Sport Überwältigt von der Wucht des Moments

Im Taumel: Russlands Nationalelf feiert den Einzug ins Viertelfinale.
Im Taumel: Russlands Nationalelf feiert den Einzug ins Viertelfinale.

«Moskau.»Die Sensation ist perfekt: Der krasse Außenseiter Russland bezwingt Spanien im WM-Achtelfinale nach Elfmeterschießen 5:4 und fängt an zu träumen. Nach regulärer Spielzeit und Verlängerung stand es 1:1.

Stanislaw Tschertschessow konnte die Freudentränen nicht mehr zurückhalten. Überwältigt von der Wucht des Augenblicks stammelte der Trainer der „Sbornaja“ wenige Worte ins Mikrofon, während die Tribünen des Luschniki-Stadions bebten. „Wir haben zwei Jahre hart für diesen Moment gearbeitet und heute einen großartigen Job gemacht“, sagte Tschertschessow nach dem Elfmeterkrimi gegen den am Ende tief gefallenen Titelfavoriten Spanien. „Das ist eine fantastische WM. Nicht nur unsere Fans, sondern alle Zuschauer spüren diese Atmosphäre“, sagte Igor Akinfejew, der mit seinen Paraden gegen Koke und Iago Aspas zum Volkshelden aufstieg: „Die Fans sehen jetzt, dass wir Russen genau wissen, wie man Fußball spielt.“ Und: „Das ist eine völlige Leere – vor Freude“, bekannte der Torhüter. „Es ist einer der schwierigsten Augenblicke in meinem Leben“, sagte Spaniens Kapitän Sergio Ramos, Trainer Fernando Hierro beklagte das „fehlende Glück“. Und doch hatte der Weltmeister von 2010 sich das Aus selbst zuzuschreiben: In der Lotterie des Elfmeterschießens endete eine WM, die schon mit dem Theater und der Entlassung von Trainer Julen Lopetegui unwürdig begonnen hatte. Die Hausherren, als Weltranglisten-70. und nominell schwächste Mannschaft ins Turnier gestartet, träumen weiter. Ein erstes „kleines Wunder“ (Artem Dschjuba) haben die Russen bereits vollbracht. Dschjuba (41.) hatte mit seinem dritten Turniertreffer per Handelfmeter das Eigentor von Alexander Ignaschewitsch (12.) ausgeglichen. „Im Laufe der zweiten Halbzeit haben wir versucht, unser Tor zu verteidigen und auf das Elfmeterschießen gehofft“, sagte Akinfejew. Das gelang unter gütiger Mithilfe der behäbigen Spanier, die mit ihrem Standfußball an die leblosen Auftritte der deutschen Weltmeister erinnerten. König Felipe VI., extra aus Madrid angereist, wunderte sich über die Fehler in der Abwehr und die schwache Offensive. Wo war das weltweit gefürchtete Tiki-Taka, wo war Stürmer Diego Costa, der bis zum Achtelfinale drei Turniertore erzielt hatte? Stattdessen sah der Monarch trostloses Ballgeschiebe, das auch nach der Einwechslung des Routiniers Andres Iniesta kaum besser wurde. „Es war sehr schwer gegen diese abwehrstarke russische Mannschaft“, sagte Hierro, dessen Zukunft offen ist. Auch wenn die Russen wieder einmal etliche Kilometer mehr als ihre Gegner zurücklegten, zeigten sie kaum große Fußballkunst. Den Mut verlor der Außenseiter nie, auch das 0:3 im letzten Gruppenspiel gegen Uruguay hatte keine Spuren hinterlassen. Selbst das Missgeschick von Ignaschewitsch (38), der bei einem Ringkampf mit Ramos den Ball ins eigene Tor lenkte und den zweifelhaften Ruhm des ältesten Eigentorschützen einer WM erntete, warf die Russen nicht aus der Bahn. Die Spanier setzten eine Serie fort: Gegen den Gastgeber eines Turniers hat die „Furia Roja“ noch nie gewonnen. Andres Iniesta beendet nun seine Karriere in der Nationalelf. 2008 und 2012 wurde er mit Spanien Europameister, 2010 Weltmeister. Kommentar So spielten sie Spanien: de Gea - Nacho (70. Carvajal), Piqué, Sergio Ramos, Jordi Alba - Koke, Busquets - Asensio (104. Rodrigo), David Silva (67. Iniesta), Isco - Diego Costa (80. Aspas) Russland: Akinfejew - Fernandes, Ignaschewitsch, Kutepow, Kudriaschow - Schirkow (46. Granat), Samedow (61. Tscheryschew), Sobnin, Kusjajew (97. Jerochin), Golowin - Dsjuba (65. Smolow) Tore: 1:0 Ignaschewitsch (12., Eigentor), 1:1 Dsjuba (41., Handelfmeter) - Elfmeterschießen: 1:0 Iniesta, 1:1 Smolow, 2:1 Piqué, 2:2 Ignaschewitsch, Akinfejew hält von Koke, 2:3 Golowin, 3:3 Sergio Ramos, 3:4 Tscheryschew, Akinfejew hält von Aspas - Gelbe Karten: Piqué - Kutepow, Sobnin - Beste Spieler: Jordi Alba, Isco - Golowin, Dsjuba - Zuschauer: 78.011 (ausverkauft) - Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande).

Hielt und hielt: Torwart Igor Akinfejew.
Hielt und hielt: Torwart Igor Akinfejew.
Abgestürzt: Andres Iniesta und Spanien.
Abgestürzt: Andres Iniesta und Spanien.
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