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Als „Sacré Rudi“ auf dem Nürburgring Weltmeister wurde
54 Jahre ist es her, dass Rudi Altig auf dem Nürburgring gewann. Am 28. August 1966. Ausgerechnet vor Frankreichs ewigen Duellanten Jacques Anquetil und Raymond Poulidor. Ein Kabinettstückchen. Ein Heimsieg vor über 100.000 Zuschauern. Da war was los! Der Mannheimer, damals 29, konnte den Deutschen also doch noch einen WM-Titel schenken, genau vier Wochen nach dem Wembley-Tor und dem bitteren 2:4 gegen England.
Altig wohnte seit drei Jahren in Eikamp bei Köln, nur 100 Kilometer Luftlinie vom Nürburgring entfernt, wohin er zwei Tage vor dem Rennen die Ehepaare Anquetil und Stablinski eingeladen hatte. Kurzer Empfang am Morgen, dann fuhren die drei Radprofis, alte Freunde eben, zu einem Italiener nach Köln, um eine Kleinigkeit zu essen, und weiter auf dem Rad in Richtung Ring. Die beiden Franzosen – Stablinski holte 1962 den WM-Titel – waren über Jahre hinweg Teamgefährten, auch Rudi und sein Bruder Willi fuhren von 1962 bis 1964 in deren Team St. Raphael.
Der Nürburgring, auf dem Alfred Binda schon 1927 Weltmeister war, beeindruckte die Franzosen nachhaltig. Brünnchen, Hohe Acht, Fuchsröhre, Karussell, Pflanzgarten, all diese klangvollen Namen auf 22,81 hügeligen Kilometern. Die Ehrfurcht war groß: Zwölf Runden werden am Sonntag zu fahren sein, 273,72 Kilometer – und die 17 Prozent Steigung am Brünnchen. Stablinski ist einer der Favoriten ...
Der Haferschleim liegt schwer im Magen
Dann kommt der Tag. Start ist um 9.30 Uhr. Nebel hängt über der Strecke, es ist kalt. Drei gemütliche Runden am Anfang. Altig hatte ein nicht zu scharf gewürztes Filetsteak gegessen, viel Reis ohne Curry, einen Teller Haferschleim, dazu eine Tasse Milchkaffee. In den Trikottaschen stecken Bananen. Der Haferschleim liegt wie ein Stein im Magen. Doch nicht lange. Altig fährt an den Streckenrand, steckt den Finger in den Hals und holt das Frühstück wieder raus. Er tut das noch zweimal.
Altig bleibt an diesem Tag im Hauptfeld. Ungewöhnlich für ihn. In der zehnten Runde stehlen sich Gimondi und Jiminez davon, in der vorletzten liegen mit ihnen Anquetil, Zilioli, Poulidor, van den Bossche, Merckx und Motta vorne. Altig in einer zehnköpfigen Gruppe dahinter. Als er zum letzten Male an den Start- und Ziel-Tribünen vorbeifährt, schlagen ihm gellende Pfiffe entgegen. Er kocht innerlich vor Wut. Lucien Aimar, seit vier Wochen der Tour-Sieger, und Altig jagen die Spitzengruppe, der Deutsche fährt wie ein Berserker.
Ein Muskelkrampf kurz vorm Ziel
Sieben Kilometer vor dem Ende überholen sie die zurückgefallenen Gimondi und Merckx, dann verliert auch Stablinski an Boden. Als Altig an Anquetil dran ist, tauschen sie abschätzende Blicke aus. Der Franzose will in seinem elften WM-Rennen endlich den Titel, Altig die Schmach von 1965 wiedergutmachen, als Simpson ihn auf den letzten 100 Metern geschlagen hatte. Drei Kilometer vor dem Ziel ein Muskelkrampf im linken Bein, in dessen Oberschenkel seit 15 Monaten drei Schrauben stecken, seit einem Sturz in Palencia. Er massiert und schüttelt den Muskel, fährt drei Attacken, bei der vierten kommt er weg. 10, 20, 30 Meter Vorsprung, Anquetil, rechts hinter ihm, ist geschlagen. Und Altig Weltmeister!
Die meisten Zeitungen loben ihn, manche werfen ihm vor, er habe in seinem Haus bei französischem Rotwein (damals schon?) den Titel mit Anquetil und Stablinski ausgehandelt. Anquetil erscheint nicht zur Siegerehrung. „Mein Kamerad und alter Rivale“, sagt Altig bedauernd. Er soll vom Fernsehen aufgehalten worden sein, heißt es. Wahrscheinlich ist es aber der Frust, der ihn stoppt.
Ins Wasser gefallene Dopingkontrolle
Altig fährt die Ehrenrunde und legt sich gleich im Hotel Nürburgring in die Badewanne. Bis jemand an der Tür klopft: „... zur Dopingkontrolle!“ Er geht noch zum Continentalturm, zur Kontrolle, kann aber kein Wasser lassen. Die Ärzte haben Verständnis. Am Ende stellt sich heraus, dass keiner der ersten Sechs bei der Kontrolle war. Es gibt für alle eine zweimonatige Sperre, die dann wieder aufgehoben wird.
Ja, so war das damals. „Ich werde niemals zu Dopingmitteln greifen. Wenn ich einmal merken werde, es geht nicht mehr, dann steige ich von alleine vom Rad und hänge es an den berühmten Nagel“, schreibt Altig 1967 in seiner Biografie.
„Sacré Rudi“ war sein Spitzname in Frankreich – der heilige Rudi. Manchmal und sehr viel später wurde er auch die „rollende Apotheke“ genannt. So oder so, Rudi Altig, von dem der schöne Satz stammt: „Der Rennfahrer muss seinen Hintern mehr pflegen als sein Gesicht“, ist eine Legende – als letzter Deutscher, der das so genannte Regenbogentrikot eines Straßenradweltmeisters überstreifte.
Den 50. Jahrestag seines Triumphes konnte Altig nicht mehr erleben, er starb zwei Monate davor in Sinzig im Alter von 79 Jahren. Und über einen deutschen Nachfolger auf dem WM-Thron durfte er sich auch nicht mehr freuen.
Die Goldenen Speichen