Fußball-EM RHEINPFALZ Plus Artikel War’s ein Fest? Tops und Flops der Europameisterschaft

Völlig losgelöst: Er ist eines des Gesichter dieser Fußball-Europameisterschaft in Deutschland abseits des Rasens: André Schnura
Völlig losgelöst: Er ist eines des Gesichter dieser Fußball-Europameisterschaft in Deutschland abseits des Rasens: André Schnura verlor seine Arbeit als Lehrer an einer Musikschule und begann, für die Menschen auf den Fanmeilen zu spielen. Schnell wurde er zum »EM-Typ mit dem Saxophon« -manchmal mit prominenter Begleitung: Star-Geiger David Garrett macht mit – und die Menschen feiern.

Vier Wochen Dauer-Fußball gehen verdammt schnell vorbei, auch wenn die deutsche Elf bei der Heim-EM nicht bis zum Ende dabei war. Vor dem Finale zwischen Spanien und England ist es Zeit für ein Fazit. Wir haben gesammelt: Top und Flops in fünf Kategorien.

Fans

Top: Schotten

Es gab eine friedliche Invasion in München, eine in Köln und eine in Stuttgart – und viele Menschen, nicht nur Schotten, hätten sich weitere Einsätze gewünscht. Aber Schottland blieb sich treu und schaffte es erneut nicht über die Gruppenphase der Euro hinaus. Dennoch sind die Schotten ein Gewinner der EM, denn sie stehen stellvertretend für eine riesige, friedliche Party. Die Anhänger vieler Nationen machten positive Schlagzeilen, die Niederländer beispielsweise hüpften von links nach rechts.

München fest in schottischer Hand.
München fest in schottischer Hand.

Aber niemand symbolisierte die Freude an einer unbeschwerten Feier mitten in Europa in schwierigen Zeiten besser als die Anhänger aus Schottland. Feuchtfröhlich ging es zu, in den Arenen sangen sie lautstark. Immer positiv, fast immer freundlich – nur dem Erzrivalen England galt hier und da ein kritischer Zwischenruf. Bei der Nationalhymne der Schotten hatten die neutralen Zuschauer in den Stadien Gänsehaut. Zudem beeindruckte die „Tartan Army“ mit Selbstironie, weil sie das Vorrundenaus munter besang.

Flop: Türken

Vermutlich war es nirgends lauter als bei den Spielen der türkischen Mannschaft. Die Unterstützung durch die Anhänger könnte kaum leidenschaftlicher sein, kaum emotionaler. Die Fans des türkischen Teams waren eine Bereicherung für die Europameisterschaft. Das Team von Vincenzo Montella profitierte davon, dass viele türkischstämmige Deutsche dafür sorgten, dass die Türkei sich wie ein zweites Heimteam fühlen durfte.

Türkische Fans zeigen den Wolfsgruß.
Türkische Fans zeigen den Wolfsgruß.

Doch die Erinnerungen an die Schlachtenbummler werden nicht ausschließlich positiv sein, weil es nicht allen gelang, ihren Fokus für den Sport zu behalten. Spätestens mit dem Aufruf der „Turkish Ultras“, während der Nationalhymne vor dem Viertelfinalduell gegen die Niederlande den sogenannten „Wolfsgruß“ zu zeigen, wandelte sich der Eindruck. Profi Merih Demiral hatte den als rechtsextrem geltenden Gruß im Achtelfinale gegen Österreich gezeigt und war daraufhin von der Uefa gesperrt worden. Durch die Politisierung durch Teile der Fans wurde eine Grenze überschritten – ein Schatten, der sich über den Gesamtauftritt der türkischen Fans legte. Michael Wilkening

Schiedsrichter

Top: Disziplin

Na, hatten Sie auch so viel Freude an etwas, das gar nicht vorhanden war? An etwas, an das wir uns immer mehr haben gewöhnen müssen, obwohl es uns zumeist nicht gefiel? Dass es uns oft schlichtweg genervt hat. Und bei dieser EM war es weg. Fast komplett. Und kaum einer hat es vermisst. Liebe Uefa, du machst nicht immer etwas so richtig richtig. Aber die Entscheidung, dass nur noch die Kapitäne mit dem Schiedsrichter diskutieren dürfen, die war toll. Richtig toll. Keine Rudelbildungen mehr, keine endlosen Debatten auf dem Spielfeld über mehr oder weniger bedeutsame Entscheidungen. Das hat uns gefühlt fünf Minuten Spielzeit mehr pro Partie geschenkt. Und hohen Blutdruck vermieden, wenn bei engen Spielständen und fast ablaufender Uhr Debatten wichtiger waren als die nächsten Pässe. Gut. In den K.o.-Spielen hat es dann doch die eine oder andere Abweichung gegeben. Aber insgesamt ging es auch da. Und nun hätten wir das gerne auch im deutschen Profifußball. Danke.

Flop: VAR

Werden zentrale Entscheidungen in Fußballspielen immer öfter immer enger? Oder ist das nur eine gefühlte „Wahrheit“, dass der Videoassistent immer häufiger befragt wird? Und immer häufiger auch Fragezeichen beim Betrachter hinterlässt. War der Spieler tatsächlich diesen Millimeter im Abseits? Ging die Hand zum Ball, der Ball zur Hand, war die Haltung des Arms natürlich oder unnatürlich? So faktisch richtig zumindest die Abseitsentscheidungen dank modernster Technik auch sein mögen – irgendwie geht tatsächlich ein wenig die Freude am Fußball flöten, wenn man bei mindestens jedem zweiten Tor Minuten darauf warten muss, ob es denn wirklich ein Tor war.

Da war es pasiert: Handspiel Cucurella. Gegen Deutschland. Die wohl umstrittenste (Nicht-) Entscheidung des Turniers.
Da war es pasiert: Handspiel Cucurella. Gegen Deutschland. Die wohl umstrittenste (Nicht-) Entscheidung des Turniers.

Sollten die Videoassistenten zu Anfang nicht mal nur zum Einsatz kommen, wenn es eine klare Fehlentscheidung war. Und nun? Man bekommt das Gefühl nicht los, als würden die Schiedsrichter auf dem Platz alles Kibbelige in den Keller delegieren. Weniger wäre hier mehr. Und, liebe Uefa, wenn du das derzeitige Verfahren wirklich überdenken solltest – denk auch gleich noch über die Handspielregeln nach. Die versteht kein Mensch mehr. Wolfgang Pfeiffer

Gastgeber

Top: Geduld gelobt

Deutschland war ein großartiger Gastgeber dieser Europameisterschaft. Völlig zu Recht bekam Deutschland von seinen Gästen viel Lob für die Organisation. Die Abläufe waren fast reibungslos. Die vielen Tausend Volunteers in ihren grünen Jacken spiegelten diese Gastfreundschaft, sie waren aufmerksam, höflich, geduldig und beantworteten immer wieder die gleichen Fragen. Überall waren Anlaufstellen, schon in den Hauptbahnhöfen gab es Info-Schalter. Bei Zwischenfällen im Öffentlichen Personennahverkehr reagierte das Personal besonnen. Deutschland, zwölf Punkte, Germany, twelve points, Allemagne, douze points.

Flop: Geduld gefragt

Die Deutsche Bahn hat für einige Negativschlagzeilen gesorgt. Am Dienstag musste die Pressekonferenz der Niederländer vor dem Halbfinale ausfallen, weil der Zug nicht fuhr. Schlecht. In Sachen Nachhaltigkeit ist noch viel Verbesserungspotential. Die EM als „nachhaltigstes Turnier der Geschichte“? Flüge von München nach Stuttgart wie von den Spaniern oder von Düsseldorf nach Paderborn von den Franzosen passen nicht ins Bild. Störend waren die vielen Flitzer während der Spiele – und dass ein Mann in Dortmund beim Achtelfinale zwischen Deutschland und Dänemark auf das Dach klettern konnte, um Fotos zu machen, wirft die Frage auf, ob das Sicherheitskonzept Lücken aufwies.

Nervig: Selfie-Jäger auf dem Platz.
Nervig: Selfie-Jäger auf dem Platz.

Und: In München pfiffen die Zuschauer den Spanier Marc Cucurella im Halbfinale gegen Frankreich durchweg aus, nachdem er im Viertelfinale gegen Deutschland ein Handspiel fabrizierte. Das war unmöglich, das war nicht angebracht. Spaniens Trainer Luis de la Fuente relativierte: Diese Zuschauer hätten weder den Sport noch Deutschland repräsentiert. „Deutschland ist ein außergewöhnlicher Gastgeber“, sagte er. Udo Schöpfer

Teams

Top: Die Kleinen

Einmal mehr verbreiteten die vermeintlich „Kleinen“ unter den Fußballfans Freude und Spaß. Jene, von denen es gerne heißt, sie hätten bei einer EM nichts zu suchen und würden nur von dem Mehr an Teilnehmern profitieren. Stattdessen sind sie eine Bereicherung für das Turnier, Georgien zum Beispiel: Der Mannschaft von Ex-Bayern-Profi Willy Sagnol gelang bei der ersten EM-Teilnahme gleich der Sprung ins Achtelfinale. Das Team zeigte nicht nur Leidenschaft, sondern schnelles Umschaltspiel – und hat in Georges Mikautadze einen echten Torjäger. Im Tor überzeugte Giorgi Mamardashvili.

Georgien hat Spaß gemacht, ...
Georgien hat Spaß gemacht, ...

Für Georgien war der Einzug in die K.o.-Phase ein geschichtsträchtiger Moment, genauso wie für Rumänien. Trotz des Ausscheidens im Achtelfinale überzeugte die Mannschaft von Trainer Edward Iordanescu mit Offensivfußball, etwa im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine. Beim 3:0 spielten sich die Rumänen in einen Rausch. Für die Slowakei war das Viertelfinale greifbar, bis zur 94. Minute gegen England. Einem Traumtor von Jude Bellingham folgte die Niederlage in der Verlängerung. Bis dahin zeigten die Slowaken, was die „Kleinen“ gerne ausmacht: Kampf und Wille.

Flop: Die Großen

Ganz anders die „Großen“. Sie gehören dazu bei einer EM, aber eine Bereicherung? England „glänzte“ – bis ins Halbfinale – mit biederen Vorstellungen. Uninspiriert, unattraktiv, aber erfolgreich. Ist es das, was zählt? Ohne auch nur ein Tor aus dem Spiel geschossen zu haben gelang Frankreich der Einzug ins Halbfinale, ausschließlich Elfmeter- und Eigentore standen auf der Habenseite. Finesse? Harte Arbeit. Wobei der harte Vorarbeiter, Trainer Didier Deschamps, seit 2012 im Amt, inzwischen eher weich wirkt.

... Italien nicht.
... Italien nicht.

Für das Halbfinale hat es noch einmal gereicht. Anders Italien: Der Titelverteidiger enttäuschte auf ganzer Linie, ohne Torhüter Gianluigi Donnarumma wäre wohl nicht erst im Achtelfinale Schluss gewesen. Mathias Wagner

Spieler

Top: Wunderkind Yamal

Was haben Sie mit 16 Jahren so den ganzen Tag lang gemacht? Wahrscheinlich Vieles, das Sie heute als „dummes Zeug“ betiteln würden. Ihrer Fußballmannschaft den Weg ins Finale eines großen Turniers zu bereiten, dürfte eher nicht dazu gehören. Doch genau das hat Lamine Yamal für Spanien geschafft. Erst am Wochenende wird er 17. Bei Spanien ist Yamal aus der Stammformation nicht wegzudenken und gegen Frankreich im Halbfinale hat er ein echtes Traumtor erzielt. Damit wurde er zum jüngsten Torschützen bei einem großen Turnier der Geschichte. Hinzu kommen bei seinen sechs Einsätzen noch drei Torvorlagen.

Kunstschütze und Zahnspangenträger: Lamine Yamal.
Kunstschütze und Zahnspangenträger: Lamine Yamal.

Auch sonst war der Zahnspangenträger eine echte Augenweide. Immer wenn der Teenager den Ball bekam war klar: Jetzt wird’s gefährlich. So manchen Verteidiger hat das Supertalent richtig alt aussehen lassen, ganz gleich, ob sie mal etwas ruppiger zu Werke gingen – den 16-Jährigen hat das nicht beeindruckt. Extrem abgezockt. Chapeau!

Flop: Faulpelz CR7

Am Höhepunkt des eigenen Schaffens aufzuhören, die eigenen Leistungen nicht durch einen schwachen Abschluss zu trüben – Toni Kroos hat das geschafft. Cristiano Ronaldo leider nicht. 39 Jahre ist der Portugiese mittlerweile alt. Selbst bei Torhütern kann man da von „hohem Alter“ sprechen. Und bei Feldspielern? Gut, Teamkollege Pepe setzt mit seinen 41 Jahren noch einmal einen obendrauf. Aber um den dreht sich das ganze Spiel von Portugal auch nicht. Um Ronaldo hingegen schon. Und das war schlecht.

Stand oft rum: Cristiano Ronaldo.
Stand oft rum: Cristiano Ronaldo.

Wer den heutigen Mittelstürmer noch aus seinen Glanzzeiten kennt, damals auf den Flügeln unterwegs, für den war die EM nur schwer zu ertragen. Von der einstigen Beweglichkeit war nicht mehr viel zu sehen. Regelmäßig stand der fünfmalige Weltfußballer im Abseits herum und nahm seinen Mitspielern damit eine wichtige Anspielstation. Und immer wieder gingen Verteidiger aus Zweikämpfen mit CR7 als Sieger hervor. Vor einigen Jahren wäre das nur eines gewesen: undenkbar. Julian Laber

imago1042990800

Fußball-Europameisterschaft 2024 in Deutschland

Gibt es ein Sommermärchen 2024? Kommt Deutschland weiter? Und welche Spieler stecken alle anderen in die Tasche? Alle Infos zur Meisterschaft, Neuigkeiten von der Nationalmannschaft und jede Menge Berichte rund um die Spiele vor Ort lesen Sie hier.
Foto: Imago Images/Beautiful Sports

An dieser Stelle finden Sie Umfragen von Opinary.

Um Inhalte von Drittdiensten darzustellen und Ihnen die Interaktion mit diesen zu ermöglichen, benötigen wir Ihre Zustimmung.

Mit Betätigung des Buttons "Fremdinhalte aktivieren" geben Sie Ihre Einwilligung, dass Ihnen Inhalte von Drittanbietern (Soziale Netzwerke, Videos und andere Einbindungen) angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an die entsprechenden Anbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät notwendig. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

x