Sport Der Champion der Herzen

2:2: Mario Fernandes trifft für Russland in der Verlängerung.
2:2: Mario Fernandes trifft für Russland in der Verlängerung.

«Sotschi/Moskau.»Der WM-Traum ist vorbei, doch Russland feiert seine Weltmeister der Herzen. Auf der Nikolskaya, der riesigen Partymeile im Zentrum Moskaus, und im ganzen Land machten Fans nach dem bitteren K.o. im Elfmeterschießen gegen Kroatien die Nacht zum Tag.

Schnell überwog der Stolz auf die bärenstarke „Sbornaja“ und eine märchenhafte Endrunde. Wenige Stunden zuvor war ein körperlich und mental völlig erschöpfter Stanislaw Tschertschessow wie ein schwer geschlagener Boxer vor die Presse getreten, die ersten Journalisten-Fragen bekam er gar nicht mit. Der Nationaltrainer der Russen, der weltweit zum Gesicht des extrem wehrhaften Außenseiters geworden war, tat sich nach der 3:4-Niederlage im Elfmeterschießen am schwersten, den Frust abzustreifen. Selbst ein Anruf von Präsident Wladimir Putin, der nicht zum Spiel nach Sotschi gereist war, konnte Tschertschessow zunächst nicht aufrichten. „Ich habe ihm gesagt, dass wir sehr enttäuscht sind“, erläuterte der Trainer: „Wir hoffen, dass wir in Zukunft noch einen Schritt weiter gehen können.“ Dimitri Medwedew ist sich dessen sicher. Putins Premierminister bedankte sich auch im Namen des Chefs persönlich beim Team in der Kabine für „eine großartige WM“. Er war überzeugt, Zeuge einer Zeitenwende geworden zu sein. Der russische Fußball werde nie wieder „sein enttäuschendes altes Selbst“ zeigen, sagte Medwedew: „Ich bin ganz sicher, dass wir einfach einen anderen Fußball sehen werden.“ Ob Tschertschessow die vermeintliche neue Ära des russischen Fußballs weiter prägen wird, ist offen. „Es ist nicht vorhersagbar, ob ich bleibe oder nicht, wir werden erst mal nicht nach vorne schauen“, sagte der 54-Jährige: „Wir müssen alles sorgfältig analysieren.“ Die Russen werden wohl alles dafür tun, ihren Nationaltrainer, der gegen die Kroaten wie ein wild gewordener Bär immer wieder Spieler und Zuschauer angefeuert hatte, zum Weitermachen zu überreden und zu überzeugen. Kritische Worte waren in den russischen Medien am Tag nach der Niederlage kaum zu vernehmen. Allenfalls Fedor Smolow bekam sein Fett weg. Nachdem Russland in einer nervenaufreibenden Verlängerung durch Domagoj Vida zunächst das 1:2 kassiert (101.) und dann doch noch durch den eingebürgerten Brasilianer Mario Fernandes ausgeglichen hatte (115.), vergab Smolow den ersten Elfmeter mit einem überheblichen Lupfer. Trotzdem herrschte grundsätzliche Jubelpflicht. „Champion unserer Herzen“, titelte „Sport Express“, „Sowjetski Sport“ schrieb: „Danke, Jungs! Ihr habt gegen Kroatien verloren, aber wie die Löwen gekämpft.“ Dass nun allerdings die Zukunft des russischen Fußballs golden leuchtet, darf bezweifelt werden. Auch gegen die Kroaten war die „Sbornaja“ wie schon im Achtelfinale gegen Spanien, das im Elfmeterschießen gewonnen wurde, spielerisch klar unterlegen. Vor allem dank ihres unbändigen Kampfgeistes und eines fast unglaublichen Laufvermögens, das nicht wenige Anti-Doping-Experten mit Argwohn beäugen, konnten die Russen in der K.o.-Phase mithalten. Gegen die Kroaten liefen sie neun Kilometer mehr als der Gegner. So gab es in den russischen Medien auch Stimmen, die Leistung des Teams realistischer als Medwedew einordneten. „Die Grenze des Glücks ist erreicht“, stellte „Gazeta“ fest, und „Sport Express“ fragte: „Wann wird Russland wieder die Chance auf ein WM-Halbfinale haben? Wahrscheinlich erst beim nächsten Heimturnier, wenn wir alle nicht mehr leben.“

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