Klimawende
Warum die Energiewende so nicht funktioniert
Vorneweg: Die sieben Professoren des Westfälischen Energieinstituts sind keine Gegner der grünen Energie. Auch ihrer Meinung nach kann derzeit nur sie das Schlimmste beim Klimawandel verhindern.
Aber Heinz-Josef Bontrup, Christian Fieberg, Ralf-Michael Marquardt, Andreas Wichtmann, Michael Brodmann, Markus Jan Löffler und Andreas Schneider stellen eine einfache Frage: Wie soll das gehen? Und decken die tiefen Klüfte auf zwischen Anspruch, Wunsch und Wirklichkeit.
So soll nach dem Willen der Bundesregierung bis 2050 die benötigte Energiemenge von jährlich 2000 Terawattstunden vor allem aus Sonne und Wind gedeckt werden. Das aber wird nicht funktionieren, sagen die Experten. Denn Stromverbrauch und Erzeugung durch Sonne und Wind sind nie deckungsgleich, vor allem nicht in den Wintermonaten.
Wenn es um Minuten oder Stunden geht, ließen sich die Lücken mithilfe von intelligenten Stromnetzen und Kurzzeitspeichern schließen. Doch für alles andere brauche es große Wasserstoffreservoirs. Unter anderem auch deshalb, weil die Netze nicht darauf ausgelegt sind, dass Wind und Sonne zu viel Strom auf einmal einspeisen. Dann müssen die Überschüsse gekappt werden.
Wasserstoffspeicher Mangelware
Doch gerade bei den Langzeitspeichern sieht es derzeit schlecht aus. Um die 700 Terawatt importierten Wasserstoff zu bunkern, der nötig ist, braucht es eine Verdrei- bis Versechsfachung der vorhandenen Kapazitäten, schätzen die Fachleute. Und bis ein Kavernenspeicher in Betrieb geht, dauert es zehn bis 15 Jahre.
Zudem müssen 200 neue Wasserstoffkraftwerke die Dunkelflauten auffangen, Wetterlagen also, in denen keine Sonne scheint und kein Wind weht. 32 Gigawatt Leistung schaffen die vorhandenen Gaskraftwerke. Das bedeutet, dass die derzeit installierte Leistung verdreifacht werden muss. Was nur geht, wenn der Ausbau sieben Mal schneller vorangetrieben wird als im Moment. Planung, Genehmigung und Bau von Wasserstoffanlagen dauern im Schnitt sechs Jahre.
„Angesichts dieser Zweifel an der Realisierbarkeit des Ausbautempos haben wir mit Blick auf die Versorgungssicherheit große Bedenken, ob ein Vorziehen des Kohleausstiegs auf das Jahr 2030 sachgerecht ist“, heißt es in dem Papier. Parallel dazu müsse der Ausbau von Gaskraftwerken, die auf Wasserstoff umrüstbar sind, unbedingt Priorität haben. „Wirtschaftlichkeitsberechnungen liegen hier nicht einmal im Ansatz vor.“
Auch, ob man überhaupt genug grünen Wasserstoff importieren kann, bezweifeln die Forscher: „Hierfür muss das Ausland fast 1400 Terawatt grünen Wasserstoff pro Jahr erzeugen – also mehr, als Deutschland selbst erzeugen kann. Das halten wir für eine Fiktion.“
Das leidige Geld
Und dann ist da noch das leidige Geld. Zwar hätte Deutschland als reiche Nation genug Mittel, um das Ganze zu schultern, heißt es in dem Positionspapier. Da aber in den vergangenen Jahrzehnten die Energiewende verschlafen wurde und die Politik Bereiche wie Bildung, Ausbildung oder öffentliche Infrastruktur kaputtgespart hat, tritt die Umstellung auf grünen Strom jetzt in Konkurrenz zu anderen dringenden Vorhaben, die ebenfalls finanziert werden wollen.
„Das bedeutet, auf circa 90 Milliarden Euro pro Jahr für die Energiewende kommen noch rund 250 Milliarden Euro pro Jahr für zukünftig dringend benötigte staatliche Investitionen und Ausgaben hinzu“, rechnen die Wissenschaftler vor. Die Politik hoffe zwar auf einen Wachstumsschub, der das alles finanziert. Den Weg in die Klimaneutralität soll in erster Linie der private Sektor schultern. Doch es fehle durch die Sünden der Vergangenheit allein schon an den nötigen Fachkräften für einen Innovations- und Wirtschaftsschub.
Die Fachleute erwarten deshalb Verteilungskonflikte und soziale Spannungen, die auch das Versprechen nicht lindert, dass der Klimaschutz am Ende allen zugutekommt. Denn das setze voraus, dass die Erderwärmung tatsächlich gebremst wird. „Dies wiederum erfordert, dass nicht nur Deutschland, sondern auch die anderen Länder massiv den Klimaschutz vorantreiben. Die aktuellen Entwicklungen lassen erhebliche Zweifel daran aufkommen.“
Da künftige Generationen von der Energiewende profitieren sollen, während sie die gegenwärtige Gesellschaft zu stemmen hat, sollten die Nachkommen an der Finanzierung beteiligt werden, schlagen die Forscher von der Westfälischen Hochschule vor: „Das geht nur über Staatsverschuldung. Statt über Sondervermögen fiskalisch zu tricksen, sollte dazu die Schuldenbremse abgeschafft werden.“
Grundsätzlicher Denkfehler
Die angestrebte Klimaneutralität beruhe auf einem „grundsätzlichen Denkfehler“, kritisieren die Experten. Weder Politik noch Wissenschaft bezögen die kapitalistischen Spielregeln mit ein in ihre Überlegungen. „Dies erklärt möglicherweise auch das Fehlen eines bis heute von der Bundesregierung nicht vorgelegten Masterplans zur Energiewende“, schreiben die Professoren. Der aber müsste aufzeigen, wer künftig das Preisschild für die Natur zu bezahlen hat.
„Die entstehenden Umweltschutzkosten werden in die betriebswirtschaftlichen Kalkulationen der Unternehmen einfließen müssen und die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfungskette nachhaltig verändern“, führen die Experten aus. „Am Ende der Wertschöpfungskette steht immer der ohnmächtige Verbraucher. Er muss die erhöhten Preise bezahlen.“
Das ließe sich nur lösen, indem man die mindestens 2,4 Billionen Euro, die seit 1993 im wiedervereinigten Deutschland an Einkommen eingebüßt und anderweitig umverteilt wurden, wieder an die Endverbraucher zurückgibt.
Doch dazu müsste die Politik sich zum Beispiel durchringen, die Körperschaftssteuer von Kapitalgesellschaften zu erhöhen, die Steuerhinterziehung rigoros zu bekämpfen, besonders die Kapitalerträge konsequent zu besteuern oder eine einmalige Abgabe für Vermögensmilliardäre einzuführen.
Trotzdem dürfe der Veränderungsdruck nicht zu Kopflosigkeit und Überforderung führen, mahnen die Fachleute. Selbst in einem wohlhabenden Land wie der Bundesrepublik brauche die Energiewende „eine Balance zwischen dem klimapolitischen Forcieren, dem technisch Machbaren und der ökonomischen Tragfähigkeit insbesondere für finanzschwache Haushalte und stark betroffene Branchen und Unternehmen“. Weder sei die grüne Energie zum Nulltarif zu haben noch werde es ein zweites Wirtschaftswunder geben. Das müsse klar kommuniziert werden.
Atomkraft: der Notnagel
Dass die Nuklearenergie keine Alternative ist, um das Klima zu retten, hat vor einiger Zeit ein internationales Team unter anderen von der TU Berlin durchkalkuliert. Die Wissenschaftler argumentieren vor allem wirtschaftlich: Mitte 2021 lag das Durchschnittsalter der Meiler weltweit bei 32 Jahren und damit bei drei Viertel der üblicherweise angesetzten technischen Lebensdauer von 40 Jahren. Bis 2030 müssten demnach 207 Reaktoren vom Netz und weitere 152 bis 2059. Dem stehen aber bloß 52 laufende Neubauprojekte gegenüber.
Das liegt an den hohen Ausgaben. Allein in den USA haben sich die Baukosten für die Meiler zwischen 1970 und 1989 verfünfzehnfacht. In Frankreich waren die Atomanlagen, die nach 1990 ans Netz gingen, 3,5-mal so teuer wie 1970. Bereits seit der Jahrtausendwende ist die Kernenergie nicht mehr konkurrenzfähig mit Kohle und Erdgas, zeigen US-Studien. Und in den 2020er Jahren erreichten alle Staaten der G20 mit Photovoltaik und Windenergie niedrigere Stromgestehungskosten als mit Kernkraft, Erdgas oder Kohle.
Auch die neuen Reaktortypen, die derzeit entwickelt werden, hält das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung für ungeeignet. Der Bau dieser Anlagen in großem Stil bleibe wegen ihrer Unwirtschaftlichkeit „unwahrscheinlich“, es gebe viele ungeklärte Sicherheitsfragen und es würden weder die Endlagerprobleme noch die drängenden Fragen des Klimaschutzes damit gelöst, heißt es der aktuellen Studie.
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Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.