Boxen
Der Jahrhundertkampf
Nur die Apollo-14-Astronauten wurden namentlich begrüßt. Alan Shepard, Stuart Roosa und Edgar Mitchell waren vier Wochen zuvor vom Mond zurückgekehrt. „Denn es sind heute Abend alle da“, rief der Ansager im New Yorker Madison Square Garden der Prominenz im Publikum zu. Muhammad Ali gegen Joe Frazier, das erste Duell einer epischen Trilogie, wurde an diesem Tag, am 8. März 1971, zur Mondlandung des Boxens. Am Montag jährt sich das größte Spektakel in der Geschichte des Faustkampfs zum 50. Mal.
„I want Fraizaaah!“
„I want Fraizaaah!“ Der Schrei Muhammad Alis aus dem Exil war von Florida bis Alaska zu hören. Joe Frazier war gerade durch einen K.o.-Sieg über Jimmy Ellis sein legitimer Nachfolger geworden. Beim ersten schwarzen Senator im Parlament von Georgia fand der seit 43 Monaten vom Boxring verbannte Champion Gehör. Leroy Johnson meinte, wenn schon ehemalige Strafgefangene eine Boxlizenz erhielten, dann müsste einem noch nicht rechtskräftig verurteilten Wehrdienstverweigerer allemal Boxerlaubnis erteilt werden. Ali schlug Jerry Quarry in Atlanta k.o., kurz darauf in New York auch den Argentinier Oscar Bonavena. Das Comeback im Spätherbst 1970 war eindrucksvoll gelungen. Das Oberste Gericht hob die fünfjährige Haftstrafe auf.
„I want Fraizaaah!“ schrie Ali nun noch lauter. In Hollywood reagierte der umtriebige Filmagent Jerry Perenchio. Der gewiefte Impresario hatte zwar nur 250.000 Dollar auf dem Bankkonto, bot den beiden Rivalen dennoch die Weltrekordbörsen von je 2,5 Millionen Dollar. Der Multmillionär Jack Kent Cooke stellte die beiden 2,5-Millionen-Dollar-Schecks für den einmaligen „Fight of the Champions“ aus. Filmstar Burt Lancaster debütierte als Fernsehkommentator für die Übertragung in 370 Kinos und Hallen (Closed Circuit) in Nordamerika. Frank Sinatra fotografierte für das Wochenmagazin „Life“.
15 dramatische Runden
Das gigantische Spektakel endete mit dem knappen Punktsieg Fraziers, damals 27, über Ali (29) nach 15 dramatischen Runden in einer atemberaubenden, faszinierenden Nacht. Welcher Zynismus, dass allein der Vietnamkrieg dieses Jahrhundert-Ereignis ermöglicht hatte. Wegen seiner Antikriegshaltung („Ich habe nichts gegen den Vietcong. Warum soll ich für die Freiheit eines Volkes kämpfen, das ich nicht kenne, wenn zu Hause 30 Millionen meiner schwarzen Landsleute nicht in Freiheit leben?“) war Muhammad Ali geächtet, verurteilt, war ihm der Titel aberkannt und die Lizenz entzogen worden.
Nun also diese einzigartige Konstellation, die es so noch nie gegeben hatte und die sich niemals wiederholen wird, als gesellschaftspolitische Konfrontation: Zwei unbesiegte, charismatische Champions im Duell um den höchsten Titel des Sports. „Onkel Tom“ gegen Vietnam-Rebell, Favorit der Weißen gegen die Hoffnung der Schwarzen. „Bull vs Butterfly“. Stier gegen Schmetterling. Doch Ali kämpfte Fraziers Kampf, als wollte er aller Welt beweisen, sich mit der Kampfmaschine auch prügeln zu können. „Von der vierten Runde an ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Clown fällt“, prophezeite Frazier. Ali legte dessen K.o. – schriftlich – für die sechste Runde fest. In dieser Runde ließ Frazier die Fäuste herabbaumeln, schob das Kinn provozierend nach vorn und lachte Ali aus. Der „Schwebe-wie-ein-Schmetterling-Stich-wie-eine-Biene-Ästhet“ tanzte nicht mehr. Beim Aufschrei der 20.455 Zuschauer nach einem schweren Treffer schüttelte Ali zwar den Kopf, als wäre nichts passiert. In der elften Runde aber war er nach einem linken Haken derart paralysiert, dass er zu dieser beruhigenden Geste ans Publikum nicht mehr fähig war.
„Der Größte“ lag rücklings auf dem Boden
Die einst bewunderten und als die schnellsten im Boxring gerühmten Füße schienen am Ringbelag festzukleben. Sie trugen den im Seil hängenden Ali nicht aus der Reichweite von Fraziers wie Kolben arbeitenden Fäusten. Sie standen nach 20 Sekunden der Schlussrunde hoch in der Luft. Einer von Fraziers harten linken Haken hatte Alis Kinn voll getroffen. „Der Größte“ lag rücklings auf dem Boden. Bei „drei“ von Ringrichter Arthur Mercante stand er wieder. Diese enorme Willenskraft fand allseits Bewunderung. Das berühmteste Mundwerk der Welt blieb stumm.
Mit Verdacht auf Kieferbruch wurde Ali ins Krankenhaus gefahren. Was war schiefgelaufen? Norman Mailer legte mir die Hand auf die Schulter: „Son, his legs are gone.“ Muhammad Ali habe die Schnelligkeit seiner Beine verloren. Doch er konnte sich natürlich nicht wortlos davonmachen. Eine improvisierte Pressekonferenz war er seinem Großmaul schuldig – zwölf Stunden nach der Niederlage im Bett seiner Suite im 25. Stock des Hotels New Yorker. Ein Dutzend Reporter war informiert worden. Die Bekanntschaft mit Angelo Dundee seit Alis Kampf gegen Mildenberger 1966 in Frankfurt hatte auch mir den Zugang ermöglicht.
Alis eigene Sicht der Dinge
Ali lag im Bett, mit nacktem Oberkörper, zugedeckt mit einer grünen Wolldecke. Seine rechte Wange war stark geschwollen, als hätte er Mumps. Ali sprach leise, hatte aber wenigstens die Sprache wiedergefunden. Er überraschte mit der Aussage: „Ich bin der Ansicht, den Kampf gewonnen zu haben.“ Der Niederschlag fehlte in Alis Kampffilm. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich gefallen bin. Also muss mich Joe Frazier voll getroffen haben.“
Klar, dass Ali, erst 29 Jahre alt, sein Comeback ankündigte. Und wie großartig sollte er zurückkehren, mit den siegreichen Schlachten „Rumble in the Jungle“ 1974 gegen George Foreman und „Thrilla in Manila“ 1975 abermals gegen Joe Frazier.