Fussball RHEINPFALZ Plus Artikel Der bevorstehende Wechsel von Max Eberl zu RB Leipzig: Brisanz und Brause

Max Eberl: Im Januar vor Erschöpfung zurückgetreten, jetzt vielleicht bald mit neuer Kraft wieder im Fußballzirkus.
Max Eberl: Im Januar vor Erschöpfung zurückgetreten, jetzt vielleicht bald mit neuer Kraft wieder im Fußballzirkus.

Überraschend und unter vielen Tränen trat Max Eberl Anfang des Jahres als Sportdirektor in Gladbach zurück. Erschöpfung vom brutalen Fußballgeschäft, hieß es. Mediale Aufmerksamkeit, Verständnis und Respekt waren riesig. Doch wie glaubwürdig ist sein Zusammenbruch noch, wenn er nun kurz vor einem Engagement beim Feindbild RB Leipzig steht. Die Fans finden harsche Worte für den Ex-Liebling.

Der gerade zu Ende gehende Sommer war eine der ruhigeren Phasen im Leben des Fußballlehrers Marco Rose. In der zweiten Maihälfte hatte er als Trainer von Borussia Dortmund seine Sachen packen müssen, und so konnte er in den heißen Monaten des Jahres genüsslich die Kontakte zu früheren Weggefährten pflegen. Wie etwa zu Max Eberl, mit dem er sich ohnehin regelmäßig austauschte. Doch nun war Zeit genug für ein leibhaftiges Treffen unter vier Augen.

„Ich habe ihn in Zürich besucht – um zu wissen, wie es ihm geht“, erzählte Rose kürzlich – zwei Tage nach seinem Einstieg als Trainer bei RB Leipzig. Der Ausflug in die Schweiz war durchaus angebracht – schließlich hatte Max Eberl, 48, Ende Januar in einer hochemotionalen Pressekonferenz unter Tränen erklärt, er sei erschöpft und müde, habe keine Kraft mehr, seinen Job als Sportdirektor in Gladbach auszuüben. Aber nicht nur das, Eberl sagte auch: „Ich will einfach raus, ich will einfach mit Fußball nichts mehr zu tun haben.“ Das waren starke, klare, sehr berührende Worte.

Treibt ihn die Sehnsucht zurück?

Das damals so dringende Gefühl, der komplizierten und anspruchsvollen Branche, der er fast drei Jahrzehnte lang erst als Aktiver, seit 2005 dann als Funktionär verbunden war, den Rücken zu kehren, ist nun offensichtlich schneller überwunden als mancher vermutete. Laut dem Fußballmagazin „Kicker“ hat Eberl RB Leipzig die Zusage gegeben, dort ab Januar die bislang vakante Position des Geschäftsführers Sport zu übernehmen. In der bevorstehenden Länderspielpause soll der Deal offiziell verkündet werden. Das wäre dann eine recht kurze Auszeit vom ach so schwierigen Geschäft gewesen. Oder ist es doch die Sehnsucht?

Seit dem tränenreichen Abgang des gebürtigen Niederbayern ruht Eberls bis 2026 datierter Vertrag bei Mönchengladbach. Die Sachsen werden der Borussia deshalb für seine Dienste eine Ablösesumme zahlen müssen, die Rede ist von fünf Millionen Euro. Den durch die Corona-Pandemie wirtschaftlich gebeutelten Verein erwartet also ein erklecklicher Geldbetrag. Der Name des Absenders für die Finanzspritze brachte den „FPMG Supporters Club“ am Niederrhein zuletzt allerdings mächtig in Rage. In einem Offenen Brief bezeichnete das Gladbacher Fan-Projekt Eberls Auftritt bei der Pressekonferenz im Januar als „Schauspiel“ – und wählte dabei harsche Worte. „Der Öffentlichkeit“, so der Vorwurf, „dieses Bild von deiner Profifußball-Ermüdung zu vermitteln, während du gleichzeitig um deinen Abgang zu Red Bull feilschst, ist – wir können es nicht anders formulieren – schlicht und ergreifend schäbig und ein Schlag ins Gesicht eines jeden tatsächlich von Burn-out betroffenen Menschen.“ Damit sei nicht gemeint, dass Eberl seine Erschöpfung und Kraftlosigkeit nur vorgetäuscht habe, er habe den Ausdruck Burn-out selbst auch nie benutzt. Doch als Medienprofi habe er gewusst, argumentieren die Verfasser, dass sein Auftritt exakt diese Botschaft in die Fußballwelt transportieren werde.

Stolz auf „gallisches Dorf“

Auch wenn die Schärfe in dem Fan-Schreiben irritiert: Die enorme Skepsis, die darin speziell mit Blick auf Eberls mutmaßlichen künftigen Arbeitgeber mitschwingt, ist durchaus nachvollziehbar. Schließlich bezeichnete der frühere Defensivspieler den Fußballstandort Mönchengladbach in seiner Zeit als Sportchef immer wieder stolz als „gallisches Dorf“, das den großen Klubs im Land mit viel Geschick Paroli zu bieten versucht. Und jetzt? Heuert er bald bei den gerne als Brauseklub verspotteten Leipzigern an, die sich mit dem – klug und gezielt investierten – Geld eines milliardenschweren österreichischen Getränkeherstellers in der nationalen Spitze etabliert haben.

Um dem Zaubertrank in seinem gallischen Dorf einen besonders kräftigen Geschmack zu geben, holte Eberl den damals schon für Leipzig und einige andere Vereine interessanten Übungsleiter Marco Rose im Sommer 2019 aus Salzburg an den Niederrhein. Und kurz bevor er sich im Januar 2021 eine Auszeit beim Skifahren in Davos gönnte, erklärte Eberl noch, Rose – der Gladbach inzwischen zu vielbeachteten Auftritten in der Champions League geführt hatte – werde in Zukunft „natürlich“ Angebote von großen Vereinen erhalten. Aber: „Derzeit ist er beim richtigen Verein für ihn – und das soll auch noch lange so bleiben.“

„Charakterloses Schwein“

Bereits zwei Monate später war dieser Verein dann nicht mehr der richtige für Rose – der, von Eberl mit einer Ausstiegsklausel ausgestattet, überraschend seinen vorzeitigen Abmarsch zur Dortmunder Borussia verkündete. Ein sportlicher Nackenschlag – auf den einige Fans mit der Beschriftung eines Plakats reagierten: Als sich Manager und Trainer zwei Tage nach der offiziellen Bekanntgabe des Rose-Adieus gemeinsam zu dem Wechsel äußerten, hing vor der Fankurve des Borussia-Parks der Schriftzug: „Kein Söldner steht über dem Verein – sofort raus mit dem charakterlosen Schwein.“

Eberls glasklare Antwort lautete: „Es passt kein Blatt zwischen mich und Marco Rose.“ Er hielt den scheidenden Coach trotz einer zwischenzeitlichen Negativserie von sieben Pflichtspielniederlagen in Folge bis zum Saisonende im Amt. Als die Ziellinie erreicht war, bekannte Eberl, die Situation sei für ihn „belastend“ gewesen. Zudem räumte er ein, die Wut der Fans auf den Trainer „ein Stück weit“ zu verstehen. Schließlich habe Rose zu Beginn seines Engagements beim Fohlenklub sehr eindrücklich gesagt, dort „etwas Langfristiges“ zu planen.

Dann zog Eberl die Reißleine

Zwölf Monate später war dessen Zeit als Dortmunder Bank-Chef dann ebenfalls Geschichte. Auch hier meldete sich das Gladbacher Fanprojekt zu Wort, bekundete „eine gewisse Schadenfreude und Genugtuung“. Und garnierte diese Botschaft noch mit der These, der frisch geschasste Coach habe die lange Gladbacher Krise, die sich weiter über die gesamte letzte Spielzeit ausdehnte, durch sein eigennütziges Karrieredenken maßgeblich eingeleitet. Ultimativer Tiefpunkt in der komplizierten Saison unter Rose-Nachfolger Adi Hütter war jedoch der Rücktritt von Eberl am 28. Januar. In der Woche zuvor hatte Eberl Cheftrainer Hütter bei einer Pressekonferenz zwei Mal mit „Dieter“ angesprochen. Er sei von sich selbst überrascht gewesen und habe später zu Hause erschrocken gedacht: „Was passiert da gerade?“

Max Eberl zog die Reißleine, ausgelaugt verließ er nach 23 Jahren als Spieler, Nachwuchskoordinator und Sportchef in Gladbach die Bühne Profifußball. Leipzigs Boss Oliver Mintzlaff soll schon damals dezent vorgefühlt haben, ob Eberl „nur“ der Borussia oder dem gesamten Fußballgeschäft den Rücken kehren will. Der verwies auf seine geplante Auszeit, sagte den Leipzigern ab. Ebenso wie nach Mintzlaffs nächstem Vorstoß, nach dem DFB-Pokalsieg der Sachsen im Mai. Doch Mintzlaff blieb hartnäckig – und scheint nun am Ziel zu sein. Roland Virkus, der nach 14 Jahren als Direktor des Gladbacher Nachwuchsleistungszentrums im Februar das Amt des Sportdirektors übernommen hatte, erklärte bereits Anfang August: „Ich habe mit Max Eberl zehn Jahre hervorragend zusammengearbeitet und viel lernen dürfen. Wenn er wieder in der Bundesliga auftaucht, freut einen das.“

Glaubwürdigkeit schwindet weiter

Dieser Moment dürfte bald gekommen sein. Bei Borussias Pressekonferenz vor dem anstehenden Duell gegen Leipzig an diesem Samstag äußerte sich Chefcoach Daniel Farke über die Herren Rose und Eberl: „Dass Marco Roses Rückkehr Emotionen aufruft, ist ganz normal.“ Weniger normal ist – vor allem für die Anhänger der Fohlen-Ensembles –, dass mit Eberl der einstige Häuptling des gallischen Dorfes demnächst ebenfalls für das gern als „Konstrukt“ verschmähte RB Leipzig arbeiten wird. Den Unmut einiger Fans müsse man akzeptieren – und er könne ihn auch „ein Stück weit nachvollziehen“, räumt Gladbachs Kapitän Lars Stindl ein. Sein derzeitiger Trainer bringt deshalb bewusst etwas Ruhe in die Debatte. „Wenn Max Eberl entscheidet, wieder in die Liga zurückzukommen“, betont Farke, „dann ist das eine fantastische Nachricht. Für ihn als Mensch, und auch für den Fußball allgemein.“ Und für Marco Rose sowieso. „Am Ende des Tages“, sagt Leipzigs neuer und Gladbachs alter Coach jedenfalls bereits ganz in Eberlscher Diktion, „glauben wir schon, dass wir gut zusammenarbeiten können.“

Dass Vertrauen und Glaubwürdigkeit in Verträge, Verbindungen und Versprechen im Geschäft Profifußball erneut gelitten haben, stimmt dabei vor allem Idealisten traurig. Es ist aber nicht ausschließlich ein Gladbacher Phänomen, sondern eines in der ganzen Szene. Und es ist auch nicht neu.

Dicke Kumpel: Max Eberl (links) und Leipzigs Coach Marco Rose. Folgt der Manager seinem Ex-Trainer nach Sachsen?
Dicke Kumpel: Max Eberl (links) und Leipzigs Coach Marco Rose. Folgt der Manager seinem Ex-Trainer nach Sachsen?
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