Tennis RHEINPFALZ Plus Artikel Der Absturz des Boris Becker: Wie auf den Triumph die Tragödie folgte

Lange sah es so aus, als ob Becker seine gravierenden finanziellen und privaten Probleme einfach so weglächeln könnte. Er überna
Lange sah es so aus, als ob Becker seine gravierenden finanziellen und privaten Probleme einfach so weglächeln könnte. Er übernahm die Rolle des Coolen. Damit ist’s nun vorbei. Denn die entscheidende Frage lautet: Freiheit oder Gefängnis.

Das Drama um Boris Beckers Insolvenzverfahren hat ein vorläufiges Ende: Schuldspruch in London. Mal wieder stand der einst jüngste Wimbledon-Sieger im Rampenlicht. Seine jahrzehntelange Suche nach einem erfolgreichen Leben als Ex-Sportler und Privatier ist kläglich gescheitert. Was ist bloß schief gelaufen?

Es ist schon eine kleine Ewigkeit her, da zog Boris Becker an einem schönen Frühlingsabend in Monte Carlo eine bizarre Bilanz der Scheidungsschlacht mit seiner ersten Frau Barbara. Becker stand damals mit dem früheren Tennis-Bundestrainer Klaus Hofsäss in der Nobelherberge „Hotel de Paris“ zusammen, es ging am Rande der Sportlergala „Laureus Awards“ um die dauernden Schlagzeilen. Aber Becker schien nicht wirklich böse drum, schnell machte er seine ganz eigene Rechnung auf: „Die Bild-Zeitung hatte mich 48 Mal auf der Titelseite – sensationell, oder?“ Und dann fügte er noch hinzu, nicht ohne Stolz: „Denen hab’ ich die Auflage in die Höhe geschossen.“ Als Becker weggegangen war, wirkte Hofsäss für ein paar Augenblicke angemessen ratlos, folgerte aber: „Er ist eben anders als der Rest der Menschheit. Vielleicht muss das auch so sein bei jemandem mit seiner Biographie“, so Hofsäss, „Boris ist halt immer gerne im Gespräch.“

Die Aufmerksamkeit, die Becker in den letzten Tagen und Wochen galt, hätte sich der 54-jährige Held vergangener Centre-Court-Zeiten allerdings sehr sicher sehr gern erspart. Vor dem Southwark Court in London ging es um Freiheit oder Gefängnis für den sechsmaligen Grand Slam-Champion, dem die Staatsanwaltschaft nicht weniger als 24 Anklagepunkte rund um sein aufsehenerregendes Insolvenzverfahren zur Last legte. Am Freitag folgte der Schuldspruch; das Strafmaß ist noch nicht verhängt. Es war wieder einmal großes Drama um und mit Boris Becker.

In London steht alles auf dem Spiel

Drama ist kein besonderer Zustand bei ihm, schon gar kein Ausnahmezustand. Eher Normalfall. Beckers Leben ist ein einziges Drama gewesen und zuverlässig geblieben, es war auch ein Teil der Faszination, die von ihm ausging. Doch nie stand so viel auf dem Spiel für Becker, einen der noch immer bekanntesten Deutschen. Und einen der bekanntesten Deutschen dort, wo Gericht über ihn gehalten wurde: in London, seinem Lebensmittelpunkt schon seit vielen Jahren.

Lange Zeit war es so, dass Becker seine gravierenden finanziellen und auch privaten Probleme souverän weglächelte oder verdrängte. Er tat meist so, als gäbe es keine Schwierigkeiten in seinem Leben, als könnten ihm gewisse Schicksalsschläge wenig bis gar nichts anhaben. Ob er dabei nur die Rolle des Coolen oder Abgebrühten spielte, ob das nur Fassade war oder ob ihn das im Inneren doch berührte, wusste man nie so genau – schließlich hatte Becker ja schon so viele Höhen und Tiefen durchmessen, dass sogar eine gewisse Abstumpfung möglich war. Doch nun, im März 2022, konnte der Angeklagte Becker nichts mehr vertuschen oder überspielen. Und seine Erscheinung passte zu seiner Lage: Er wirkte angegriffen, angespannt, nervös. Er stand vor aller Öffentlichkeit buchstäblich nackt da, wie der Kaiser ohne Kleider.

Einen cleveren Dealer als Partner

Becker hätte eigentlich sorglos durchs Leben gehen können, nachdem er am 7. Juli 1985 den deutschen Tennis-Urknall stürmisch und leidenschaftlich in Szene gesetzt hatte. Als jüngster Wimbledonsieger aller Zeiten war er mit 17 Jahren schlagartig nicht nur ein Superstar. Sondern auch eine Weltmarke, der damals begehrteste Partner für Sponsoren von Deutscher Bank über BASF und Puma bis zu Mercedes. In jener Zeit hatte Becker noch einen der cleversten Dealer in der Tennis- und Sportindustrie an seiner Seite, den Rumänen Ion Tiriac, der dem Rasenkönig großartige Verträge verschaffte und nebenher noch Lebensberatung betrieb.

Jener Tiriac ist heute einer der reichsten Bürger seines Heimatlandes Rumänien. Sein gewaltiges Firmenkonglomerat hat Milliardenwert, gerade hat er als Lizenzbesitzer ein Tennisturnier in Madrid für 400 bis 500 Millionen Dollar an den Rechtevermarkter IMG verkaufen lassen. Und Becker? Ihn kann man heutzutage in Werbespots eines deutschen Vergleichsportals beobachten, in denen er schal über Kreditvergaben spricht. So richtig verfangen will die Witzelei auf eigene Kosten aber nicht.

„Hoffnungslos mit Geld“

Was also ist bloß schief gelaufen bei Becker? Tiriac kann kaum glauben, wohin der Weg des Champions führte, des Mannes, der sechs Major-Titel holte, fast im Alleingang für Deutschland den Davis Cup gewann und die Nation mit seinen Centre-Court-Abenteuern fesselte: „Er hätte zu einem der reichsten Sportler werden können, ja müssen“, sagt der Impresario, „aber er hat nicht mehr auf die Leute gehört, die das Richtige für ihn wollten.“ Und tatsächlich: Becker hatte in seiner Karriere nur zwei Berater von Format, die ihm kompetent zur Seite standen – eben Tiriac und später noch den (inzwischen verstorbenen) Münchner Anwalt Axel Meyer-Wölden.

Vor Gericht in London hatte Beckers Verteidigungstruppe in den letzten Wochen eine simple Strategie entwickelt: Der sechsmalige Grand Slam-Champion sei während und nach seiner Karriere in Finanzfragen gewissermaßen unmündig gewesen, sein Anwalt Jonathan Laidlaw präsentierte im Schlussplädoyer den einprägsamen, für die Medien gedachten Satz, der alte Champion sei „hoffnungslos mit Geld“. Becker habe über sein Vermögen, seine Konten, die Gegenstände im Insolvenzverfahren praktisch nichts Genaues gewusst – deshalb sei beispielsweise auch der Verbleib einer Replika seines ersten Wimbledon-Pokals ungeklärt. Ganz egal, ob diese Beschreibung des Naiven und Unwissenden stimmte oder als Köder für die Geschworenen ausgelegt war – eines jedenfalls blieb offensichtlich: Mit seinem letzten Tag als Tennisspieler im Sommer 1999, der Achtelfinal-Niederlage gegen den Australier Pat Rafter in Wimbledon, endete für Becker eine Zeit der klaren Verhältnisse, Ziele und Pläne.

Erste Projekte scheitern krachend

Im Wanderzirkus der Profis war anderthalb Jahrzehnte noch alles einigermaßen transparent für Becker. Es ging um Sieg und Niederlage auf dem Platz, seine beruflichen, geschäftlichen Einsatzorte waren festgelegt genau so wie die Prioritäten.

Als Privatier wollte Becker sich von seinem vorherigen Leben emanzipieren und „anerkannt werden als jemand, der mehr als nur Tennis kann“. Im Big Business glaubte Becker zu reüssieren, als spielten sich die Dinge noch immer wie auf dem Centre-Court ab: „Du sitzt in einer Verhandlung, hörst zu. Gehst in den Tiebreak und machst irgendwann die Big Points.“ Doch die wichtigen Punkte machte er eigentlich nie, eines seiner ersten Projekte, das Internetportal „Sportgate“, scheiterte krachend.

Schon 2003 bekam Beckers Image einen heftigen Kratzer ab, als es in München wegen Steuerhinterziehung „Die Bundesrepublik Deutschland gegen Boris Franz Becker“ hieß. Die jahrelangen Auseinandersetzungen mit den Finanzbehörden fanden ein glimpfliches Ende für den einstigen Weltranglisten-Ersten, er kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Kurios genug, dass er das relativ milde Urteil den Hinterzimmer-Verhandlungen eines gewissen Hans-Dieter Cleven zu verdanken hatte, dem früheren Generaldirektor der Schweizer Metro-Holding und Vermögensverwalter der milliardenschweren Beisheim-Gruppe. Cleven ist inzwischen jener Mann, der als größter Gläubiger im Insolvenzverfahren gegen Becker auftritt. Seine Forderungen beliefen sich auf bis zu 35 Millionen Euro.

Hellsichtige Analysen im TV

Im Prinzip verfestigte sich über die gut 20 Jahre von Beckers Leben nach den Centre-Court-Duellen ein Befund: Je weiter sich der alte Meister von seinem eigentlichen Metier, dem Tennissport, entfernte als Unternehmer oder Geschäftspartner, umso schwieriger wurde es für ihn. Blieb er auf dem Terrain, in dem er einst der Beste des Planeten war, feierte er auch später noch Erfolge. Als TV-Kommentator war Becker weltweit im Einsatz – und stets ein Gewinn mit hellsichtigen Analysen und tiefen Einblicken. Auch ein Engagement beim Weltranglisten-Spitzenreiter Novak Djokovic war ein Volltreffer, niemals war der eigensinnige Serbe so stabil und erfolgreich wie in der Ära der Partnerschaft mit Becker. Und selbst eine Rückkehr zum Deutschen Tennis Bund, als Teamchef der Männer, blieb als Pluspunkt in Beckers Arbeitszeugnis stehen – obwohl er wegen Operationen am Sprunggelenk und an der Hüfte selbst kaum noch einen Ball schlagen kann.

Beckers Leben als Tennis-Ruheständler war aufwendig, er lebte es auf großem Fuß weiter, als kassiere er haufenweise Geld aus Turniersiegen oder Sponsorenengagements. Als Profi hatte Becker rund 25 Millionen Dollar verdient, mindestens 100 Millionen Dollar an Sponsorengeld kam hinzu. Wie viel Antritts- und Handgeld er kassierte, blieb stets ein Geheimnis. Doch die heftigen Turbulenzen in seinem Privatleben führten dazu, dass sein Vermögen wie Eis in der Sonne schmolz. Dabei häuften sich vor allem die Verbindlichkeiten an seine früheren Gemahlinnen Barbara und Lilly, der Unterhalt für die Kinder – darunter ein zweistelliger Millionenbetrag für seine uneheliche Tochter Anna.

Der Lieblingsdeutsche der Briten

Wer ihm in dieser ganzen Bredouille half, war oft unklar. Berater kamen und gingen, sein aktueller Rechtsbeistand Laidlaw erklärte im Gerichtssaal unumwunden, keiner der ehemaligen Partner sei eine Hilfe gewesen. Wobei das auch und besonders auf jene Wochen zutraf, die der Eröffnung des Insolvenzverfahrens 2017 folgten. Da hatte das „Team Becker“ die seltsame Idee, Becker solle die drohende Zwangsvollstreckung mit diplomatischer Immunität abwenden – sein Pass als Sonderattaché für Sport und kulturelle Angelegenheiten der Zentralafrikanischen Republik stellte sich als Luftnummer heraus.

Dass es ausgerechnet in London zum Prozess gegen Becker kam, wirkte ein wenig paradox. Denn in Britanniens Kapitale hatte er sich tatsächlich zuhause und akzeptiert gefühlt, „so wie ich bin“. Und nicht so, wie er eben nach seinem Gefühl in Deutschland sein sollte: „Da sehen mich die Leute immer noch als 17-jährigen Burschen, der gerade Wimbledon gewonnen hat.“ Die Briten kannten Becker als TV-Gast in ihren Wohnzimmern, er war ihr Lieblingsdeutscher. Dass er daheim in Schwierigkeiten steckte und schon mal fragwürdige TV-Auftritte hatte – mit Fliegenklatsche auf dem Kopf –, blieb ihnen verborgen. Umso erstaunter waren viele auf der Insel, als ihnen Beckers Verfehlungskatalog im Insolvenzverfahren und jetzt vor dem Crown Court von der Staatsanwaltschaft aufgeblättert wurde.

„Ich bin nicht zum Grüß-August geboren“

Im Gerichtssaal nun saß er verkrampft während des Verfahrens da, an der Seite seiner neuen Lebensgefährtin Lilian de Carvalho Monteiro. „Ich habe vieles probiert, vieles hat auch geklappt, anderes nicht. Wem geht das nicht so?“, hatte Becker vor ein paar Jahren einmal leichthin seinen Kritikern gesagt, „nur wird das bei Becker gleich zum Drama gemacht, zum Scheitern überhaupt. Bei mir geht es nur um Triumph und Tragödie“. Damals fügte er noch hinzu: „Ich bereue nichts. Denn was wäre die Alternative gewesen. Ab 32 Jahren und dem Karriereende nur noch die Legende sein? Ich bin nicht zum Grüß-August geboren.“ Zum Mann, der vernünftig und vorausschauend mit seinem Geld umgehen kann, offenbar aber auch nicht.

Tiriac übrigens, der ehemalige Wegbegleiter, hatte Boris Becker schon vor Jahren Hilfe angeboten und ihm einen Rettungsanker zugeworfen: „Wenn er zehn Millionen für ein Ziel braucht, dann werde ich sie ihm geben.“

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