Fankultur RHEINPFALZ Plus Artikel „Ein absurdes Schauspiel“

Wem gehört der Fußball? Dieser Anhänger ist sich sicher: den Fans. Investoren, Scheichs und manche Funktionäre sehen das anders.
Wem gehört der Fußball? Dieser Anhänger ist sich sicher: den Fans. Investoren, Scheichs und manche Funktionäre sehen das anders.

Der Super-League-Gau hat Europas Fußballbühne erschüttert. Mitgründer fielen nach Protesten um wie Dominosteinchen, das Milliardenprojekt scheiterte. Der Fanforscher Harald Lange über die Macht der Basis, die Schäbigkeit der Funktionäre – und die Frage aller Fragen: Wem gehört der Fußball?

Herr Lange, Sie beschäftigen sich seit zehn Jahren mit Fankultur im Fußball. Hat Sie das Super-League-Desaster samt der Fan-Proteste überrascht?
Ich kann mich nicht erinnern, je ein Chaos in diesem Ausmaß erlebt zu haben. Ich bin beeindruckt, irritiert, überrumpelt. Man kann noch gar nicht richtig fassen, was da innerhalb weniger Tage passiert ist. Es wird auch noch eine Weile dauern, bis das richtig aufgearbeitet ist.

Es war der Super-League-Gau und eine Bankrotterklärung der Uefa als Institution. Aus ihrem Kreis sind zwölf wirtschaftsstarke Bosse herausgetreten, haben sie links überholt und eiskalt ins Abseits gestellt. Ein absurdes Schauspiel ...

... das in seiner Brisanz und Dimension so nicht zu erwarten war, oder?
Wir hatten uns ja alle auf die Debatte um die irre Champions-League-Reform vorbereitet, diese Zirkusveranstaltung, die die Prinzipien des Sports verraten hat. Bis vergangenen Sonntagabend waren diese Erneuerung und diejenigen, die sie durchpeitschen wollten, das Böse. Denn mit der Reform wurden Werte des Sports verraten. Zum Beispiel hebelt sie das Qualifikationsprinzip aus, indem Mannschaften mit einer Art Wild Card in den Wettbewerb dürfen. Diese Reform wurde nun so nebenbei als Segen durchgewunken.

War die Super League nur ein Ablenkungsmanöver?
Nein, dafür war es zu authentisch und zu ehrlich von den zwölf Klubs rübergebracht. Sie sind angetreten, vom Fußball so ein richtig großes Filetstück rauszuschneiden, um damit ordentlich Kasse zu machen. Das Ganze haben sie so überzeugend gemacht, dass die Verantwortlichen von Fifa bis in die nationalen Verbände hinein panische Angst bekamen und drakonische Maßnahmen androhten, wie wir sie nicht kannten.

Wer ist denn nun „der Gute“ und wer „der Böse“ im Weltfußball?
Das Spannende ist, dass nachdem ein neuer Feind auf den Plan getreten ist, nämlich die Initiatoren der Super League, plötzlich die Werte des Fußballs in aller Munde sind. Und zwar nicht nur bei Fans, in den Medien und bei der kritischen Bevölkerung, sondern plötzlich auch bei DFB, Uefa und verschiedenen Klubpräsidenten. Groteskerweise argumentieren sie mit den Ansichten der Fanbasis, die sie sonst nie erhört haben.

Woher kommt das? Angst?
Da gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Erstens: Die Funktionsträger haben tatsächlich Sorge um die Werte ihres Sports. Aber wenn wir uns die Debatten der letzten Jahre anschauen, dann klingt das nicht glaubwürdig, sondern scheinheilig. Zweitens: Ein Motiv, das wir aus dem Sandkasten kennen: Wenn ein Kind dem anderen ein Förmchen klauen will, dann gibt’s Ärger. Wer lässt sich schon gern etwas wegnehmen?

Spätestens Montag war klar, wo die Guten, und wo die Bösen sitzen. Wer für die Werte im Sport einsteht und wer nicht. Die Funktionäre, die zwar gegen die Super League opportunierten, taten das nur, weil ihnen ansonsten in ihrem eigenen System etwas wegbrechen würde. Gegen das Milliardenprojekt Super League wäre die Champions League nur ein langweiliger, billiger Abklatsch gewesen.

Was lernen wir aus den Ereignissen?
Kein Geld der Welt kann diese Schäbigkeit ausgleichen, es gibt Grenzen, sogar im Fußball. Der Grad der Ablehnung durch die Fans war enorm. Sie sind diejenigen, die das moralische und ethische Gewissen des Fußballs verkörpern. Nun müssen wir klären: Was sind uns die Werte des Sports und Werte von Unterhaltung wert? Welchen Fußball wollen wir? Und zwar nicht als Sonntagsreden – so wie die Bekundungen mancher Funktionäre in den letzten Tagen, sondern ernsthaft.

Ein Gespür dafür ist an der Fanbasis vorhanden. Es ist aber erschreckend, dass in den Chefetagen des nationalen und internationalen Fußballs offensichtlich noch nicht einmal Spurenelemente davon zu finden sind. Sie haben ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt – und verloren.

Aber kann man die Debatte, in einem Geschäft, in dem es nur noch ums Geld geht, überhaupt noch ernsthaft führen? Ist das Kind nicht längst in den Brunnen gefallen?
Man muss es immer wieder versuchen – und man wird immer wieder scheitern. Das ist die Erfahrung der letzten zehn Jahre.

Dennoch: Es könnte einen Paradigmenwechsel geben. Jetzt hat man das System mal illegal überholt und Grundsatzfragen gestellt, die man zuvor nur theoretisch kannte. Zum Beispiel: Ist es wirklich so, dass Uefa, Fifa, DFB das Monopol auf den Wirtschaftsfaktor Fußball haben?

Wer sollte es sonst haben?
Das wäre die nächste Frage. A: Noch mächtigere Wirtschaftsbosse wie die zwölf Klubchefs plus amerikanische Investmentbanken oder Investoren. Oder B: Doch die Basis. Diejenigen, die sich den Fußball anschauen, die ihn spielen, die ihre Kinder hinbringen, die sie ausbilden.

Die deutschen Vereine hielten sich kurioser - oder klugerweise raus ...
Bayern und Dortmund wirkten für mich in dieser Sache authentisch. Was für die beiden Klubs spricht: Sie haben sich schon ganz am Anfang sehr deutlich gegen die Super League positioniert. Jetzt, mit ein paar Tagen Abstand, fällt das leicht.

Dass die Deutschen so strikt dagegen waren, ist heilsam und ein gutes Zeichen für die Bundesliga, ein Silberstreif am Horizont. Es ist noch nicht alles verloren. Aber beide wussten um die meinungsstarke Fankultur hierzulande. In England ist der Fußball ganz anders organisiert, ohne 50plus1-Regel. Dort sind Investoren die Besitzer und handeln nach Gutsherren-Gedünken.

Und in Deutschland?
Da ist Fußball ein Kulturgut. Man muss jetzt über die Scheinheiligkeit sprechen, muss die Leute mit ihren Statements in die Pflicht nehmen, sie an ihren Worten messen, jedes Zitat einordnen, Rückschlüsse ziehen und auch andere Probleme in den Blick nehmen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Und die Fanorganisatoren brauchen ein Mitspracherecht in den obersten Entscheidungsgremien, denn sie sind die Basis, auf dem das ganze Fundament steht.

Wir müssen Fragen klären wie: Welche Funktion hat der Fußball in der Gesellschaft, welchen will sie. Wo liegen Chancen? Risiken? Fallstricke?

Wie und wo soll die Debatte um das Produkt Fußball geführt werden?
Wenn die Kneipen wieder offen sind, dann dort, mitten in der Gesellschaft. Wenn Fans wieder in die Arenen dürfen, dann auch dort. Auf der Straße, in sozialen Netzwerken. Die Politik kann sich engagieren. Medien begleiten mittlerweile sehr differenziert und kritisch, was in den vergangenen Jahren passierte. Aber es kann und muss vielleicht auch Arbeitsgruppen geben, Initiativen unter neutraler Führung. Nicht so etwas wie die „Task Force Profifußball“ der DFL zuletzt. Das war nur ein Feigenblatt, ein Marketing-Gag, nicht unabhängig.

War das Scheitern der Super League also ein Sieg der Anhänger?
Ja, das waren die vergangenen Tage. Die Fankultur hat europaweit Konturen bekommen. Nun ist auch der breiten Öffentlichkeit klar, dass wenn es eine Instanz gibt, die für Werte im Sport einsteht, dann sind es Kreise der Fankultur. Und nicht diejenigen, die den Fußball verwalten. Die sind eher das Problem, zum Beispiel wenn es um Ethik und Moral geht. Das wird noch lange nachwirken.

Ist die Super League nun vom Tisch?
Das lässt sich schwer sagen. Wir wissen jetzt, dass so etwas prinzipiell möglich ist. Durch die Champions-League-Reform haben wir bereits eine Super League light. Und das Ende der Fahnenstange scheint noch nicht erreicht. Es gibt immer neue Wettbewerbe, Zusatzveranstaltungen, Ausweitungen. Der Fußball wird mit Terminen aufgepumpt, aufgepumpt, aufgepumpt, dann überholt einer – und alle Pumper erschrecken. Das muss enttarnt werden. Weil es dabei nur um Gewinnmaximierung geht. Wir müssen analysieren, wer hat eigentlich was gesagt, angedroht, gefordert – und aus welchen Gründen.

Protest der Basis in England.
Protest der Basis in England.
Laut und deutlich: Fußballfans gingen diese Woche gegen die Pläne der Super League auf die Straße,
Laut und deutlich: Fußballfans gingen diese Woche gegen die Pläne der Super League auf die Straße,
 Harald Lange, Jahrgang 1968, ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg, Gründer des Instituts f
Harald Lange, Jahrgang 1968, ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg, Gründer des Instituts für Fankultur e.V. und Dozent an der Trainerakademie des DOSB.
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