Fußball-EM
War’s ein Fest? Tops und Flops der Europameisterschaft
Fans
Top: Schotten
Es gab eine friedliche Invasion in München, eine in Köln und eine in Stuttgart – und viele Menschen, nicht nur Schotten, hätten sich weitere Einsätze gewünscht. Aber Schottland blieb sich treu und schaffte es erneut nicht über die Gruppenphase der Euro hinaus. Dennoch sind die Schotten ein Gewinner der EM, denn sie stehen stellvertretend für eine riesige, friedliche Party. Die Anhänger vieler Nationen machten positive Schlagzeilen, die Niederländer beispielsweise hüpften von links nach rechts.
Aber niemand symbolisierte die Freude an einer unbeschwerten Feier mitten in Europa in schwierigen Zeiten besser als die Anhänger aus Schottland. Feuchtfröhlich ging es zu, in den Arenen sangen sie lautstark. Immer positiv, fast immer freundlich – nur dem Erzrivalen England galt hier und da ein kritischer Zwischenruf. Bei der Nationalhymne der Schotten hatten die neutralen Zuschauer in den Stadien Gänsehaut. Zudem beeindruckte die „Tartan Army“ mit Selbstironie, weil sie das Vorrundenaus munter besang.
Flop: Türken
Vermutlich war es nirgends lauter als bei den Spielen der türkischen Mannschaft. Die Unterstützung durch die Anhänger könnte kaum leidenschaftlicher sein, kaum emotionaler. Die Fans des türkischen Teams waren eine Bereicherung für die Europameisterschaft. Das Team von Vincenzo Montella profitierte davon, dass viele türkischstämmige Deutsche dafür sorgten, dass die Türkei sich wie ein zweites Heimteam fühlen durfte.
Doch die Erinnerungen an die Schlachtenbummler werden nicht ausschließlich positiv sein, weil es nicht allen gelang, ihren Fokus für den Sport zu behalten. Spätestens mit dem Aufruf der „Turkish Ultras“, während der Nationalhymne vor dem Viertelfinalduell gegen die Niederlande den sogenannten „Wolfsgruß“ zu zeigen, wandelte sich der Eindruck. Profi Merih Demiral hatte den als rechtsextrem geltenden Gruß im Achtelfinale gegen Österreich gezeigt und war daraufhin von der Uefa gesperrt worden. Durch die Politisierung durch Teile der Fans wurde eine Grenze überschritten – ein Schatten, der sich über den Gesamtauftritt der türkischen Fans legte. Michael Wilkening
Schiedsrichter
Top: Disziplin
Na, hatten Sie auch so viel Freude an etwas, das gar nicht vorhanden war? An etwas, an das wir uns immer mehr haben gewöhnen müssen, obwohl es uns zumeist nicht gefiel? Dass es uns oft schlichtweg genervt hat. Und bei dieser EM war es weg. Fast komplett. Und kaum einer hat es vermisst. Liebe Uefa, du machst nicht immer etwas so richtig richtig. Aber die Entscheidung, dass nur noch die Kapitäne mit dem Schiedsrichter diskutieren dürfen, die war toll. Richtig toll. Keine Rudelbildungen mehr, keine endlosen Debatten auf dem Spielfeld über mehr oder weniger bedeutsame Entscheidungen. Das hat uns gefühlt fünf Minuten Spielzeit mehr pro Partie geschenkt. Und hohen Blutdruck vermieden, wenn bei engen Spielständen und fast ablaufender Uhr Debatten wichtiger waren als die nächsten Pässe. Gut. In den K.o.-Spielen hat es dann doch die eine oder andere Abweichung gegeben. Aber insgesamt ging es auch da. Und nun hätten wir das gerne auch im deutschen Profifußball. Danke.
Flop: VAR
Werden zentrale Entscheidungen in Fußballspielen immer öfter immer enger? Oder ist das nur eine gefühlte „Wahrheit“, dass der Videoassistent immer häufiger befragt wird? Und immer häufiger auch Fragezeichen beim Betrachter hinterlässt. War der Spieler tatsächlich diesen Millimeter im Abseits? Ging die Hand zum Ball, der Ball zur Hand, war die Haltung des Arms natürlich oder unnatürlich? So faktisch richtig zumindest die Abseitsentscheidungen dank modernster Technik auch sein mögen – irgendwie geht tatsächlich ein wenig die Freude am Fußball flöten, wenn man bei mindestens jedem zweiten Tor Minuten darauf warten muss, ob es denn wirklich ein Tor war.
Sollten die Videoassistenten zu Anfang nicht mal nur zum Einsatz kommen, wenn es eine klare Fehlentscheidung war. Und nun? Man bekommt das Gefühl nicht los, als würden die Schiedsrichter auf dem Platz alles Kibbelige in den Keller delegieren. Weniger wäre hier mehr. Und, liebe Uefa, wenn du das derzeitige Verfahren wirklich überdenken solltest – denk auch gleich noch über die Handspielregeln nach. Die versteht kein Mensch mehr. Wolfgang Pfeiffer
Gastgeber
Top: Geduld gelobt
Deutschland war ein großartiger Gastgeber dieser Europameisterschaft. Völlig zu Recht bekam Deutschland von seinen Gästen viel Lob für die Organisation. Die Abläufe waren fast reibungslos. Die vielen Tausend Volunteers in ihren grünen Jacken spiegelten diese Gastfreundschaft, sie waren aufmerksam, höflich, geduldig und beantworteten immer wieder die gleichen Fragen. Überall waren Anlaufstellen, schon in den Hauptbahnhöfen gab es Info-Schalter. Bei Zwischenfällen im Öffentlichen Personennahverkehr reagierte das Personal besonnen. Deutschland, zwölf Punkte, Germany, twelve points, Allemagne, douze points.
Flop: Geduld gefragt
Die Deutsche Bahn hat für einige Negativschlagzeilen gesorgt. Am Dienstag musste die Pressekonferenz der Niederländer vor dem Halbfinale ausfallen, weil der Zug nicht fuhr. Schlecht. In Sachen Nachhaltigkeit ist noch viel Verbesserungspotential. Die EM als „nachhaltigstes Turnier der Geschichte“? Flüge von München nach Stuttgart wie von den Spaniern oder von Düsseldorf nach Paderborn von den Franzosen passen nicht ins Bild. Störend waren die vielen Flitzer während der Spiele – und dass ein Mann in Dortmund beim Achtelfinale zwischen Deutschland und Dänemark auf das Dach klettern konnte, um Fotos zu machen, wirft die Frage auf, ob das Sicherheitskonzept Lücken aufwies.
Und: In München pfiffen die Zuschauer den Spanier Marc Cucurella im Halbfinale gegen Frankreich durchweg aus, nachdem er im Viertelfinale gegen Deutschland ein Handspiel fabrizierte. Das war unmöglich, das war nicht angebracht. Spaniens Trainer Luis de la Fuente relativierte: Diese Zuschauer hätten weder den Sport noch Deutschland repräsentiert. „Deutschland ist ein außergewöhnlicher Gastgeber“, sagte er. Udo Schöpfer
Teams
Top: Die Kleinen
Einmal mehr verbreiteten die vermeintlich „Kleinen“ unter den Fußballfans Freude und Spaß. Jene, von denen es gerne heißt, sie hätten bei einer EM nichts zu suchen und würden nur von dem Mehr an Teilnehmern profitieren. Stattdessen sind sie eine Bereicherung für das Turnier, Georgien zum Beispiel: Der Mannschaft von Ex-Bayern-Profi Willy Sagnol gelang bei der ersten EM-Teilnahme gleich der Sprung ins Achtelfinale. Das Team zeigte nicht nur Leidenschaft, sondern schnelles Umschaltspiel – und hat in Georges Mikautadze einen echten Torjäger. Im Tor überzeugte Giorgi Mamardashvili.
Für Georgien war der Einzug in die K.o.-Phase ein geschichtsträchtiger Moment, genauso wie für Rumänien. Trotz des Ausscheidens im Achtelfinale überzeugte die Mannschaft von Trainer Edward Iordanescu mit Offensivfußball, etwa im ersten Gruppenspiel gegen die Ukraine. Beim 3:0 spielten sich die Rumänen in einen Rausch. Für die Slowakei war das Viertelfinale greifbar, bis zur 94. Minute gegen England. Einem Traumtor von Jude Bellingham folgte die Niederlage in der Verlängerung. Bis dahin zeigten die Slowaken, was die „Kleinen“ gerne ausmacht: Kampf und Wille.
Flop: Die Großen
Ganz anders die „Großen“. Sie gehören dazu bei einer EM, aber eine Bereicherung? England „glänzte“ – bis ins Halbfinale – mit biederen Vorstellungen. Uninspiriert, unattraktiv, aber erfolgreich. Ist es das, was zählt? Ohne auch nur ein Tor aus dem Spiel geschossen zu haben gelang Frankreich der Einzug ins Halbfinale, ausschließlich Elfmeter- und Eigentore standen auf der Habenseite. Finesse? Harte Arbeit. Wobei der harte Vorarbeiter, Trainer Didier Deschamps, seit 2012 im Amt, inzwischen eher weich wirkt.
Für das Halbfinale hat es noch einmal gereicht. Anders Italien: Der Titelverteidiger enttäuschte auf ganzer Linie, ohne Torhüter Gianluigi Donnarumma wäre wohl nicht erst im Achtelfinale Schluss gewesen. Mathias Wagner
Spieler
Top: Wunderkind Yamal
Was haben Sie mit 16 Jahren so den ganzen Tag lang gemacht? Wahrscheinlich Vieles, das Sie heute als „dummes Zeug“ betiteln würden. Ihrer Fußballmannschaft den Weg ins Finale eines großen Turniers zu bereiten, dürfte eher nicht dazu gehören. Doch genau das hat Lamine Yamal für Spanien geschafft. Erst am Wochenende wird er 17. Bei Spanien ist Yamal aus der Stammformation nicht wegzudenken und gegen Frankreich im Halbfinale hat er ein echtes Traumtor erzielt. Damit wurde er zum jüngsten Torschützen bei einem großen Turnier der Geschichte. Hinzu kommen bei seinen sechs Einsätzen noch drei Torvorlagen.
Auch sonst war der Zahnspangenträger eine echte Augenweide. Immer wenn der Teenager den Ball bekam war klar: Jetzt wird’s gefährlich. So manchen Verteidiger hat das Supertalent richtig alt aussehen lassen, ganz gleich, ob sie mal etwas ruppiger zu Werke gingen – den 16-Jährigen hat das nicht beeindruckt. Extrem abgezockt. Chapeau!
Flop: Faulpelz CR7
Am Höhepunkt des eigenen Schaffens aufzuhören, die eigenen Leistungen nicht durch einen schwachen Abschluss zu trüben – Toni Kroos hat das geschafft. Cristiano Ronaldo leider nicht. 39 Jahre ist der Portugiese mittlerweile alt. Selbst bei Torhütern kann man da von „hohem Alter“ sprechen. Und bei Feldspielern? Gut, Teamkollege Pepe setzt mit seinen 41 Jahren noch einmal einen obendrauf. Aber um den dreht sich das ganze Spiel von Portugal auch nicht. Um Ronaldo hingegen schon. Und das war schlecht.
Wer den heutigen Mittelstürmer noch aus seinen Glanzzeiten kennt, damals auf den Flügeln unterwegs, für den war die EM nur schwer zu ertragen. Von der einstigen Beweglichkeit war nicht mehr viel zu sehen. Regelmäßig stand der fünfmalige Weltfußballer im Abseits herum und nahm seinen Mitspielern damit eine wichtige Anspielstation. Und immer wieder gingen Verteidiger aus Zweikämpfen mit CR7 als Sieger hervor. Vor einigen Jahren wäre das nur eines gewesen: undenkbar. Julian Laber

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Foto: Imago Images/Beautiful Sports