Rudern RHEINPFALZ Plus Artikel Deutschlandachter nur Vierter bei EM: Grenzwertig angespannt

Auf der Olympiastrecke von 1972 wollte der Deutschland-Achter bei der EM zumindest Silber gewinne. Am Ende kam das Paradeboot au
Auf der Olympiastrecke von 1972 wollte der Deutschland-Achter bei der EM zumindest Silber gewinne. Am Ende kam das Paradeboot auf Rang vier. "So kann man kein Achterrennen fahren", sagt Torben Johannesen, wir haben nicht die Traute gehabt. Man muss manchmal auf gut Deutsch gesagt auch abgewichst sein."

Der Deutschland-Achter enttäuscht bei den Championships und verpasst eine EM-Medaille. Das hat mit der Umbesetzung des Bootes zu tun und mit strukturellen Problemen.

Als freiwilliger Helfer muss man bei den European Championships in München Dinge tun, die vorher so nicht geplant waren. „Ich muss noch mal zum Siegersteg“, sagte einer der vielen Volunteers am Samstag zu einem seiner Kollegen: „Da hat sich jemand übergeben.“ Bei der maximalen Belastung auf der 2000 Meter langen Ruderstrecke ist es gar nicht ungewöhnlich, dass die Erschöpfung mit einer Entleerung des Mageninhaltes einhergeht. Im Normalfall geschieht das aber unmittelbar nach der Zieldurchfahrt, direkt in den See.

Mit Lappen „bewaffnet“ machte sich der junge Mann auf den Weg an den Ort, den Torben Johannesen gerne betreten hätte. Doch so kam es nicht, denn der Schlagmann des Deutschland-Achters verpasste mit den Kollegen unerwartet die Medaillenränge bei den Europameisterschaften, die auf der Olympiaregatta-Strecke von 1972 in Oberschleißheim ausgetragen werden. An der historischen Strecke wollte das Vorzeigeboot des Deutschen Ruderverbands hinter den dominierenden Briten zumindest Silber gewinnen, aber dieser Plan ging gründlich schief.

„Beim Umgang heute den Tag über habe ich gemerkt, dass die Jungen schon nervös waren, grenzwertig angespannt waren sie sogar“, sagte Uwe Bender. Der Trainer des DRV-Achters hatte nach den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr in Tokio und einer Umbesetzung des Bootes, das in Japan die Silbermedaille gewonnen hatte, ein „Lehr- und Lernjahr“ ausgerufen – aber mit einer derartigen Lektion doch nicht gerechnet. „Wir waren im Bahnverteilungsrennen auf Platz zwei und den hätten wir gerne auch im Finale wieder gehabt“, sagte Bender. In den kommenden beiden Wochen werde im Trainingslager hart gearbeitet werden müssen, kündigte er an. Bei den Weltmeisterschaften in knapp fünf Wochen in Tschechien, das ist die Vorgabe, müssen die acht Ruderer und der Steuermann eine bessere Performance zeigen.

Die Briten zeigen, wie es geht

Das gelingt aber nur, wenn es die junge Mannschaft schafft, bei der WM nicht in eine ähnliche Lethargie zu verfallen wie in München. „So kann man kein Achterrennen fahren“, machte Johannesen deutlich, dass es weniger an der Muskelkraft denn vielmehr an der mentalen Verfassung der Bootsbesatzung lag. Mit 27 Jahren gehört der Hamburger zu den Routiniers im Boot und war in den vergangenen und deutlich erfolgreicheren Jahren zuletzt schon dabei. „Die Briten haben gezeigt, wie das Achterfahren geht. Wir haben es leider anders gemacht und dann bekommt man einen übergebrezelt. Wir haben nicht die Traute gehabt. Man muss manchmal auf gut Deutsch gesagt auch abgewichst sein“, sagte Johannesen, der nach dem Ausfall von Mattes Schönherr kurzfristig die Position des Schlagmanns übernommen hatte.

Nach einem schlechten Start enteilten die favorisierten Briten schnell, Deutschland kämpfte fortan mit den Niederlanden und Italien um die weiteren Medaillen und unterlag in einem spannenden Finish. Nach guten Ergebnissen beim Weltcup in Luzern blieben die Deutschen beim ersten von zwei Saisonhöhepunkten hinter den eigenen Erwartungen zurück. Dem DRV-Achter fehlte die Entschlossenheit, sich eine Medaille bei der Heim-EM zu sichern. Offenbar war die Angst vor der Niederlage größer als die Lust aufs Gewinnen.

Bei der WM kommen starke Nationen

Vielleicht zeigen sich auf der Regattastrecke in Oberschleißheim aber schlicht auch die Probleme des Verbands, denn es fehlt an Nachwuchs und nach dem Abtreten einiger etablierter Topkräfte nach den Olympischen Spielen im Vorjahr mangelt es nicht nur im Achter an erstklassigem Personal. Nicht nur im Paradeboot haben die Deutschen im Vergleich zur internationalen Konkurrenz verloren, in vielen Bootsklassen hechelt der DRV der Konkurrenz hinterher – in Europa und dem Rest der Welt. Bei der WM kommen mit den Australien, Neuseeland und den USA weitere starke Nationen hinzu.

Am ersten Finaltag blieben die Medaillen für die deutsche Mannschaft komplett aus, sodass die Verantwortung, bei den Championships eine Erfolgsstory im Rudern zu schreiben, nun auf den Schultern von Oliver Zeidler liegt. Der Einer-Weltmeister von 2019 fährt am Sonntag im Finale und gilt nach dem souveränen Sieg im Halbfinale als Favorit auf Gold. „Cool bleiben und am Sonntag einen raushauen“, lautet sein Credo für den Endlauf. Wie es nicht gemacht wird, sah er sich am Samstag aus nächster Nähe an. Gemeinsam mit seinem Vater stand er zwischen den TV-Kommentatoren-Boxen, als der Achter von der Konkurrenz abgehängt wurde.

Der 26-Jährige weiß nur zu gut, wie schnell ein Plan misslingen kann. Als Goldfavorit scheiterte er vor einem Jahr in Tokio bereits im Halbfinale. Zeidler ist sicher, daraus die richtigen Lehren gezogen zu haben.

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