aus dem wiederum der Anschlusstreffer für die deutsche Auswahl entsprang. Lukaku flog der Ball an den Arm, es gab Handelfmeter und Niclas Füllkrug traf zum 1:2 (44.). Zur Pause waren die Deutschen wieder im Spiel, obwohl sie lange deutlich unterlegen waren.
Das änderte sich in der zweiten Halbzeit, als die Flick-Elf besser war als ihr Gegner. Jetzt übernahmen die Hausherren die Spielkontrolle und verhinderten gleichzeitig Konter der Belgier, die hinterherlaufen musste. Die Mehrheit der 42.910 Zuschauern hatte deshalb berechtigte Hoffnungen, dass die Partie eine Wende würde erfahren können. Zeitweilig schnürten die Deutschen ihren Kontrahenten in dessen Hälfte ein und besaßen Chancen auf den Ausgleich. Serge Gnabry (53.) und Kimmich (70.) hatten aber kein Abschlussglück – und in der 78. Minute sorgte den Bruyne für die Entscheidung. Als die Belgier doch einmal eine Umschaltaktion starteten, vollendete der Kapitän zum 3:1. Serge Gnabry gelang noch der Anschluss zum 2:3 (87.), zu mehr reichte es nicht mehr.