Beweger RHEINPFALZ Plus Artikel Wie die Klimaanlage in die Welt kam

Coole Kiste.
Coole Kiste.

Erfunden hat die Kältemaschine der Amerikaner Willis Carrier. Allerdings nicht als Mittel gegen das Schwitzen für jedermann.

Im Juli 1902 ist es brütend heiß und schwül in den Straßenschluchten von New York City. Die Druckerei Sackett &Wilhelms im Stadtteil Brooklyn muss die Maschinen stoppen, denn Hitze und Luftfeuchtigkeit machen die Produktion ihrer hochwertigen Farbdrucke unmöglich. Das Papier verzieht sich, die Konturen verwischen, die Techniker quälen sich mit Fehldrucken.

In der Not fragt die Firma bei einem Spezialisten für Heizlüfter, der Buffalo Forge Company, an. Ob man dort eine Lösung gegen die hohe Luftfeuchtigkeit habe?

Buffalo Forge schickt einen blutjungen Ingenieur namens Willis Haviland Carrier. Der 25-Jährige hat erst im Jahr zuvor an der New Yorker Cornell University sein Diplom in Maschinenbau erworben. Aber er gilt als vielversprechender Tüftler, im Unternehmen entwickelt er Heizungsanlagen. Und zwar so erfolgreich, dass er rasch zum Chef seiner Abteilung aufgestiegen ist.

Vom Nebel inspiriert

Bei seinem Besuch erinnert sich Carrier an einen Aufenthalt auf dem Hauptbahnhof von Pittsburgh, wo er durch den feuchten, winterlichen Nebel starrte. Was wäre, fragt er sich, wenn man die Feuchtigkeit in der Luft mit einer Maschine regulieren könnte? Carriers Grundgedanke: Je wärmer die Luft ist, desto mehr Feuchtigkeit kann sie aufnehmen.

Also sucht er nach einer Möglichkeit, die Luft abzukühlen. Er setzt auf das Prinzip der Wasserverdunstung. Um verdunsten zu können, benötigt Wasser Wärme. Zieht es die Wärme aus der Luft, kühlt die ab.

Ganz neu ist diese Idee nicht. Schon im alten Ägypten sorgten Wasserrohre, die um die Häuser herum verlegt wurden, für Kühlung. Im Innern tränkten die Bewohner an heißen Tagen Matratzen, Möbel oder Tonkrüge in Wasser und ließen sie trocknen. Der dabei entstandene Wasserdampf half, die Behausung zu kühlen.

Carrier macht sich ans Werk und baut eine normale Heizung um. Die Luft, die per Ventilator in die Rohre geblasen wird, kühlt er mithilfe von Wasser ab. So entzieht der Apparat der Luft Feuchtigkeit – und kühlt sie gleichzeitig ab. Es funktioniert. Quasi nebenbei erfindet Carrier so die moderne Klimaanlage.

Schwierigkeiten in Mathe

Weggefährten aus seiner Kindheit hätten ihm eine derart bahnbrechende Erfindung vermutlich nicht zugetraut. Geboren 1876 im Städtchen Angola im US-Bundesstaat New York, tut sich Carrier in den ersten Schuljahren schwer mit der Mathematik, vor allem mit dem Bruchrechnen.

Seine Mutter macht ihm das Ganze klar, indem sie Äpfel in unterschiedlich große Stücke zerteilt. Und der Junge begreift. Später wird er sagen, das Apfelbeispiel sei „die wichtigste Lektion seines Lebens“ gewesen, habe sie ihm doch gezeigt, wie man Probleme intelligent löst. Auch ansonsten ist die Mutter mit ihrer Begabung für Basteleien ein großes Vorbild.

Seine Technik meldet Carrier schließlich 1906 als „Apparat zur Behandlung von Luft“ zum Patent unter der Nummer 808897 an. Da das Hauptaugenmerk auf der Regulierung der Luftfeuchtigkeit liegt, wird das Gerät in den USA nicht als Kühlmaschine betrachtet, sondern als Klimaanlage, als „Air Conditioner“, kurz „A/C“. Carrier bekommt bald den Spitznamen „Father of Cool“.

Der Father of Cool

Er optimiert seine Klimaanlagen weiter, bis Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den Räumen nach Wunsch und sehr präzise gesteuert werden können. Sein Ruf reicht bald über die USA hinaus.

1915 gründet der Erfinder zusammen mit sechs Kollegen und einem Startkapital von 35.000 US-Dollar die Carrier Engineering Corporation und wird damit selbstständiger Unternehmer. Viel Kapital ist das nicht, aber die Truppe ist kompetent und erfolgshungrig. Ab 1917, während der US-Kongress noch über die Einführung des Wahlrechts für Frauen streitet, kommt Margaret Ingels, die erste amerikanische Ingenieurin für Klimatechnik, dazu.

Mit ihrer Hilfe erweitert Carrier die Produktpalette und baut ein internationales Netzwerk an Händlern, Vertriebspartnern und Kunden auf. Der Erfolg früher Installationen in Europa und Asien zeigt ihm, dass Klimaanlagen über die USA hinaus gefragt sein würden. Doch der Schwerpunkt bleibt zunächst der Heimatmarkt.

1939: Packard kühlt das Auto

Dort entdecken nach und nach immer mehr Branchen das Potenzial der Klimaanlage. Ab 1920 nutzen Filmfabriken, Tabakhersteller und Fleischverarbeiter – alles Gewerbebetriebe mit temperaturempfindlicher Ware – in den heißen Monaten das Gerät.

Als Pionier erweist sich im Sommer 1924 der Betreiber des Rivoli-Kinos in New York, der im Kinosaal eine Klimaanlage einbaut. Das Publikum ist begeistert, Rivoli lockt immer mehr Besucher an, hat die Investitionskosten schnell wieder raus. Weitere Lichtspieltheater folgen, dann kommen die großen Kaufhäuser.

Und 1939 bietet Packard als erster Hersteller klimatisierte Autos an. Klimaanlagen für Privathaushalte bleiben eine teure Angelegenheit, bis sie ab den 1940ern zum Bestandteil des American Way of Life werden.

Die Südstaaten werden erträglich

Besonders die Südstaaten mit ihrem schwülheißen Klima profitieren davon. Sie haben sich wirtschaftlich noch immer nicht von den Verheerungen des Bürgerkriegs erholt und leiden über Jahrzehnte hin unter der Abwanderung von Millionen. Die zieht es in die Nordstaaten mit ihrem gemäßigten Klima und einer prosperierenden Wirtschaft.

Dann kehrt sich der Trend um, als die Klimaanlage in immer mehr Häusern, Fabrikhallen und Büros des Südens installiert wird. Der texanische Schriftsteller Frank Dobie beklagt schon 1928 die erste private Klimaanlage in seinem Staat: „Texas wird zugrunde gehen, jetzt können die Yankees auch hier leben.“

Dobie behält recht. Der „Sunbelt“ zwischen Südkalifornien und Florida entwickelt sich bis Ende des 20. Jahrhunderts zu einem dynamischen Kraftzentrum. Auch dank der Klimaanlage, die das Denken, das Arbeiten und Produzieren bei angenehmen Temperaturen ermöglicht. Die US-Küste am Golf von Mexiko, in den 1950ern noch dünn besiedelt, blüht auf. Die klassische Industrieregion im Norden rund um die großen Seen steckt dagegen in der Krise.

Die Welt von heute ist ohne Klimaanlagen nicht vorstellbar. Ohne sie gäbe es kein digitales Netz – schon die ersten großen Rechenzentren der 1980er Jahre benötigen strikt temperierte Räume ebenso wie die Server von heute. Und viele andere Produktionslinien des High-Tech-Sektors würden ohne Kühlung an heißen Tagen kollabieren wie einst die Druckerei in Brooklyn.

Die Klimatisierung macht Singapur groß

Welchen Einfluss die Klimaanlage auf die Entwicklung eines Landes nehmen kann, zeigt sich am Beispiel Singapurs. Vor wenigen Jahrzehnten noch Entwicklungsland, ist der Stadtstaat in Südostasien heute eine wichtige Handels- und Bankenmetropole und eines der wohlhabendsten Länder der Erde.

Lee Kuan Yew, der Singapur von 1959 bis 1990 regierte, wird einmal vom „Wall Street Journal“ nach der wichtigsten Erfindung des letzten Jahrtausends befragt. Seine Antwort: „Die Klimaanlage. Sie erlaubt es den Bewohnern der Tropen, das Klima der fortgeschrittenen Zivilisationen aus den kühleren Regionen herzustellen.“

Bei allen Erfolgen hat die Technik auch Schattenseiten. Im klimatisierten und damit kühlen Büro oder Hotelzimmer holt man sich leicht eine Erkältung, denn der abrupte Wechsel zwischen hohen und niedrigen Temperaturen stresst das Immunsystem.

Gesundheitsprobleme im kalten Zimmer

Um abrupte Temperaturschwankungen zu vermeiden, sollten Klimaanlagen also nicht zu kühl eingestellt werden – mehr als 6 Grad Celsius dürfe der Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen nicht betragen, sagen Experten. Auch gereizte Haut und Schleimhäute, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen werden der klimatisierten Luft zugeschrieben.

Den Siegeszug der Klimaanlage stört das kaum. Das alles hat Willis Haviland Carrier nur noch in Ansätzen erlebt. Er stirbt 1950 in New York City; die ganz großen Ehrungen kommen erst posthum. 1985 wird er in die National Inventors Hall of Fame der USA aufgenommen und 1998 führt ihn das Time-Magazin in der Liste der 100 wirkmächtigsten Personen des 20. Jahrhunderts auf.

Carriers Unternehmen, die Carrier Global Corporation, sitzt heute in Palm Beach Gardens in Florida, hat mehr als 53.000 Mitarbeiter und vertreibt ihre Produkte in über 160 Ländern auf sechs Kontinenten. Das Geschäft umfasst stationäre Klimageräte für den privaten und gewerblichen Bereich sowie Kühl- und Klimatechnik für den Fahrzeugbau und die Lebensmittelindustrie.

Carrier kauft deutsche Wärmepumpen

Im April taucht Carrier in den deutschen Schlagzeilen auf, als der Branchenriese das Wärmepumpengeschäft von Viessmann übernimmt. Denn Wärmepumpen sind gefragt. Klassische Klimaanlagen dagegen konnten sich in deutschen Häusern nie durchsetzen. Während in den USA 90 Prozent aller Haushalte klimatisiert sind, sind es hierzulande nur drei Prozent.

Ein Grund sind die hohen Strompreise, denn Klimageräte fressen sehr viel Energie. Außerdem liegt Deutschland – noch – in der gemäßigten Klimazone.

Leserhinweis

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Das aktualisierte E-Paper der RHEINPFALZ am SONNTAG lesen Sie sonntags ab 5 Uhr mit der RHEINPFALZ-App. Mehr dazu hier

1906 meldet Willis Haviland Carrier (hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1922) seine Erfindung als „Apparat zur Behandlung von
1906 meldet Willis Haviland Carrier (hier auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1922) seine Erfindung als »Apparat zur Behandlung von Luft« zum Patent an. Nach und nach wird er als »Father of Cool« bekannt. Besonders in den Südstaaten der USA sind seine Geräte gefragt. Heute hat die von Carrier gegründete Firma über 53.000 Mitarbeiter und vertreibt ihre Produkte in über 160 Ländern.
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